Ich erinnere mich noch genau an das Gefühl, wenn bei SchülerVZ plötzlich stand: "Post für Dich!" Jedes Mal schoss mir der Gedanke durch den Kopf: Hat mein Schwarm mir geschrieben? Mann, war das aufregend! Manchmal hat er mich sogar "gegruschelt" – eine virtuelle Umarmung und eine von gefühlt maximal zehn Funktionen des Netzwerks. Ich nutzte diese vor allem, um mir Fotos von den Haustieren meiner Freundinnen anzuschauen oder mit meinen Cousinen und Cousins zu chatten, die in ganz Deutschland verstreut wohnten.
Als ich mich dort anmeldete, war ich in der sechsten Klasse, also etwa zwölf Jahre alt. Ganz schön jung, aber noch im Rahmen der Altersbeschränkung. Meine Eltern hatten kaum Bedenken. Natürlich gab es auch vor rund 15 Jahren schon Cybermobbing, aber im Vergleich zu heute waren soziale Netzwerke harmloser. Keine Kriegsberichte in Dauerschleife, kaum Werbung und weniger sexualisierte Inhalte.
Ein Verbot löst das Systemproblem nicht
Zwar waren Instagram, Facebook und Co. von Beginn an auch für Ältere zugänglich, und doch wurde es erst dann unschön, als Erwachsene die sozialen Medien zu dem machten, was sie heute sind. Als Unternehmen, Medien und die Social-Media-Konzerne selbst entdeckten, wie sie damit maximalen Profit herausschlagen können. Als Konzerne begriffen, dass sich mit personalisierter Werbung Milliarden verdienen lassen, als Medien versuchten, ihre Zukunftsängste in Instagram-Profilen aufzufangen, und als Berufspolitiker meinten, sie müssten ihren Wahlkampf auf Tiktok austragen. Als die Plattformen begannen, Nutzer*innen durch Endlos-Scrolling und manipulative Designs süchtig zu machen.
Und genau diese problematischen Geschäftsmodelle sollen jetzt ein Social-Media-Verbot für Jugendliche begründen.
In einem Positionspapier schlägt die SPD-Bundestagsfraktion vor, Kindern unter 14 Jahren die Nutzung von Instagram, Snapchat und Tiktok pauschal zu verbieten. Da sich sogar Spitzenpolitiker der Union, darunter Bundeskanzler Friedrich Merz, dafür aussprechen, scheint eine politische Einigung bereits sicher.
Doch ein bloßes Verbot bekämpft nur die Symptome, nicht die Ursache. Es ändert rein gar nichts an den Mechanismen, die soziale Netzwerke heute so problematisch machen. Und hier liegt die eigentliche Ironie: Dieselbe Generation von Erwachsenen, die mit ihren Geschäftsmodellen die ursprüngliche Idee der Netzwerke zerstört hat, will der Jugend nun den Zugang verwehren, weil die Plattformen nicht mehr sicher sind.
Die Antwort auf die Gefahren im Netz darf nicht der pauschale digitale Ausschluss sein. Ein striktes Mindestalter würde Jugendliche nämlich auch von den Vorteilen ausschließen, etwa von gesellschaftlichen Debatten oder der Chance, frühzeitig einen gesunden Umgang mit Technik zu lernen. Letzteres ist bitter nötig, denn wenn man sich die Verbreitung von Fake News und Hassrede anschaut, mangelt es nicht nur den Jugendlichen an Medienkompetenz.
Zudem ist die Forderung nach einem Verbot moralisch fragwürdig, solange wir Erwachsenen selbst am Esstisch kaum das Smartphone aus der Hand legen können. Das ist nicht nur inkonsequent, sondern schiebt auch die Verantwortung für ein gesundes digitales Leben einseitig auf Kinder und Jugendliche ab.
Dass Handlungsbedarf besteht, ist unbestritten. Doch statt die Jugendlichen auszusperren, sollten wir die Plattformen dazu zwingen, ihre schädlichen Geschäftsmodelle zu ändern. Ein Verbot lässt diese nämlich völlig unangetastet.
Das SPD-Papier liefert mit einer speziellen Jugendversion für 14- bis 16-Jährige, bei der Suchtfaktoren wie das endlose Scrollen technisch unterbunden werden, eine sinnvolle Idee. Früher bedeuteten überschaubare Funktionen auch überschaubare Präventionsmaßnahmen. Als meine Mitschüler damals auf SchülerVZ eine "Anti-Gruppe" gegen eine Mitschülerin gründeten, folgte ein Tag Mobbing-Prävention mit der ganzen Klasse. Was es braucht, ist eine Regulierung der Plattformen sowie Medientrainings für Kinder und Jugendliche. Ein bloßes Verbot würde sie irgendwann völlig unvorbereitet mit der Realität von Social Media konfrontieren.
Was die Dauerbeschallung so gefährlich macht, ist schließlich die Tatsache, dass undurchsichtige Algorithmen über die Inhalte entscheiden und nicht mehr wir selbst. Eigentlich bräuchten wir alle diese abgespeckte Version: Ohne manipulative Algorithmen kämen wir der ursprünglichen Idee sozialer Medien – dem echten Austausch – wieder deutlich näher.
