Rassismus
Wir Schwarze haben Deutschland mitgeprägt!
Marion Kraft wurde 1946 in Gelsenkirchen geboren. Im Roman "Weltenwechsel" hat sie verarbeitet, wie es ist, als schwarzes Kind hier großzuwerden. Sie weiß, wie Verständnis zwischen Schwarzen und Weißen wachsen kann
Marion Kraft trägt eine Brille und einen pinken Schal und steht zwischen lila Tüchern.
Marion Kraft über Rassismus, Erinnerung und das Aufwachsen zwischen den Welten
China Hopson
Tim Wegner
29.06.2026
5Min

chrismon: Sie haben bisher nur wissenschaftliche Bücher herausgegeben. Warum mit 79 Jahren noch einen Roman?

Marion Kraft: Es gibt bis heute nur wenige fiktionale Texte, in denen Schwarze Menschen als selbstverständlicher Teil deutscher Geschichte sichtbar sind. Wenn Schwarze vorkommen, dann oft als stereotype Randfiguren. Gerade in der Nachkriegszeit wurden Schwarze Männer häufig als Gefahr dargestellt und weiße Frauen in Beziehungen mit Schwarzen Soldaten als Prostituierte. Diesen Bildern wollte ich etwas entgegensetzen. Außerdem trage ich diese Geschichte schon lange mit mir herum. Meine Lieblingsautorin Toni Morrison hat einmal gesagt: "Wenn es das Buch nicht gibt, das du lesen willst, dann musst du es schreiben." Genau so ging es mir mit dieser Geschichte.

Marion Kraft

Marion Kraft, geboren 1946 in Gelsenkirchen, ist afrodeutsche Literaturwissenschaftlerin, Autorin, Dozentin und Übersetzerin. Sie beschäftigt sich in ihren Publikationen mit Rassismus, Literatur von Schwarzen Autorinnen, Feminismus und der Schwarzen Bewegung in Deutschland. Kraft veröffentlichte vier Bücher u.a. 2018 ein Werk über Begegnungen mit Audre Lorde. "Weltenwechsel" ist ihr erster Roman.

In Ihrem Roman geht es um eine Schwarze Frau, die in der Nachkriegszeit aufwächst. Sie ist Tochter einer weißen Deutschen und eines Schwarzen US-Amerikaners. Wie viel von Ihnen steckt in der Hauptfigur Julia?

Die Geschichte hat viel mit meinem Leben zu tun. Aber ich möchte nicht, dass sie als Autofiktion oder gar Autobiografie gelesen wird. Es gibt Dinge, die habe ich selbst erlebt. Andere habe ich von Menschen gehört, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Und manches ist erfunden. Figuren entwickeln im Schreiben irgendwann ein Eigenleben. Die Großmutter Berta zum Beispiel ähnelt meiner eigenen Großmutter sehr. Ich habe sie aber ein wenig idealisiert. So entstehen Figuren eben.

Warum gibt es noch keine vergleichbaren Romane?

Weil Schwarze Menschen in der deutschen Geschichte lange unsichtbar gemacht wurden. Erst mit der Schwarzen Bewegung Anfang der 1980er Jahre wurde stärker ins öffentliche Bewusstsein gebracht, dass Menschen afrikanischer Herkunft schon immer Teil Deutschlands waren. Ob wie Julias Vater im Roman als Befreier vom Faschismus oder wie Julia selbst als in Deutschland geborenes Kind eines deutschen Elternteils.

Schwarze Menschen waren immer Teil dieser Gesellschaft. Viele leben seit Generationen hier. Trotzdem hält sich bis heute die Vorstellung, Deutschland sei ethnisch homogen. Das war nie so. Mit dem Roman möchte ich dieser Fremdheitswahrnehmung etwas entgegensetzen – ohne erhobenen Zeigefinger.

"In einem Roman kann man miterleben, wie sich Ausgrenzung anfühlt"

Marion Kraft

Bei einem Sachtext denken viele schnell: "Ja, Rassismus gibt es, aber ich bin ja nicht rassistisch."

Das ist eine typische Abwehrreaktion. Dabei sind wir alle von rassistischen Strukturen geprägt. Die Frage ist doch: Wie gehe ich damit um? Hinterfrage ich die Ursachen? Beschäftige ich mich mit Geschichte – mit Kolonialismus, Faschismus, Sklaverei? Das kommt in Schulen kaum vor. In einem Roman kann man miterleben, wie sich Ausgrenzung anfühlt. Julia spürt schon als Kind, dass etwas nicht stimmt. Sie kann es nur noch nicht benennen.

Im Roman wird deutlich, wie subtil Rassismus oft funktioniert.

Dieses ungläubige "Sie sprechen aber gut Deutsch. Woher kommen Sie denn?" begegnet mir bis heute. Kürzlich im Krankenhaus fragte mich eine Nachtschwester als Erstes, woher ich komme.

Vielen Menschen erscheint diese Frage harmlos. Warum erleben Sie sie als ausgrenzend?

Den meisten Menschen ist gar nicht bewusst, wie ausgrenzend das ist. Aber die Frage wird nicht allen gestellt, sondern nur Menschen, die als "nicht zugehörig" gelesen werden. Dahinter steckt oft unausgesprochen: Du gehörst eigentlich nicht hierher. Dieser dauerhafte Rassismus macht krank. Wenn ich mein Gegenüber darauf hinweise, kommt häufig: "Aber das war doch nicht böse gemeint, das habe ich doch nur aus Interesse gefragt."

Wie sollte man stattdessen reagieren?

Man sollte offen sagen: "Das tut mir leid. Das war falsch." Wichtig ist, Kritik annehmen zu können. Fehler machen wir alle. Ich auch. Es geht gar nicht darum, wie das gemeint war. Wenn ich das als Betroffene als verletzend erlebe, sollte mein Gegenüber zuhören und bereit sein, auch mal die Perspektive zu wechseln. Oft erlebe ich bei weißen Menschen diese Abwehr: "Jetzt bin ich traurig, dass du mich kritisierst." Aber anders kann doch kein echtes Gespräch entstehen.

Sie sprechen im Roman auch über Freundschaften zwischen Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen.

Ich finde solche Freundschaften sehr bereichernd. Aber sie entstehen nicht dadurch, dass man "gern diverse Freunde hätte". Sondern durch gemeinsames Interesse, gemeinsames Leben, gemeinsame Erfahrungen. Ich habe gerade Gedichte der afroamerikanischen lesbischen Dichterin Pat Parker übersetzt.

Eines heißt sinngemäß: "An die weiße Person, die meine Freundin sein will." Die ersten Zeilen lauten: "Erstens: Vergiss, dass ich Schwarz bin. Zweitens: Vergiss niemals, dass ich Schwarz bin." Da steckt eigentlich schon alles drin. Vergiss deine Vorurteile über mich – aber sieh auch meine Erfahrungen.

"Rassismus ist eine Geißel, von der wir alle betroffen sind"

Marion Kraft

Was können gerade jüngere Generationen aus Ihrem Buch mitnehmen?

Rassismus ist eine Geißel, von der wir alle betroffen sind, unabhängig davon, in welchem Ausmaß wir darunter leiden. Es verhindert so viel an Miteinander und dass wir von anderen Geschichten und Kulturen lernen können. Gerade für die jüngere Generation Schwarzer Menschen in Deutschland kann so ein Roman empowernd sein, weil sie immer noch wenig von ihrer eigenen Geschichte wissen.

Ich wollte aber auch etwas über die Nachkriegszeit erzählen. Ich stelle immer wieder fest, dass die jungen Generationen darüber oft wenig wissen. In dem Roman geht es auch um andere Dinge, die die Zeit geprägt haben: Ausgrenzungen, Klassengegensätze und die Ideologie des Faschismus, die ja auch nach 1945 noch stark in die Zeit hineingewirkt hat.

Marion Kraft:
"Weltenwechsel", Orlanda-Verlag,
416 Seiten,
€ 26,-

Wie war es, im "Land der Täter" aufzuwachsen?

Mit dem Begriff "Land der Täter" bin ich vorsichtig. Es ist schließlich auch das Land von BIPoCs - Black, Indigenous, and other People of Color - und anderen Minderheiten. Auch wir haben das Land geprägt und viel geleistet. Es ist also eher ein Land, in dem eben auch diese Täterinnen und Täter leben oder ihre Nachfahren. Diese Gesellschaft ist vielfältig. Ich habe mich sowohl mit meiner weißen deutschen Geschichte auseinandergesetzt als auch mit meiner Schwarzen amerikanischen und afrikanischen Herkunft. Nicht alles daran ist positiv, aber nichts davon sollte verdrängt werden.

Derzeit erleben wir weltweit wieder eine stärkere Tendenz zum Faschismus. Ist das für Sie spürbar?

In Deutschland ist vor allem spürbar, dass Projekte gekürzt werden – Bildungsarbeit, Frauenprojekte, antirassistische Initiativen.

Das Buch beginnt nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Julias Vater stirbt vermutlich durch den Koreakrieg. Später engagiert sie sich gegen den Vietnamkrieg. Welche Rolle spielt Krieg in Ihrem Roman?

Es sollte bewusst ein Antikriegsroman sein. Krieg zieht sich wie ein roter Faden durch Julias Leben. Er zerstört Familien, Beziehungen und Zukunftspläne. Deshalb macht es mir Sorgen, dass wir heute wieder ganz selbstverständlich über Aufrüstung und Kriegstüchtigkeit reden. Im Buch geht es letztlich auch um die Frage: Wie wollen wir zusammenleben? Und wie verhindern wir, dass Menschen gegeneinander aufgehetzt werden?

Ihre Antwort?

Einmischen. Nicht wegsehen. Zuhören. Voneinander lernen und akzeptieren, dass Vielfalt nichts Bedrohliches ist. Viele denken, sie hätten keine Macht. Aber meine Freundin und Mentorin Audre Lorde sagte einmal: "Jede von uns hat irgendeine Macht. Wir müssen sie nur nutzen."

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