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In der Heimat Ihrer Eltern in Oromia, Äthiopien gibt es einen Baum namens Odaa, unter dem sich Menschen versammeln, um Konflikte zu lösen. Fehlen uns solche Orte in Deutschland?
Yared Dibaba: Es gibt sie, auf Neudeutsch heißen sie Safe Space oder - besser noch - Safer Space.
Welche Orte sind das? Und warum "Safer" Space?
Damit meine ich Orte, an denen wir Fragen stellen können, ohne dass sofort jemand verletzt ist. Safer Space macht klar: Es gibt keine absolute Sicherheit, dass keine verletzenden Worte fallen.
Yared Dibaba
Haben Sie dafür ein Beispiel?
Mein Freund Brix Schaumburg ist ein trans Mann. Auf seinen Lesungen sagt er: "Das hier ist ein Raum, in dem ihr alles über trans Menschen fragen könnt." Das ist ein tolles Angebot, weil er sich verletzbar macht und sagt: Hier bin ich, lasst uns reden! Es gibt so viele Vorurteile – und er macht uns ein Geschenk, damit wir, die wir nicht queer oder trans sind, besser verstehen dürfen, was ein trans Mensch auf der eigenen Lebensreise durchmacht.
Dürfen Menschen in einem Safer Space Dinge fragen, die verletzend sein können, zum Beispiel rund um das Thema Migration?
Ich biete Diversity-Workshops an. Wir vereinbaren, dass wir vertrauensvoll zusammenarbeiten. Und dann kommen Fragen. "Warum können wir das N-Wort nicht mehr sagen?" Oder: "Was meinst du mit Rassismus?" Und dann kommen wir ins Gespräch.
Welche rassistische Erfahrung hat Sie verletzt?
Rassismus ist wie ein Soundtrack, der die ganze Zeit läuft, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr. Manchmal ist er leise, manchmal extrem laut.
Wann zum Beispiel?
Als ein Polizist George Floyd in den USA tötete, fühlte ich das. Oder als Lorenz, ein junger Afrodeutscher, in Oldenburg erschossen wurde – das hätte mein Sohn sein können. Manchmal ist es auch nur ein Wort, das mich daran erinnert: Ich habe Schwarze Haut und gehöre nicht dazu.
Warum engagieren sich nicht mehr Menschen gegen Rassismus?
Wir erleben, wie Menschen ihre Stimmen erheben, von denen wir früher nicht viel mitbekommen haben – queere Menschen, Muslime, Juden, Schwarze . . . Sie alle wollen teilhaben. Manchen geht das zu schnell, und es wird ihnen zu kompliziert. Sie haben den Eindruck, nicht mehr das sagen zu können, was früher möglich war. Dieses Privileg haben sie verloren; das empfinden manche sogar als eigene Diskriminierung. Ist es aber nicht!
Warum nicht?
Weil wir lernen müssen, mit Veränderungen klarzukommen. Das ist anstrengend. Und wenn dann jemand einfache Lösungen verspricht, ist das verlockend. Aber die gibt es nicht. In meinen Workshops möchte ich den Menschen Lust auf Veränderung machen!
Was lernen die Menschen in Ihren Kursen?
Sie erkennen, dass wir Menschen unterschiedlich sind und gleichzeitig viel gemeinsam haben. Ganz wichtig ist: Diese Erkenntnis muss von Herzen kommen, nur über den Verstand gelingt es nicht.
Sind Kirchengemeinden auch Safer Spaces?
Ja, das können sie auf jeden Fall sein. Nächstenliebe ist hier wichtig; der Wunsch, zusammenzuhalten, verbindet uns in diesen Räumen. Hier wollen die Leute gut miteinander umgehen. Das ist eine gute Basis, die wir feiern sollten. Wir sind immer noch mehr in der Gesellschaft, die das Gute wollen.
Yared Dibaba: "Bin da, wer noch? Für eine Zukunft, in der das Wir
gewinnt". Verlag bene!, 224 Seiten, 21 Euro.
Buchtipp: Yared Dibaba: "Bin da, wer noch? Für eine Zukunft, in der das Wir gewinnt". Verlag bene!, 224 Seiten, 21 Euro.


