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Diese Pianoalben changieren sämtlich zwischen Neo-Klassik, Jazz und auch Pop. Und bei allen ist Offenheit als wichtiger Bestandteil des musikalischen Konzepts zu verstehen, um beim Hören das zu erreichen, was sich die Künstler und die Künstlerin vorstellen.
So klingen die Risse einer verletzlichen Seele
Luis Berra wurde in Nicaragua als Sohn einer argentinischen Mutter und eines italienischen Vaters geboren, wuchs aber überwiegend in Italien auf und lebt heute im Bayerischen Wald. Klavier spielt er seit seinem sechsten Lebensjahr. Seine These, das besagt auch der Titel seines Albums ("A Piano Won’t Fix Your Tormented Soul"): Musik vermag nicht zu heilen. Sie kann aber sehr wohl begleiten im Leben – auch und vor allem in den schwierigen Phasen und bei den Erfahrungen, die Menschen zweifeln lassen.
Mit der Musik auf diesem Album versucht er zu zeigen, wie die Risse in einer verletzlichen Seele klingen. Im Booklet dazu findet sich ein selbst verfasstes Gedicht von Berra, das ein bisschen wie ein Manifest zu seinen Kompositionen klingt. Darin heißt es unter anderem:
"Meine Stücke sind unsicher, manchmal redundant.
Sie sind schlechte Kinderreime, gesungen in einem Provinzkindergarten.
Sie sollen euch nicht einschläfern,
und sie taugen auch nicht als Soundtrack
für eure schicken Abendessen mit langweiligen Freunden.
Schickt sie auch nicht an geliebte Menschen
oder um jemanden zu erobern –
es wird nicht funktionieren.
(…)
Diese Stücke sind keine Duftkerzen,
kein natürliches Betäubungsmittel.
Meine Stücke erzählen vom Geruch alter Häuser,
von verlassenen Feldern,
vom Schweiß der Kinder nach einem Sommerrennen.
Das sind Stücke, die man nackt hören sollte,
mit den Narben gut sichtbar."
Und so versucht Luis Berra mit diesen Solostücken behutsam, Zwischenräume des Lebens einzufangen, offen zu bleiben. Dabei entsteht Musik, die ehrlich ist, Halt anbietet, die nicht heilt, aber vielleicht verwandelt und der "gequälten Seele" eine Stimme verleiht – die eines Pianos.
"A Piano Won’t Fix Your Tormented Soul" von Luis Berra bei Spotify anhören
Das Unvollkommene als eigener Ausdruck
Diese Offenheit interpretiert der schwedische Jazzpianist Joel Lyssarides ganz ähnlich – und doch wieder mit einem anderen Schwerpunkt: Ihm geht es bei seinen Kompositionen vor allem um das Unvollkommene, das den eigenen Ausdruck ausmacht, den persönlichen Sound formt, den "Faktor Mensch". Zu verdanken hat er diesen Ansatz vor allem seinem Produzenten Andreas Brandis.
Mit diesem war Lyssarides über vier Jahre lang in einem kreativen Dialog – während sich die Musik für sein neues Album langsam entwickelte. Lyssarides berichtet über diesen Austausch: "Es war fast schon therapeutisch. Einerseits weiß Andreas, wozu ich musikalisch in der Lage bin, aber ich habe auch eine Menge Zweifel mit ihm geteilt."
Brandis war es dann auch, der Lyssarides ermutigte, mehr Risiken einzugehen und seinen Perfektionismus zu hinterfragen: "Gerade in einer Zeit, in der Musik immer stärker digital poliert oder gleich komplett von KI generiert wird, interessiert Andreas vor allem das Gegenteil: das Menschliche. Am Ende sind es oft die kleinen Unvollkommenheiten, die Musik lebendig machen."
Und so kommt es vermutlich, dass die entstandenen Stücke reich an Tiefe, Emotion und Ausdruck sind. Konzepte treten völlig in den Hintergrund zugunsten einer Offenheit, in der die Musik aus unmittelbarer Erfahrung entsteht: "Ich setze mich ans Klavier, fühle etwas – und spiele, oft stundenlang."
Und genau diese Erfahrung möchte der Schwede auch den Menschen vermitteln, die seine Musik hören, mittels kleiner Nuancen: subtiler Verschiebungen in Harmonie, Groove und Dynamik. Dazu ein glasklarer, aber nie scharfer Sound beim Anschlagen der Tasten. Und natürlich mittels zweier großartiger Mitmusiker: Niklas Fernqvist am Bass und Rasmus Blixt an den Drums. Am Ende stehen kleine musikalische Momentaufnahmen, die dank ihrer Offenheit auch beim Hören ein Eigenleben entwickeln können.
"Late on Earth" von Joel Lyssarides
Raum für eigene Bilder
Dieser Ansatz wiederum kommt dem, was Alexa Rose unter ihrem musikalischen Projektnamen "kiil" erreichen will, sehr nahe. Die Hamburgerin legt großen Wert darauf, bei ihren Produktionen den Zuhörenden genug Raum für eigene Bilder und Deutungen zu lassen: "Diese Interpretationsfreiheit, die rein instrumentale Musik gibt, gefällt mir. Menschen, die 'Marianengraben' hören, haben vielleicht ganz andere Bilder im Kopf als ich mit meiner vertonten Angst vor der Tiefe des Meeres. Beim Komponieren habe ich mir eine Reise vorgestellt: aus den nachtschwarzen Gewässern der Tiefsee empor, die Begegnung mit unheimlichen Tieren und schließlich die erlösende, hellblaue Wasseroberfläche an der Sonne."
Apropos Sonne: Der Titeltrack des Albums ("Sunny, Eyes Closed") ist ein weiteres gutes Beispiel für die offene Vertonung von Bildern, Gefühlen und Charakteren, wie Alexa Rose sie anstrebt: Er fängt das flirrende Gefühl eines Sommertages ein, wenn man mit geschlossenen Augen im Gras liegt und das grelle Sonnenlicht durch die Lider zu dringen scheint. Auch hier entstehen bei den Menschen, die das Stück hören, unterschiedliche Bilder – die aber auf eine gemeinsame Erfahrung zurückgehen.
Alexa Rose setzt dabei nicht nur auf ihr klassisch geschultes Klavierspiel. Behutsam fügt sie auch elektronische Beats und Synthesizer hinzu. Ihr Komponieren beschreibt sie wie folgt: "Einen Song zu schreiben, ist für mich ein intimer Prozess. Wie wahrscheinlich die meisten Musikerinnen und Musiker beziehe ich dabei Inspiration von überall her. Manchmal ist es eine Phrase oder ein Hook, eine Bassline aus einem anderen Stück. Manchmal ist es aber auch ein Bild mit einer besonderen Stimmung, das ich vertone. Und häufig bin ich es selbst – ein Gefühl, eine Erfahrung." Und so sorgt auch hier eine grundsätzliche Offenheit im Ansatz für ebensolche Erfahrungen mit diesen Stücken, die nicht erklärt, sondern erlebt werden wollen.
Im wahrsten Sinne des Wortes "Kopf-Hörer-Musik"!


