Oft hört man, die AfD sei eine Partei der gepflegten Übellaunigkeit. Aber Sie schreiben: "Der aggressive Populismus und der autoritäre Nationalismus sind eine Quelle der Liebe." Haben wir alle etwas übersehen?
Johannes Hillje: Die AfD verstärkt Sorgen zu Ängsten und macht aus einer passiven Angst eine aktive Wut. Und sie schürt Hass. Das ist unbestritten. Weniger beachtet wird aber, dass die AfD auch das menschliche Bedürfnis nach positivem Gefühlsausgleich bedient – Hoffnung, Stolz und Zugehörigkeit.
Johannes Hillje
Wie schafft die Partei das?
Durch Gemeinschaftsgefühl, eine positive Bindung. Die AfD-Vorsitzende Alice Weidel ruft ihren Anhängerinnen und Anhängern auf Wahlkampfveranstaltungen regelmäßig "Ich liebe euch!" zu, das wird mit viel Jubel erwidert. Daten untermauern diesen Eindruck, die AfD-Anhänger assoziieren ihre Partei stärker mit Hoffnung, als das bei den anderen Parteien und deren Wählerinnen und Wähler der Fall ist. Die AfD ist Hoffnungsträgerin für ihre Anhängerschaft. Das sind die unterschätzten Emotionen des Rechtsautoritarismus. Um diese zu erzeugen, bedient die Partei sich neuer Technologien. Vor allem die generative KI ist dabei behilflich, emotionale Videos und Bilder zu produzieren. Eine Allianz von Demagogie und Technologie, die wir in ähnlicher Form schon mal in der Geschichte hatten.
Wie lassen sich AfD-Wähler zurückgewinnen? Funktioniert das nur mit Gefühlen?
Es gibt zumindest Fehlannahmen über die Wahlmotivation für die AfD. Ich lese häufig, AfD-Wähler stimmten gegen ihre eigenen Interessen, weil das Programm der Partei vor allem den Reichen und den ohnehin Privilegierten der Gesellschaft nutzen würde, aber denen, die ökonomische Sorgen haben, würde es wirtschaftlich und sozial noch schlechter stellen.
Das stimmt ja auch!
Ja, aber das blendet aus, dass AfD-Wähler – und das gilt nicht nur für sie – eben nicht allein rationale, sondern auch emotionale Wahlentscheidungen treffen. Die AfD bietet Gemeinschaft an, Anerkennung und Aufwertung. Sie suggeriert zum Beispiel: Ihr kennt die Wahrheit in unserem Land, dürft sie aber nicht aussprechen, doch wir helfen euch dabei! So etwas wird vom AfD-Wähler höher gewichtet als die konkrete politische Programmatik. Es geht um das Gefühlsangebot. Erst kürzlich hat das wieder die Wahl in Baden-Württemberg deutlich gemacht.
Inwiefern?
Das ist eine ökonomisch immer noch sehr starke Region. Und gerade deshalb ist die Angst vorm Abstieg umso größer. Abstiegsängste und Zukunftssorgen sind vor allem in klassischen Industrieregionen, deren Geschäftsmodell erneuert werden muss, stark ausgeprägt, das sind die Hochburgen der AfD. Sie befreit die Menschen von Veränderungsdruck und steigert deren Selbstwertgefühl, indem sie Sündenböcke und Rückwärtspolitik bietet. Zum Beispiel einen Stopp von Klimaschutzmaßnahmen, die dem Verbrennermotor den Garaus machen wollen und eine große Verschwörung "grün-linker" Eliten seien, um die Leute umzuerziehen.
Wut kann ein populistisches Gefühl sein. Aber könnte es auch eine demokratische Emotion sein?
Unbedingt! Ohne Wut wären viele emanzipatorische Fortschritte in der Gesellschaft gar nicht möglich gewesen. Nehmen wir beispielsweise die Frauenrechtsbewegung, die auch von Wut angetrieben war und Frauen auf die Straße gebracht hat. Wut ist nicht per se antidemokratisch oder demokratisch. Wut entsteht bei Menschen in der Regel, wenn wichtige Werte verletzt werden. Ein zentraler Wert für Demokraten ist zum Beispiel Gerechtigkeit.
Wo sehen Sie diesen Wert verletzt?
Das Thema Wohnen ist von einer großen sozialen Schieflage und Ungerechtigkeit geprägt, der Klimaschutz ebenfalls. Reiche Menschen emittieren deutlich mehr CO2 als ärmere Menschen. Viele Menschen erkennen und benennen soziale Ungerechtigkeiten in Umfragen auch. Sie sehen die Spaltung aber nicht, wie die AfD suggeriert, zwischen Migranten und Einheimischen, sondern zwischen Arm und Reich. Das sind klassische soziale Gerechtigkeitsdebatten. Sie stärker zu emotionalisieren, ohne dabei Feindbilder zu schüren und Unwahrheiten zu verbreiten – das wäre für mich eine demokratische Emotionalisierung. Dann könnte die Wut die Seiten wechseln, von den Rechtspopulisten hin zu progressiven Kräften.
Aber wenn es konkret wird und zum Beispiel eine Vermögenssteuer gefordert wird, hören wir seit Jahrzehnten die gleichen Argumente: bringt nichts, schadet dem Mittelstand, kostet Jobs … Was raten Sie?
Wenn man Vermögende stärker besteuern will, muss man lagerübergreifende Bündnisse bilden. Und man braucht Partner in den Milieus, die selbst von den Maßnahmen betroffen wären. Es gibt heute genug Unternehmer und auch Superreiche, die für eine stärkere eigene Besteuerung eintreten. Das sind unerwartete Verbündete, und mit ihnen Allianzen einzugehen, ist viel erfolgsversprechender, als eine Rhetorik des Wegnehmens und des Klassenkampfes zu gebrauchen. Gerade bei den Themen Vermögens- oder Erbschaftssteuer fällt mir das auf. Die zentrale Botschaft ist oft: Tax the Rich, wir müssen den Reichen was wegnehmen! Das ist zu plump.
"Ein Begriff wie 'Heimatenergie' kann auch in eher konservativen Milieus verfangen"
Johannes Hillje
Was wäre die bessere Botschaft?
Es muss vermittelt werden, was man mit dem Geld erreichen will, wozu man es braucht – konkrete Projekte, um die Gesellschaft nachhaltiger und gerechter aufzustellen, um in Klimaschutz zu investieren, um Bildung gerechter zu machen. Das alles sind lagerübergreifende Ziele, dann wäre die Anhebung von Steuern oder die Erhebung neuer Steuern nur ein Mittel zum gemeinsam angestrebten Zweck. Dieser Zweck muss in den Mittelpunkt gestellt werden, und linke Akteure erwecken zu oft den Eindruck, dass die höhere Besteuerung von Reichen ein Selbstzweck sei – aber das ist nicht ausreichend anschlussfähig.
Kann das auch beim Klimaschutz klappen?
Ja, indem wir gesellschaftliche Ziele – damit meine ich keine technischen CO2-Reduktionsziele - in den Mittelpunkt rücken, die alle teilen. Wir erleben, wie Menschen sich über Preise an Tankstellen oder auf ihrer Heizungsrechnung empören. Das ist verständlich, aber es gibt ja Auswege. Der schnellere Umstieg auf saubere und heimische Energiequellen könnte sie in Zukunft vor Preisschwankungen schützen. Sie machen uns auch unabhängiger von autoritären Regimen in anderen Regionen der Welt und verhindern, dass unser Geld das Land verlässt und in die Ölstaaten fließt. Ein Begriff wie 'Heimatenergie' kann auch in eher konservativen Milieus verfangen.
Was kann jede und jeder Einzelne tun, um Menschen zurückzugewinnen?
Ich bin überzeugt, dass Empathie die wichtigste Emotion in der Demokratie ist. Sie hilft Menschen, sich in die Perspektive und Lage ihrer Mitmenschen hineinzuversetzen und somit auch beispielsweise Kompromisse besser akzeptieren zu können. Empathie ist die Voraussetzung für eine demokratische Solidargemeinschaft. Wer empathisch ist, kann erkennen: Okay, diese Entscheidung war nicht optimal für mich, aber in der Gesamtschau ist sie fair und jeder trägt das bei, was er oder sie kann. Extreme Polarisierung zerstört Empathie, denn dann werden Menschen nur noch in die Kategorien von Freund und Feind eingeteilt. Pluralismus, Toleranz und Empathie kommen in einer solchen Konstellation unter die Räder. In einer Demokratie müssen wir uns nicht alle lieb haben, dürfen uns aber auch nicht als Feinde begegnen.
Johannes Hillje: Mehr Emotionen wagen. Wie wir Angst, Hoffnung und Wut nicht dem Populismus überlassen. Piper. 256 Seiten, 22 Euro.

