Ostern 2026
Müssen wir hoffen - selbst jetzt?
Krieg, Krisen, die Weltlage spitzt sich weiter zu - und mittendrin die Botschaft der Auferstehung. Hoffnung kann manchmal gefährlich sein und doch brauchen wir sie aktuell mehr denn je. Ein Essay
Hoffnung ist kein helles Versprechen, sondern ein leises Weiterleuchten – mitten in einer Wirklichkeit, die oft dagegen spricht. Sie entsteht nicht aus Gewissheit, sondern hält sich gegen Zweifel und Angst
pidjoe / istock
Silke Niemeyer
03.04.2026
6Min

Der Nahe Osten brennt. Die Feinde im Nahen Osten zerstören gegenseitig ihre Gas- und Ölfelder. In den Armenvierteln Asiens gehen den Familien die Gaskartuschen zum Kochen aus. In Afrika geht den Bauern der Dünger aus. Ostern 2026 jubelt der Wahnsinn und tanzt der Tod. Terrorakte, Kriege und das Völkerrecht im Delirium. Tote, Tote, noch mehr Tote. Pandora hat ihre Büchse weit geöffnet, und alle Übel der Welt entweichen. Die Hoffnung zuletzt auch?

Dies wird, auch wenn Ostern ist, kein optimistischer Text. Ich habe augenblicklich keine Hoffnung, dass die Welt besser wird, mal die faden Hoffnungskrümel rausgerechnet, dass Viktor Orbán die Wahl verliert und die amerikanischen Republikaner sich ihren Donald Trump nicht mehr gefallen lassen. Die Nacktheit an Hoffnung, die ich mit vielen teile, ist nichts zum Schämen und nicht mangelnde Resilienz. Sie ist der Widerwille dagegen, sich in Illusionen zu kleiden und sich an Phantasmen zu wärmen.

Silke Niemeyer

Pfarrerin Silke Niemeyer

Silke Niemeyer ist Pfarrerin und Autorin für kirchliche Sendungen im WDR und Deutschlandfunk.

Christen sollen bereit sein, jederzeit Rechenschaft über die Hoffnung abzulegen, die in ihnen ist (1 Petrus 3,15). Die Kirchen sollen Hoffnungstrotz ausstrahlen, und die, die in ihr arbeiten, also auch ich, sollen Agenten und Agentinnen der Hoffnung sein. Wer, wenn nicht wir? Dazu gehört jedoch auch, zu wissen, wann zu schweigen ist. Hoffnung ist nämlich nichts, was eingeredet werden kann.

Die ersten Osterbotschafterinnen, die Frauen, die am dritten Tag nach Jesu Kreuzigung das Grab leer finden, laufen weg vom Ort der Auferstehung. Sie fliehen vor dem jungen Mann in leuchtenden Gewändern, der ihnen seine Auferstehung verkündet. Das ist das älteste Osternarrativ. Das ursprüngliche Markusevangelium endet mit dem Satz: "Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich." (Markus 16,8) Die Rede von der Auferstehung brauchte nicht nur damals, sie braucht jederzeit solche Furcht. Sie braucht das Gefühl dafür, dass sie ungehörig, buchstäblich unmöglich ist angesichts von Folter, Kreuzigung und gewaltsamem Tod. Sie sagten "niemandem nichts", heißt es von den Frauen.

Sprachlosigkeit als Ende des Evangeliums – das ist bemerkenswert; mehr noch, das ist unaushaltbar. Für spätere Leser*innen war es inakzeptabel und vermutlich nicht mehr plausibel, wie der Autor Markus seine Schrift hatte enden lassen. Sie fügten dem ersten Schluss einen ergänzenden zweiten hinzu. In diesen später angehängten Sätzen wird davon erzählt, dass der Auferstandene Menschen erschienen ist und dass er befohlen habe, allen Kreaturen das Evangelium zu verkünden.

Darin manifestiert sich eine Spannung zwischen schweigen und reden, Zurückhaltung und Verkündigungsauftrag. Diese Spannung ist kein Widerspruch. Im Gegenteil: In ihr bewegt sich die Rede von der Auferstehung. Sie muss sich widerspiegeln in der Art und Weise, wie Christen Rechenschaft ablegen von der Hoffnung.

Hoffnung selbst ist ambivalent. Hoffnung stiften ist im Neuen Testament erstaunlicherweise auch das Geschäft des Teufels. Davon erzählt die Geschichte von den Versuchungen des "Diabolos", das Wort heißt wörtlich übersetzt "Durcheinanderwerfer". Dieser Verwirrer lockt Jesus – womit? Mit Hoffnung. "Stürz dich von der Spitze des Tempels herab. Denn es steht doch in der Heiligen Schrift: Gott wird seinen Engeln befehlen, dass sie dich auf Händen tragen." (Matthäus 4,6) Wenn das keine Osterhoffnung ist, ein sattes Versprechen von Leben und Unversehrtheit!

Heute hört sich dies aus dem Mund von evangelikalen Predigern so an: Gottes Plan wird nicht zulassen, dass ihr Menschen die Erde zugrunde richtet, deshalb macht nur weiter so. Der kürzlich verstorbene, höchst einflussreiche US-amerikanische Pastor und Autor John MacArthur beispielsweise ermutigte seine Gläubigen: "So spray away, walk on the grass, kill a deer and drill for oil!" Also "sprüh ruhig weiter, lauf über das Gras, töte einen Hirsch und bohre nach Öl!"

Solche Predigten stiften Hoffnung in Angst vor der Zukunft und Furcht vor Veränderung. Aber gerade deshalb sind sie verführerisch und "diabolisch" im Sinne der genannten Geschichte.

Jesus kontert die Versuchung durch die Hoffnung so: "Genauso steht da auch: Du sollst Gott nicht auf die Probe stellen." (Matthäus 4,7) Das gilt ebenso für die heutige religiöse Versuchung, die Risiken unserer selbstzerstörerischen Lebensweise mit hoffnungsvollen Beschwörungen zu beschwichtigen.

Es gibt die manipulativen und die befreienden, die gemeinen und erhabenen Hoffnungen. Sie sind nicht immer leicht zu unterscheiden oder gar zu bewerten. Ein Freund von mir hofft seit vierzig Jahren, seit seiner Flucht aus dem Iran, darauf, dass die Mullahs zum Teufel gejagt werden, dessen Verbündete sie in seinen Augen sowieso sind. Was ist das für eine Hoffnung angesichts der ausweglosen Realitäten? Eine mehrfach verratene auf jeden Fall, jüngst durch den amerikanischen Präsidenten. Eine verrückte Hoffnung über so viele Jahrzehnte, und zugleich eine, die ihm hilft, nicht verrückt zu werden, auch wenn er längst den deutschen Pass hat. Sie ist seine Triebfeder dafür, dass er eine feste Adresse für Geflüchtete in meiner Heimatstadt ist, wenn sie Hilfe brauchen.

Hoffnung kann man nicht anschaffen, ansparen oder zurücklegen

Diese jahrzehntelange Hoffnung meines Freundes ist nichts, was er hat, so wie man ein Haus zum Wohnen hat, ein Auto zum Fortkommen, ein Medikament zum Gesundwerden. Hoffnung kann ich mir nicht anschaffen, um sie dann zu gebrauchen oder zu verzehren. Ich kann sie nicht ansparen und für Notfälle zurücklegen. Hoffnung ist kein Besitz, sie ist eine Haltung und eine Praxis. Manchmal vergesse ich das und versuche, Hoffnung zu "haben". Es wird ja dauernd gesagt, je mieser die Zeiten werden: Man muss Hoffnung haben! Aber das ist wenig verlockend. Es fühlt sich an wie eine Hausaufgabe oder ein Tool aus dem Baukasten der Selbstoptimierung.

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Hoffnung ist nicht dasselbe wie Optimismus und weit entfernt von Sorglosigkeit. Im griechischen Mythos von Pandora wird die Hoffnung im selben Gefäß aufbewahrt wie die Übel der Welt. Die Hoffnung ruht wohl ganz unten auf dem Grund der Büchse der Pandora, denn sie ist es, die beim Öffnen nicht entweicht.

In der Erzählung von der Auferstehung Christi ist es ähnlich. Die Frauen müssen sich zum Grab begeben und hineinschauen, um die Hoffnung zu finden. Die Philosophin Corine Pelluchon nennt Hoffnung "die Durchquerung des Unmöglichen" und ist mit ihrer kleinen Philosophie der Hoffnung nah an der christlichen Sicht auf Hoffnung: "Wenn die Hoffnung auftaucht, so hat man sie weder gesucht noch erwartet. Sie ist das Unverhoffte. Sie kommt unerwartet, nachdem man dem Tod gegenüberstand – während eines Kampfes gegen die Verzweiflung, den man zu verlieren drohte."

Hoffnung kommt aus der Ahnung, dass die gegenwärtige Wirklichkeit nicht das undurchdringliche Gehäuse ist, aus dem es keinen Ausweg gibt, sondern aufgehoben ist – in dem doppelten Sinn, den das Wort hat – in Gottes Wirklichkeit, die größer ist als meine Zeit und mein Horizont. Oder in den Worten von Leonard Cohen: "There is a crack in everything. That’s how the light gets in."

Wenn ich hoffe, muss ich kein gutes Gefühl haben oder Optimismus ausstrahlen. Wenn ich hoffe, kann ich trotzdem Angst haben, trauern, schlecht drauf sein, realistisch bleiben. Hoffen ist nicht das Gegenteil von alledem. Das gehört alles dazu. Aber ich gehöre zu Gott und darum: Ich halte stand. Ich bleibe geduldig. Ich bleibe liebevoll. Ich bleibe dem Leben treu. Hoffnung ist gelebtes Dennoch.

Ostern ist am ersten Sonntag nach Frühlingsvollmond. Das Datum richtet sich nach dem Mond und nicht nach der Weltlage. Das ist gut, denn die Botschaft, dass die Liebe gegen den Hass siegt und das Leben gegen den Tod, steht immer quer dazu, 2026 ganz besonders. Sie tritt unbeeindruckt auf die Bühne, wird erzählt und erinnert, gesungen und gefeiert, unabhängig von meiner Befindlichkeit. Ich werde mitmachen. Und wenn es der Hoffnung gefällt, wird sie mich unverhofft finden.

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