Das Bild hat die WG vor wenigen Jahren beim Hamburger Kunstmaler Johannes Duwe in Auftrag gegeben. Sabine Rückert mit Tochter oben links.
Johannes Duwe
Wohngemeinschaft
"Von einem trennt man sich leichter als von dreien"
Sabine Rückert, "Zeit"-Redakteurin und bekannte Podcasterin, lebt seit Jahrzehnten in einer Wohn- und Hausgemeinschaft. Warum funktioniert das so gut?
Tim Wegner
23.04.2026
6Min

War es die "beste Entscheidung" ihres Lebens? Sabine Rückert zögert ein wenig. Die beste? Nein, da gab es noch andere.

Aber eine wichtige, eine lebensentscheidende, und vor allem eine gute Entscheidung, ja, das war es. Zusammen wohnen bleiben, von der Berufsanfänger-WG bis jetzt, kurz vor dem Ruhestand. Ja, das war und ist auch heute noch wichtig und stabilisierend für ihr ganzes Leben. Denn (wie ihr Mitbewohner Krischan augenzwinkernd sagt): "Von einem trennt man sich leichter als von dreien."

Ich treffe Sabine Rückert, bis vor Kurzem noch in der Chefredaktion der "Zeit" und eine der bekanntesten Podcasterinnen Deutschlands, in ihrem Büro im sechsten Stock des Pressehauses in Hamburg.

Ein schöner Eckraum mit Vorzimmer, zwei Schreibtischen, einer Chaiselongue, auf der ich Platz nehme und mitschreibe. Es ist schon 17 Uhr, die Flure im Pressehaus – donnerstags ist Erscheinungstag der Wochenzeitung – sind ruhig und leer. Sabine Rückert holt eine Wasserflasche, zwei Gläser, lässt die Türen beim Zurückkommen offen, rückt einen Stuhl heran, legt Füße in den schicken Stiefeletten hoch auf die Kante des einen Schreibtisches übereinander und erzählt.

Über ihr Leben als junge Studentin, erst in WGs in München-Schwabing, dann in Hamburg, Sternschanze. Mal mit Fremden ("Die Erwartungen waren niedrig, wir alle konnten nur gewinnen"), mal mit Freunden ("Enttäuschend, ganz anders als gedacht"). Lebens- und Ehepartner August, den sie schon mit 17 Jahren in der Schule kennen und lieben lernte, war mal Teil der WGs, mal nicht.

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Irgendwann Anfang 30 lebten sie schließlich zu viert in einer WG in Hamburg. Zwei Paare, die sich erst fremd waren und dann Freunde und eng wie Geschwister wurden. Sabine Rückert, Journalistin, ihr Mann August, ein Architekt, die Mitbewohner: Krischan, ein Arzt, und seine Frau Käthe, eine Ergotherapeutin. Mit 36 bekam Sabine Rückert ihre Tochter. Es wurde eng in der Stadt.

Für zwei allein wäre es zu teuer gewesen – zu viert war es möglich

Ein Haus kaufen zu viert? Diese Entscheidung war schnell getroffen, länger dauerte es, bis etwas Passendes gefunden war: draußen, vor den Toren der Stadt, ein Waldgrundstück mit Haus, "wunderschön, aber viel zu groß und verkommen", erzählt sie. Für zwei allein wäre es zu teuer gewesen – zu viert war es möglich.

August, der Architekt, machte sich an die Arbeit, teilte das Haus auf für zwei Parteien. Herzstück in der Mitte im Erdgeschoss: der große Küchentisch im Esszimmer, durch Schiebetüren abtrennbar von den beiden Küchen und Wohnzimmern; jeweils oben befinden sich, abgetrennt voneinander, die Schlafzimmer. "Wir vier wissen praktisch alles voneinander", berichtet Rückert aus dem Alltag. Der Einblick in das Leben der jeweils anderen Partei sei auf Dauer "total", geteilte Wohn- und Schlafbereiche hin oder her.

Käthe und Krischan bekamen zwei Kinder. Die Schiebetüren im Erdgeschoss blieben immer offen, die Kinder sausten mit den Bobbycars hin und her, eine große Wahlfamilie mit "eingeübten" Rollen: Sabine Rückert versteht sich als die "Unterhalterin"; Ehemann August "achtet aufs Haus"; Krischan ist der "Haus-Arzt" und hat die Gesundheit der WG im Blick, und Käthe ist Anlaufstelle für alle Kinder. Sabine Rückert sagt: "Ich war Mutter eines Kleinkinds und konnte problemlos auf Recherche gehen. Ohne Käthe wär das alles nicht gegangen."

Geld? Das hatten sie früh geklärt. Alle vier stehen zu gleichen Teilen im Grundbuch. Der gemeinsame, gleichberechtigte Besitz an Haus und Grundstück bilde das materielle Fundament der Wahlfamilie, fast noch wichtiger jedoch sei ein "gemeinsames Wertesystem": zwei gemischt konfessionelle Ehepaare, Katholiken und Protestanten; zusammen feiere man Weihnachten und Ostern, ein klassisches bürgerliches Leben mit Ritualen, das gibt Halt.

Für die festen Unterhaltskosten von Haus und Grundstück gibt es ein Gemeinschaftskonto. Ganz am Anfang notierten sie noch die Kosten der Einkäufe und rechneten am Monatsende ab, doch bald war klar: "Alle haben ungefähr das Gleiche ausgegeben." Nun läuft es längst ohne Gegenrechnung, mal der eine, mal die andere.

Wenn einer seine Sachen packt, gerät das System in Schieflage

Dass alle vier gut bezahlte Berufe haben, helfe: "Geld schafft Raum", sagt Sabine Rückert. Eine Haushaltshilfe kann finanziert werden, ebenso Gartenarbeiten, Hausrenovierungen. Zum gemeinsamen Besitz gehören mittlerweile zwei weitere Häuser in direkter Nachbarschaft, beide von allen vieren als Gemeinschaft vermietet. Im einen wohnt seit vielen Jahren Sabines Schwester Johanna Haberer, ihre Partnerin beim "Zeit"-Podcast "Unter Pfarrerstöchtern".

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Gemeinsam Vermieter sein, Besitz verwalten, Kinder aufziehen, Ehe- und Lebenskrisen bewältigen – geht das ohne Brüche? "Die richtigen Menschen finden und einander in schwierigen Situationen nicht im Stich lassen", das sei entscheidend, erklärt Sabine Rückert. Und allen sei bewusst: Wenn einer seine Sachen packt und abhaut, dann gerät das System in Schieflage. "Wie bei einem Mobile, wenn Sie einen Teil wegnehmen."

Alle vier feiern mittlerweile ihren "zweiten Geburtstag", sprich, alle haben schon eine lebensbedrohliche Krankheit überlebt und sind wieder gesund. Das wird in der WG jedes Mal festlich begangen. Sowas überstanden zu haben, mache demütig und lebensfroh. Immer wieder fahren die vier zusammen oder in unterschiedlicher Besetzung – oft auch mit der Schwester Johanna, den erwachsenen Kindern, den Patenkindern und deren Lebenspartnern – in Urlaub.

Viele Menschen in ihrem privaten und beruflichen Umfeld kennen die Wohn- und Lebenssituation von Sabine Rückert, auch in der Öffentlichkeit spricht sie offen von ihrem "WG-Leben", wobei ihr klar ist, dass viele beim Wort "Wohngemeinschaft" eher an Stadtwohnung, Schmuddelküche, Krach, wenig Platz und wenig Geld denken. Doch genau wegen dieses Denkens besteht sie darauf: "Natürlich sind wir eine WG – was sonst?"

Geiz, Selbstsucht und Eifersucht sind No-Gos

Wenn sie von ihrem Lebensmodell erzähle, schlage ihr fast immer ein bisschen Bewunderung entgegen, aber auch Zweifel: "Die meisten haben Angst vor Konflikten." Aber: Sind Konflikte in der Kleinfamilie wirklich kleiner und leichter zu bewältigen? Wäre sie Single geblieben, hätte sie ebenfalls diese Wohnform gewählt, zusammen mit anderen, in einer Wohnung, in einem Haus. Als Kleinfamilie im Reihenhaus oder der Eigentumswohnung? Das wäre für sie "der Tod im Topf".

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Jenen, die das Modell nachahmen wollen, empfiehlt sie dringend: "Früh anfangen." Mit Anfang 40 zusammen ein Haus kaufen? Das sei fast schon zu spät, besser ganz jung anfangen, wenn sich jeder noch selbst finden muss und deshalb offener auf andere zugeht. Und bei der Suche nach Mitbewohnern auf Charaktereigenschaften achten. "No-Gos" sind: "Geiz, Selbstsucht, Eifersucht und andere Arten von Kleinlichkeit."

Trotz allem, was gut läuft – bei vier Erwachsenen und drei Kindern gibt es natürlich Konflikte und Probleme. Dann trifft man sich "wie die alten Germanen zum Thing" am Esstisch, und es wird beraten. Kleine Alltags- und große Grundsatzfragen: Soll und darf der hilfsbedürftige Vater von Käthe ins Nachbarhaus ziehen? Ja, war möglich, bis er starb. Stört es das System, wenn Sabines Schwester Johanna in das andere Nebenhaus einzieht? Wurde diskutiert und verneint. Seither kommt Johanna täglich zum Frühstück, oft auch zum gemeinsamen Abendessen, doch fester Teil der WG will und soll sie auch nicht sein: "Schwesternabstand" sei dringend notwendig.

Überhaupt – die Ruhe: "Ich bin die Einzige, die auch mal Türen richtig dichtmacht, weil mir der Rummel zu viel wird." Dann wissen alle: Sabine will nicht gestört werden. Umgekehrt würde sie den Wohnbereich von Käthe und Krischan im ersten Obergeschoss nie ohne Anklopfen betreten, denn bei aller Offenheit und trotz offener Schiebetüren gilt: "Es gibt einen Privatbereich der jeweiligen Familie und den respektieren wir."

Und was wird im höheren Alter? Was, wenn die Treppen nicht mehr erklimmbar, der Garten unbewältigbar, die Entfernung zu Läden und Stadt mit dem Auto nicht mehr überwindbar sein werden?

Noch seien alle fit und gesund, den Ernstfall wirklich zu planen mache jetzt noch keinen Sinn, meint Sabine Rückert, denn "niemand weiß, wann und wie er eintreten wird". Denkbar ist, dass die Kinder eines Tages das Haus übernehmen und die "Alten" in eine Mietwohnung in die Stadt ziehen. Vielleicht kann man auch eine gemeinsame Pflege organisieren. Sabine Rückerts Eltern gründeten einst das Augustinum. Sie überlegt, im höheren Alter mit ihrem Ehemann dort einzuziehen. Aber: All das könne man nicht voraussehen, sagt sie. Und hängt eine ihrer Lebensmaximen dran: "Man sucht erst nach der Brücke, wenn man den Fluss erreicht hat."

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Kolumne

Dorothea Heintze

Wohnen wollen wir alle. Bitte bezahlbar. Mit Familie, allein oder in größerer Gemeinschaft. Doch wo gibt es gute Beispiele, herausragende Architekturen, eine zukunftsorientierte Planung? Dorothea Heintze lebt in einer Baugemeinschaft in Hamburg und weiß: Das eigene Wohnglück zu finden, ist gar nicht so einfach.