Wohnglück - Einfach ein Zimmer abgeben
Julia Pfaller
Neue Architektur
Einfach ein Zimmer abgeben
Wohnungen, die schrumpfen oder auch wachsen können – dank flexibler Grundrisse. Eine Genossenschaft in München hat das Experiment gewagt.
Tim Wegner
Moritz Kipphardt
Aktualisiert am 29.03.2025
2Min

chrismon: Reem, ihr wolltet immer schon anders leben. ­Eure jetzige Wohnung hat einen flexiblen Grundriss. Wunsch erfüllt?

Reem Almannai: Ich finde Ja. Florian und ich gehören in ­München zu einer Gruppe von Architekten, die seit Jahren dafür kämpfen, dass intelligenter gebaut wird.

Intelligenter?

Flexibler, moderner. Viele wünschen sich neue Wohnformen, doch es gibt keine Vorbild­häuser. Unser Haus ist ein Modell für andere.

Durftet ihr und durften die anderen Interessenten die Grundrisse der Wohnungen mitplanen?

Das gehört zur Grundidee dieses Hauses. ­Unsere Architekten haben mit uns Workshops organisiert, wir haben Grundrisse aufgemalt, aus Bastelpapierbögen Möbel ausgeschnitten und sie hier- und dorthin gepackt und sehr viel diskutiert. Das war anstrengend, aber auch sehr verbindend. Ich glaube, wir wussten schon beim Einzug ganz gut, was auf uns zukommt und worauf wir uns eingelassen haben.

Mieten oder kaufen? Stadt oder Land? Alters-WG oder Tiny-Haus? In der chrismon-Serie "Wohnglück" finden Sie gute Beispiele für neue Wohn- und Lebensformen. Als Anregung, zum Nachmachen.

Wohnung vorstellen?

Sie ist zurzeit 110 Quadratmeter groß: zwei Schlafzimmer, zwei Bäder, das Büro, die große Wohnküche. Das Besondere: Büro, Elternschlafzimmer und ein Bad haben zwei Türen – direkt zur Nachbarwohnung oder zum Gemeinschaftsraum, den wir "Treppenzimmer" nennen. Diese Türen sind wie Haustüren geplant, also mehr oder weniger schallsicher.

Wenn ihr ein Zimmer nicht mehr braucht, schließt ihr die Tür ab, und schon gehört es zur anderen Wohnung?

Genau so ist es. Dann könnte einer unserer variablen ­Räume von jedem anderen Menschen im Haus genutzt werden. ­Unsere Nachbarn aus dem dritten Stock haben schon gefragt. Ihr Enkel will nach München ziehen. Würde er unser Bürozimmer als Schlafzimmer über­nehmen, würden wir uns dann auch das Bad mit den zwei Türen teilen. Architekten nennen das gern zuschaltbare Räume oder Schalträume.

Alle zwei Wochen schreibt chrismon-Autorin Dorothea Heintze in ihrer Kolumne "Wohnlage" über Wohnpolitik, neue Wohnformen, gute Architektur und Stadtentwicklung. Einfach per Mail abonnieren.

Sind alle Wohnungen so angelegt?

Nein, unser Haus soll bunt sein. Nicht alle ­wollen so flexibel leben wie wir. Wir haben auch ganz normale Familienwohnungen hier.

Ihr wohnt zur Miete  ...

Ja. Klassisches Eigentum gibt es in einer Genossenschaft nicht und passt nicht zu so einem veränderbaren Modell. Wir brauchen hier Leute mit einer gewissen Großzügigkeit und einem ­gemeinschaftlichen Selbstverständnis. Die Treppenzimmer wurden wie andere Gemein­schaftsräume auch von der Genossenschaft ­finanziert. Das verlangt von allen viel Idealismus.

Nun nimmt der Enkel jeden Tag ein Vollbad. Zahlt ihr dann die höheren Betriebskosten?

Wie in jeder Genossenschaft haben wir auch pro Quadratmeter Anteile gekauft. Wenn jemand anders diesen Raum nutzt, müssen wir neu rechnen, auch Betriebskosten. Ehrlich gesagt: Wie genau wir das dann machen, wissen wir selbst noch nicht. Das gehört alles zum Experiment dazu.

Eine erste Version dieses Textes erschien am 04.05.2021.

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Mehr Infos über die Wohnprojekte der Kooperativen Großstadt in München (Koogro eG) gibt es hier, die ausführenden Architekten leben und arbeiten in Leipzig: ARGE SUMMACUMFEMMER BÜRO GREB, Summa Femmer Greb Architekten GbR

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