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Ohne Kulturkampf geht, so scheint es, gegenwärtig nichts mehr. Dabei bietet die Fußballweltmeisterschaft – blendet man ihren politischen Rahmen einmal kurz aus – einigen Grund, einfach mal fröhlich zu sein. Die bisherigen Auftritte der deutschen Mannschaft konnten das Gemüt erheben. Besonderen Anteil daran hatten Felix Nmecha und Jonathan Tah. Dass die beiden sich jedoch die Freiheit herausgenommen haben, nach dem Spiel zu beten und christliche Jubelgesten zu zeigen, hat bei linken und rechten Meinungsmachern die bekannten Reflexe ausgelöst. Dabei zeigen beide Lager eine erstaunliche Gemeinsamkeit.
Die "taz" empörte sich, wie zu erwarten, darüber, dass sich hier christliche Religiosität öffentlich zeigt. Ein Bewusstsein für die Verheerungen, zu denen ein doktrinärer Atheismus von links im vergangenen Jahrhundert geführt hat, oder für die Verfolgung von Christen in manchen islamischen Ländern oder in Indien gibt es in dieser Redaktion anscheinend nicht. Stattdessen skandalisierte man einzelne unbedarfte Äußerungen in sozialen Netzwerken, die sich als "queer-" und "transfeindlich" deuten ließen. Da musste sich sogar DFB-Präsident Bernd Neuendorf vor Felix Nmecha stellen.
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Sofort setzte die "Welt", wie zu erwarten, zur Gegenempörung an und lobte das Beten und Jesus-Preisen als Rückkehr zu guten alten Zeiten. Das kontrastierte sie mit den angeblich "scheintoten Amtskirchen". Zudem versuchte sie, das Recht auf Religionsfreiheit für Fußballspieler gegen das Engagement für die Rechte queerer Menschen auszuspielen. Das Motiv dieser Frömmigkeitsverteidigung war dabei offensichtlich selbst nicht fromm, sondern politisch. Man wollte den Linken wieder mal eins auswischen.
Überraschend dabei war nur, dass deutlich wurde, dass beide Seiten etwas verbindet, das ich – wenn ich mal streng sein darf – als tendenziell rassistisch bezeichnen würde. Beide – "taz" und "Welt" (und all die anderen Empörungsstifter im digitalen Raum) – verbinden mit dem Beten der beiden afrodeutschen Fußballspieler etwas "ganz anderes": eine expressive Frömmigkeit aus dem Ausland, verbunden mit dunkler Hautfarbe und bestimmten politischen Einstellungen.
Während man sich von links darüber erregt, dass die beiden ihren Glauben so offensichtlich praktizieren, dabei aber nicht allen Sprachregeln des liberalen Komments gehorchen, gibt man sich von rechts entzückt darüber, dass Afrikaner so leidenschaftlich beten können. Jeweils werden das Beten und die Betenden als etwas "Fremdes" dargestellt. Dabei geht es hier doch um zwei Mitglieder der deutschen Nationalmannschaft.
Deshalb möchte ich Folgendes zur Klärung beitragen:
- Öffentliches Beten ist Teil der Religionsfreiheit und deshalb ein unveräußerliches Menschenrecht. Darauf hätte man vor vier Jahren in Katar durchaus hinweisen können.
- Religionsfreiheit darf nicht gegen das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung ausgespielt werden. Die Menschenrechte müssen wir im Ganzen verteidigen – und nicht nur diejenigen, die uns selbst betreffen.
- Es gibt unterschiedliche Frömmigkeitsformen – reflektiertere und emotionalere, dezentere und performativere. Es gibt eben mehrere Christentümer.
- Missionieren ist erlaubt. Aktivisten und Marktteilnehmer aller Art tun es überall und jederzeit. Es sollte nur ohne Manipulation oder psychische und physische Gewalt geschehen. Ob ein öffentliches Gebet einen missionarischen Effekt erzielt, ist schwer zu sagen. Eine Gebetswirksamkeitsforschung gibt es nicht, zum Glück.
- Öffentliches Beten und medial übertragene Bekenntnisse zu Jesus gehören zum Wesen evangelischer Freikirchen. Diese sind nichts Fremdes oder Ausländisches, sondern seit 500 Jahren Teil der deutschen Religionsgeschichte.
- Durch Migration und Globalisierung erhält das, was man nur mit Vorsicht "evangelikal" nennen sollte, eine deutlichere und lautere Stimme in Deutschland. Darüber sollte man weder schimpfen noch jubeln, es ist schlicht Teil unserer heutigen Migrationsgesellschaft.
- Die Veränderung von Stimmverhältnissen sollte zu neuen Gesprächen führen, auch über die Rechte von religiösen und queeren Menschen. Wenn es dabei strittig zugeht, ist das nicht schlimm. Denn das nennt man Demokratie.
- Wie alles hat auch das öffentliche Beten eine Schattenseite. Sie besteht darin, dass der eigentlich intime Akt des Redens mit Gott zu einem medialen Auftritt wird und sich dadurch entfremdet. Jesus von Nazareth wusste zwar noch nichts von Fußballweltmeisterschaften, aber er kannte die Versuchungen des Frommtuns allzu gut. Deshalb empfahl er: "Wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wenn du betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten."
Abschließend noch ein Lesetipp: Allen, die sich über evangelikales Christentum informieren möchten, empfehle ich das wunderbare Buch "Menschen mit Mission: Eine Landkarte der evangelikalen Welt" von Thorsten Dietz.
PS: Der Kulturbeutel heute kommt ausnahmsweise am Donnerstagabend und macht dann eine Woche Urlaub. Am 12. Juli ist er wieder da. Dann wieder Freitags, wie immer.






