"Ich bin fast so alt wie seine Kinder"
Cordula Fleischer (36) und Thomas Vorderhuber (56) aus Burghausen trennen 20 Jahre. Mit den Kindern ihres Mannes ist sie eng befreundet.
Cordula: Ich bin schon immer mit viel älteren Leuten rumgezogen. In einer Bar habe ich Thomas über einen gemeinsamen Freund kennengelernt. Als ich ihn zum ersten Mal sah, wusste ich: Das ist der Mann, den ich mal heiraten werde. Ich war damals erst 18.
Thomas: Ich war schon 38, das Alter meiner Mitmenschen war mir aber immer egal. Zudem war Cordula schon damals relativ reif und geerdet. Sie wusste schon, was sie später arbeiten möchte. Ich fand sie sehr anziehend und mir hat gefallen, dass sie ein Freigeist war. Sie hat vieles hinterfragt und nicht einfach die Meinung von anderen übernommen.
Cordula: Aber es hat noch fünf Jahre gedauert, bis wir zusammengekommen sind.
Thomas: Ich wollte kein Ballast für sie sein oder sie ausbremsen. Schließlich war ich auch mal 18, da hat man viel Blödsinn im Kopf. Sie sollte erst einmal richtig leben, bevor wir zusammenkommen.
Cordula: Wir waren aber Freunde mit "gewissen Vorzügen", wir haben uns regelmäßig getroffen und Sex gehabt. Für mich hatte es damals natürlich Vorteile, einen älteren Freund zu haben. Thomas hatte mehr Geld und konnte mich oft einladen. Ich habe mich aber nie von ihm aushalten lassen.
Thomas: Als wir unsere Beziehung öffentlich gemacht haben, hat mein Vater etwas komisch geschaut. Vermutlich, weil Cordula nur wenig älter ist als seine Enkelkinder. Keiner aus meiner Familie hat etwas gesagt, aber ihre Blicke haben viel verraten.
Cordula: Viele haben nicht erwartet, dass wir einmal heiraten würden.
Thomas: Ich denke, dass es gesellschaftlich kein großes Problem ist, wenn die Frau jünger ist als der Mann. Andersherum wäre es bestimmt schwieriger.
Cordula: Dann gäbe es auch Probleme beim Thema Kinder. Ich wollte nie welche. Thomas hat zwei Kinder aus seiner früheren Beziehung. Die sind fast so alt wie ich.
Thomas: Trotzdem war es nie komisch zwischen euch, oder?
Cordula: Nein, sie fanden es damals super, dass wir zusammengekommen sind und du nicht mehr allein warst. Ich habe nie die Rolle der Stiefmutter eingenommen. Wir haben damals gemeinsame Filmabende gemacht oder einfach nur gequatscht. Besonders mit seiner Tochter bin ich eng befreundet. Wir gehen manchmal was trinken, und sie erzählt mir Dinge, die sie anderen nicht sagen würde. Dass wir keine gemeinsamen Kinder haben, ist für viele Außenstehende befremdlich. Ich wurde immer wieder gefragt, wann wir welche bekommen. Aber ich bin nicht der Typ dafür. Ich will frei sein und reisen.
Thomas: Mir ist es egal, was andere denken.
Cordula: Für mich ist das schwieriger, ich bin nervlich nicht sehr belastbar. Eigentlich kann es mir wurst sein, aber manchmal mache ich mir schon Gedanken darüber, was die Leute über uns denken. Früher haben mich meine Freundinnen gefragt: Was ist, wenn er vor dir stirbt oder schon früh zum Pflegefall wird? Das hat mich schon beschäftigt, aber man weiß ja nie, was passiert.
Thomas: Es gibt aber immer wieder Zeiten, in denen wir merken, dass wir 20 Jahre auseinanderliegen. Nach einer Nachtschicht brauche ich manchmal ein, zwei Tage, um mich zu erholen. Sie akzeptiert das, ist dann aber schon etwas zerknirscht, wenn ich nicht mitkomme zu Freunden. Da muss ich mir eingestehen, dass ich nicht mehr der Jüngste bin.
Cordula: Natürlich ist das schade. Du bist halt einer, der lieber mal zu Hause bleibt. Aber bei uns gilt: Jeder lässt den anderen sein, wie er ist.
"37 Jahre Unterschied, das geht nicht"
Ali Arslan (28) und Markus Pingel (65) aus Hamburg haben sich auf einer Dating-App kennengelernt.
Markus: Anfangs habe ich gezweifelt, ob Ali nicht zu jung für mich ist. Er war erst 21 und ich habe gedacht: 37 Jahre Unterschied, das geht nicht. Ich hatte großen Respekt davor, zusammenzuziehen.
Ali: Warum?
Markus: Du pfefferst nach dem Duschen immer dein Handtuch irgendwohin und deine Klamotten wirfst du auf die Couch. Früher habe ich oft gesagt: Ali, ich bin nicht dein Vater.
Ali: Gut, dass wir beide eigene Wohnungen haben.
Lesetipp: Wie das Zusammenziehen gelingt
Markus: Das ist ein kleines Geheimrezept unserer Beziehung. Wir sehen uns fast jeden Tag, aber jeder hat seinen Rückzugsort. In den sieben Jahren, in denen wir zusammen sind, hat es nur zweimal so richtig geknallt.
Ali: An das eine Mal erinnere ich mich nur ungern. Du warst wegen irgendetwas gestresst, bist laut geworden und extrem abweisend. Ich bin da anders: Bei einem Streit ziehe ich mich zurück, um mich zu regulieren.
Markus: Dass du dich damals zurückgezogen hast, hat mich total getriggert. Ich kannte das aus meiner vorherigen Beziehung. Mein damaliger Partner und ich haben nicht über alles gesprochen, da haben sich Unstimmigkeiten aufgebaut, die zum Problem wurden. Kommunikation ist alles.
Ali: Wir reden über alles. Wenn er mich mal pampig anredet, weil wir im Stress sind und ich schneller machen soll, spreche ich das direkt an. Meist hat sich der Streit dann innerhalb von fünf Minuten erledigt.
Markus: Wir haben das erst im Laufe unserer Beziehung gelernt, solche Sachen direkt anzusprechen. Meist kommt so ein Standardsatz: Ali, ich muss mal kurz was ansprechen. Und dann sind wir schon im Thema.
Ali: Manchmal geht es auch um Markus' Alter.
Markus: Ich merke, dass das Älterwerden jetzt schneller geht. Ich muss nachts öfters auf Toilette und mein Rücken schmerzt hin und wieder. Vor kurzem hatte ich mit einer Magen-Darm-Geschichte zu kämpfen. So etwas kenne ich von früher gar nicht. Bei Ali ist das anders, er strotzt vor Energie und Ideen.
Ali: Ich habe viele Projekte am Laufen und treibe gern Menschen an. Wenn ich Potenzial in etwas sehe, gebe ich 100 Prozent. Diesen Enthusiasmus erwarte ich auch von Markus.
"Als wir uns kennengelernt haben, habe ich mir schon gedacht: Boa, der ist alt"
Ali
Markus: Ich denke mir aber oft nur, was er denn jetzt wieder Neues anfangen will. Das dauert drei Wochen, dann lässt er das Projekt eh wieder sein.
Ali: In solchen Momenten wünsche ich mir manchmal einen Partner um die 30. Einer, der genauso motiviert ist wie ich. Markus' körperliche Alterserscheinungen sind auch ein bisschen ermüdend, aber er macht das mit seiner Lebenserfahrung wett. Wir passen charakterlich gut zusammen.
Markus: Bei den meisten Dingen ergänzen wir uns gut.
Ali: Als wir uns kennengelernt haben, habe ich mir schon gedacht: Boa, der ist alt. Aber ich stehe auf Ältere, wenn sie Autorität und Haltung ausstrahlen. Das finde ich sehr attraktiv.
Ich habe damals in Göttingen gelebt und gerade mein Studium abgebrochen. Ich wollte nach Hamburg ziehen und habe auf einer Dating-App geguckt, was dort so geht. Da habe ich Markus kennengelernt. Ich habe mich einfach mit meinen naiven 21 Jahren mit ihm getroffen.
Markus: Als wir später unsere Beziehung auf Instagram und Tiktok öffentlich gemacht haben, bekamen wir viel Gegenwind: "Was willst du mit dem alten Sack?" Einer hat sogar geschrieben, dass er die AfD wähle, damit man so was wie uns verbiete.
Ali: Es gab aber auch viele positive Stimmen. Die haben Mut gemacht.
Markus: Ja, aber ich denke viel darüber nach, was andere über mich denken. Ich wollte nie so sein wie ältere homosexuelle Männer, die fleischeslüstern auf Jüngere gieren. Diese Abneigung habe ich auf mich übertragen. Ich habe Angst, dass andere mich in diese Schublade stecken.
Ali: Ich habe das nicht so stark wie du. Das kommt vermutlich daher, dass ich mich schon immer rechtfertigen musste. Für das schlechte Deutsch meiner Eltern zum Beispiel. Als jemand mit Migrationshintergrund musste ich mich immer anpassen. Das prägt einen. Und dann sind noch das Schwulsein und der ältere Partner dazugekommen. Das sind drei Schubladen, in die mich manche Menschen stecken wollen.
"Eine Lebensplanung machen wir nicht"
Markus
Markus: Die Blicke der Leute machen es einem nicht einfach.
Ali: Stimmt, ganz kann man das nicht von sich abprallen lassen. Früher habe auch ich viel in die Blicke der anderen reininterpretiert, wenn wir uns geküsst haben. Man küsst sich – und guckt nach links und rechts. Es wird nie einfach sein, nicht darüber nachzudenken, was andere von uns halten.
Markus: Der Altersunterschied bleibt ja bestehen. Wie unsere Beziehung in 15 Jahren aussehen wird, fragen wir uns zum Glück nicht. Wir planen Theaterbesuche oder schöne Reisen, aber eine Lebensplanung machen wir nicht. Stattdessen leben wir im Heute. Ich glaube nicht daran, dass eine Beziehung ewig halten muss.
Ali: Deine Tochter glaubt fest daran. Sie denkt, dass es die perfekte Beziehung gibt.
Markus: Ich wünsche das jedem. Aber die Sicherheit, mit jemandem ein Leben lang zusammenzubleiben, ist eine Illusion. Morgen kann schon alles anders sein. Wenn ich 80 bin und Ali einen Jüngeren haben möchte, ist das für mich in Ordnung. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich ihm etwas verbaue. Das belastet mich.
Ali: Ich bin mir sicher, dass wir den Kontakt nie verlieren werden. Vielleicht sind wir irgendwann keine Partner mehr, aber Freunde werden wir bleiben. Wir sprechen solche realistischen Szenarien an, dadurch haben wir eine viel tiefere Bindung.
Markus: Solche Gedanken können wehtun. Ich bin mir aber sicher, dass ich später nicht allein sein werde. Die Beziehung mit dir ist die beste, die ich je hatte.
"Von deiner Familie war nur deine Mutter bei unserer Hochzeit"
Vor 17 Jahren haben sich Isabella (57) und Chris Fuchs (40) aus Radolfzell kennengelernt. Ihre Hochzeit wurde von fast seiner gesamten Familie boykottiert.
Isabella: Vor 17 Jahren haben wir uns kennengelernt. Chris hat mich einfach angesprochen. Natürlich hat es mir geschmeichelt, er war ja noch so jung. Ich habe seinen Anmachversuch aber nicht ernst genommen und ihn abblitzen lassen.
Chris: Ich habe dich gesehen und fand dich sofort attraktiv.
Isabella: Ein Jahr später sind wir uns wieder begegnet.
Chris: Erst war es nur eine Nacht, wir wollten Spaß haben. Dann ist mehr daraus geworden.
Isabella: Ich habe mir wegen des Altersunterschieds erst Gedanken gemacht. Ich hatte ja schon drei Kinder und wusste nicht, ob du mit deinen 23 Jahren schon Verantwortung für sie übernehmen kannst. Doch es hat von Anfang an wunderbar funktioniert.
Chris: Das war die einzige Hürde zwischen uns. Die Kinder waren schon älter und ich hatte Sorge, dass da Widerstand kommt. Aber sie haben toll mitgemacht.
Isabella: Mittlerweile sind wir seit 16 Jahren verheiratet. Ich habe in ihm alles gefunden, was ich immer gesucht habe. Er ist liebevoll und ein toller Familienmensch.
Chris: Wir haben uns wirklich gefunden. Du bist genauso verrückt wie ich. Wir können spontan verreisen oder zusammen in unserer Werkstatt schrauben. Du bremst dich im Leben nicht selbst aus, das mag ich. Der Altersunterschied war immer nur für andere ein Problem.
Isabella: Von deiner Familie war nur deine Mutter bei unserer Hochzeit, alle anderen hatten sie boykottiert. Das war für uns ein Schock.
Chris: Meine Mutter war da, das war mir wichtig. Beim Rest meiner Familie war es mir nicht so wichtig, da bin ich schmerzfrei.
Isabella: Na ja, das war nicht schön.
Chris: Ich mache mein Glück nicht von anderen abhängig.
Isabella: Sie dachten, dass die Ehe nur ein Jahr halten wird. Sie haben gesagt: "In fünf Jahren verlässt er dich für eine Jüngere." Die Leute denken oft sehr oberflächlich. Manchmal kommen immer noch blöde Sprüche wie: Bist du mit deinem Sohn hier?
Chris: Wenn du so etwas an dich ranlässt, hätten wir die letzten 17 Jahre nicht überstanden. In unserer Gesellschaft ist oft kein Platz fürs Anderssein. Viele Männer wollen auch nur testen, wie ich auf ihre Sprüche reagiere. Natürlich macht mich das wütend, aber am Ende gehen mir die am Arsch vorbei. Sie sind doch nur neidisch auf unsere tolle Beziehung.
Isabella: Mittlerweile hat das auch jeder in der Familie verstanden. Die Ablehnung der anderen hat uns eigentlich noch enger zusammengeschweißt.
Chris: Ja, wir machen alles zusammen. Wir sind eine Großfamilie, wir bauen gemeinsam eine alte Fabrik zu einer Eventhalle um und wir führen eine Autowerkstatt.
Isabella: So viel gemeinsame Zeit muss man erst einmal aushalten können. Und obwohl ich älter bin als du, bin ich viel aktiver. Du brauchst eher mal eine Pause oder willst am Abend zu Hause bleiben.
Chris: Stimmt. Du bist voller Unternehmenslust und hast Hummeln im Hintern. Ich könnte auch nicht mit einer Jüngeren zusammen sein.
Isabella: Wieso?
Chris: Du stehst mit beiden Beinen im Leben und hast so viel Erfahrung. Ich brauche mich um dich nicht zu sorgen. Du kannst dein Auto allein reparieren und im Haus mit anpacken. Du kannst Probleme selbstständig lösen. Das ist eine wichtige Eigenschaft bei einer Frau.
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