Hans-Henning Lotze (80) und sein Partner Konrad (75) in Heidelberg. Lotze legt zärtlich die Hand auf die Brust von Konrad.
Hans-Henning Lotze (rechts) und sein Partner Konrad (75) sind seit 36 Jahren zusammen – und leben bis heute in getrennten Wohnungen im gleichen Haus
Markus Heft für chrismon
Queeres Leben
Schwule Liebe in Gefahr
Dank ihrer Liebesrituale sind Hans-Henning Lotze und sein Partner Konrad seit vielen Jahren ein glückliches Paar. Aber die zunehmende Queerfeindlichkeit macht ihnen Angst
Lena Uphoff
05.07.2026
6Min

Hans-Henning Lotze:

Ab 8 Uhr morgens fange ich an, mich auf Konrads Anruf zu freuen. Er braucht morgens länger um wachzuwerden, darum ruft er mich an. Wir sind schon seit 36 Jahren zusammen, er ist Jahrgang 1959, ich bin Jahrgang 1945. Jeden Morgen beginnen wir damit, am Telefon zu besprechen, was wir heute zusammen unternehmen wollen. Während ich mir den Tag ausmale, entspannt mich seine ruhige, sonore Stimme. Ich höre an seiner Stimmlage, wenn ihn mal etwas umtreibt.

Ich könnte meine Wohnung verlassen und einfach die Altbautreppe hinunter zu seiner Wohnung laufen, aber das Telefonat ist unser gemütliches Morgenritual. Es ist gut, übereinander zu wohnen. Wir treffen uns, weil wir uns treffen wollen. Genauso, wie wir zusammen sind: weil wir uns lieben, und nicht, weil wir juristisch aneinander gebunden wären.

Vor 36 Jahren haben wir diese wohlige Gewissheit aufgebaut: Wir lieben uns. Wir waren beide Lehrer, als wir uns bei einem Geburtstag von Kollegen kennenlernten. Ich traf Konrad zum ersten Mal im urigen Lokal Burgfreiheit in unserer Heimatstadt Heidelberg.

Als er mich ansah, war es um mich geschehen. Es ging ein Sog von seinen dunkelbraunen Augen aus. Ich merkte schnell, dass er auch schwul ist. Seine intensiven Blicke verrieten ihn. Wir konnten die Augen nicht voneinander lassen. Er kam zu mir an den Tisch. Ich wollte ihn unbedingt kennenlernen.

Trotzdem war ich nicht besonders aufgeregt, bis ich in seinen dunkelblauen Saab einstieg. Am selben Abend haben wir zum ersten Mal bei mir zusammen geschlafen. Waren wir bei ihm, gab es von seinen Mitbewohnern häufig blöde Kommentare, man hätte uns nachts gehört. Das war nicht so schön. Aber wir mussten keine Angst haben.

Erst seit 1994 ist Homosexualität offiziell nicht mehr in Deutschland strafbar. Die Ehe für alle gibt es seit 2017. Die Zahl der Straftaten gegen queere Menschen steigt an. Im Jahr 2010 gab es 187 polizeilich gemeldete Fälle; im Jahr 2023 waren es 1785. Fast jede zweite Veranstaltung am Christopher Street Day (Demonstrationstag der LGBTQ+-Community) wurde im Jahr 2025 Ziel von Angriffen oder Störungen. Laut Bericht des Bundeskriminalamtes ist das Tatmotiv am häufigsten rechtsideologisch motiviert. Besonders in Ostdeutschland sprechen Vertreter der LGBTQ+-Community von einer zunehmenden Bedrohung.

Anfang der 1960er Jahre hätte offen gelebte Homosexualität noch das gesellschaftliche und familiäre Aus bedeutet. Als Jugendlicher fing ich an zu ahnen, dass ich auf Männer stehe. Ein französischer Lehrer hat sich sehr für mich als Sechzehnjährigen interessiert. Als er zu mir "Je t’aime" sagte, habe ich ihm eine geknallt. Ich wollte auf keinen Fall schwul sein und hatte Beziehungen zu Frauen. Es war eine der schlimmsten Beleidigungen der Zeit, "schwule Sau" genannt zu werden.

In den 1970er Jahren wurde die Gesellschaft liberaler, und ich verliebte mich zum ersten Mal Knall auf Fall in einen Mann. Ich habe mich sofort von meiner damaligen Freundin getrennt. Da war ich 25 und hatte keine Angst mehr, als Homosexueller "entlarvt" zu werden. Meiner Mutter schrieb ich einfach einen Brief: "Ich habe jetzt einen Freund und du kannst dir überlegen, ob du es akzeptieren möchtest. Wenn nicht, war es das zwischen uns." Sie hat es akzeptiert.

Ein Blick zurück: Hans-Henning Lotze und Konrad als junges Paar. "In den ersten Jahren unserer Beziehung war ich anfällig für Eifersucht", sagt Lotze heute

In den ersten Jahren unserer Beziehung war ich anfällig für Eifersucht. Ich habe mich grundlos gesorgt, Konrad könnte etwas mit jemand anderen anfangen. Diese Eifersucht kam auf, weil ich zu der Zeit noch unsicher war.

Aber ich habe daran gearbeitet und bin die Eifersucht losgeworden. Als wir später aufgrund der Arbeit wenig Zeit füreinander hatten, fingen wir mit "Zwiegesprächen" an, bei denen jeder den anderen etwa 30 Minuten lang von sich erzählen lässt, während man selbst aufmerksam zuhört. Danach werden die Rollen getauscht. So erfahren wir wirklich, wie es unserem Partner geht.

Konrad und ich leben unsere Intimität gerne zu Hause aus. Ich hatte eine recht verklemmte Erziehung. In meiner Familie waren wir nicht nackt voreinander, und ich wurde auch nicht sexuell aufgeklärt. Vielleicht halten Konrad und ich uns auch deswegen nicht in der Öffentlichkeit an den Händen oder küssen uns. Das ist nicht unsere Art.

In den vergangenen Jahren hat sich aber etwas verändert, was mir Angst macht: Homosexuelle werden vermehrt angegriffen. Vor allem die Angriffe auf Schwule im Osten scheinen zu steigen. Der Sohn von unseren Freunden wurde in Berlin zusammengeschlagen. Er war allein, aber die Täter hielten ihn für schwul.

Ein Freund von mir wohnt in Leipzig, und ich zögere immer noch, ihn mit Konrad zu besuchen. Ich habe keine Lust, von jemanden dort blöd angequatscht oder zusammengeschlagen zu werden – obwohl wir nicht Händchen halten oder auffällig gekleidet sind. Meine Sorge, dass uns da was passiert, ist so groß, dass ich lieber allein hinfahre.

Hans-Henning Lotze und sein Partner Konrad am Neckar in Heidelberg. Beide zieht es ans Wasser, oft verreisen sie gemeinsam ans Meer

Während meiner Zeit als Lehrer gab es 1984 eine miese Situation. Es war die Zeit der Aids-Pandemie, in der CSU-Politiker Peter Gauweiler dafür plädierte, alle HIV-Infizierten auf eine Insel zu deportieren. Die Schüler und Lehrer wussten von meiner Beziehung zu einem Mann und es spielte fast nie eine Rolle.

Aber einmal komme ich in den Klassenraum einer elften Klasse, mache die Tafel auf und lese "Der Lotze hat Aids". Da habe ich mich umgedreht und habe reflexmäßig gesagt: "Ich gehe jetzt aus dem Klassenzimmer und wenn ich zurückkomme, möchte ich, dass die Tafel gewischt ist."

Vor dem Zimmer habe ich tief durchgeatmet. Ich war empört über diese hundsgemeine Aktion. Aber ich war mir sicher, die meisten Schüler finden es auch furchtbar, und das beruhigte mich etwas. Als ich wieder hinein ging, habe ich erklärt: "Wenn es so wäre, wäre es menschlich unterirdisch, so etwas an die Tafel zu schreiben. Auch wenn es nicht so ist, dann ist es einfach nur noch niederträchtig." Dann habe ich sofort französisch geredet und meinen Französischunterricht angefangen. Ich war mir ziemlich sicher, wer es getan hatte. Er war auch in der rechten Szene unterwegs und seine Eltern hatten eine Gastwirtschaft, in der sich Rechtsextreme trafen.

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Um der Schwulenfeindlichkeit der Rechten etwas entgegenzustellen, haben Konrad und ich angefangen, beim Christopher Street Day (CSD) zu demonstrieren. Man muss unbedingt Flagge zeigen. Wir waren jahrelang beim Stuttgarter CSD. Wir sind letztes Jahr zum Gay-Pride in Heidelberg gegangen und waren mit 75 und 80 Jahren die "Urgroßväter". Da waren fast nur junge Leute. Sie waren stolz darauf, queer zu sein. Das hat mir gefallen – und Mut gemacht. Wenn ich auf einer Demo bin, stecke ich mir eine kleine Regenbogenfahne an den Kragen.Trotzdem fühlt es sich so an, als ob die unbeschwerte Zeit für Schwule vorbei ist. Das habe ich im Jahr 2024 auf einem Dorfpride in Ketsch in Baden-Württemberg gemerkt. Dann kam auf einmal die NPD dazu. Es waren nicht viele, aber wie sie da breitbeinig standen in ihrer uniformartigen Kleidung, wirkte bedrohlich. Auch weil ich nicht wusste: Bleiben sie hinter den Barrikaden? Und auf wessen Seite steht die Polizei?

2025 waren wir auf einem viel schöneren Dorfpride in Zeutern in der Nähe von Karlsruhe. Die Stimmung war ausgelassen. An einem Traktor wehten Regenbogenfahnen. Es gab eine Gruppe von Migranten, die erzählten, sie seien nach Deutschland gekommen, um nicht aufgrund ihrer Sexualität unterdrückt zu werden. Sie haben ihre Freiheit gefeiert. Eine Frau aus dem Dorf erzählte, wie gut ihr Coming-out im Dorf angenommen worden ist. Ein paar Menschen beobachteten uns versteckt hinter den Vorhängen, aber die Mehrheit winkte uns zu. An einem Haus wurden sogar Kuchen und Getränke an uns Demonstrierende verteilt. Das macht mir Hoffnung.

Zum Abschluss jeden Tages haben wir auch ein Ritual. Am Abend kocht einer von uns beiden für den anderen und lädt ihn als Gast zum Abendessen ein. Wenn ich angebratene Zwiebeln und Knoblauch im Treppenhaus rieche, stelle ich mir unzählige Nudelgerichte vor, die Konrad für mich kocht.

Mit meiner Familie in Norddeutschland aß ich vor allem Kartoffeln, Pasta mag ich erst dank ihm. Bevor Konrad zu mir kommt, decke ich den Esstisch festlich ein. Ich breite eine weiße Tischdecke aus und zünde Kerzen an. So genießen wir ganz bewusst unser Zusammensein beim Abendessen, während wir gemeinsam alt werden.

Beide leben im gleichen Haus, aber in getrennten Wohnungen. Zum Abschluss jeden Tages haben sie ein Ritual: Am Abend kocht einer von beiden für den anderen und lädt ihn als Gast zum Abendessen ein
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