Tradition Schuhplatteln
Sepp, der Schwuhplattler
Sepp Stückl und sein bayerischer Trachtenverein zeigen, dass Heimatverbundenheit und queere Identität kein Widerspruch sein müssen. Eine Begegnung mit einem Mann, der Brauchtum anders lebt
Sepp Stückl (links) und Schuhplattler (rechte Seite)
Johanna Lohr / Veto
Aktualisiert am 19.01.2026
8Min

Mit der flachen Hand auf Schuhsohlen, Knie und Oberschenkel schlagen, gleichzeitig hüpfen und mit den Füßen auf den Boden stampfen. Beim sogenannten Schuhplatteln passiert alles auf einmal. Es braucht vollen Körpereinsatz, ein gutes Taktgefühl und eine einwandfreie Koordination von Ober- und Unterkörper. Einer, der das im Schlaf beherrscht, ist Sepp Stückl. Seit jeher begleitet Schuhplatteln den gebürtigen Uffinger vom Staffelsee. Schon als Kind prägte der urbayerische Tanz seine Identität – und er begleitet den Mittsiebziger bis heute.

Die Tanzenden tragen für gewöhnlich die Tracht ihres Vereins: Lederhose, weißes Hemd, Haferlschuhe, Trachtenhut mit Gamsbart oder Federn und Trachtenstrümpfe oder Loferl – traditionelle Wadenwärmer aus Wolle. Schuhplatteln war als Balztanz vor allem unter Bauern und Jägern verbreitet, die so um Frauen warben. Ab dem 19. Jahrhundert wurde der Schuhplattler ziemlich populär und es bildeten sich feste Vereine. Einen gründete Stückls Großvater am Staffelsee 1907, dem Sepp Stückl bis heute angehört. Mit 18 Jahren wurde er zum Schriftführer gewählt, mit 21 übernahm er bereits den Vorsitz.

Doch es kam ein Punkt in seinem Leben, an dem der Verein sich nicht mehr nach Zuhause anfühlte: "Seit meiner Kindheit war ich bei den Plattlern und wollte nie Fußball spielen. Beim Tanzen waren meine engsten Freunde. Als ich ihnen aber zeigte, wer ich wirklich war, ließen sie mich fallen", erzählt der Schuhplattler-Veteran.

Der Oberbayer war 28, als es in seinem Kopf – wie er sagt – "gschnacklt", also klick gemacht hat. In der Sauna habe ihn ein Mann offensiv angeflirtet. Ziemlich unangenehm sei ihm das damals gewesen, erzählt Stückl und lächelt verlegen, während er in kreisenden Bewegungen in seiner Kaffeetasse rührt.

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