Bibel interpretieren
Wahrheiten, die bleiben
Es gibt Ratgeber zu praktisch allen Themen des Lebens. Die Bibel bietet mehr: Sie ist eine Begleiterin, die den Horizont weiten kann, sagt der Theologe Frank Muchlinksy - und hat Tipps, wie man sich ihr nähern kann
Glaskugel liegt an einem See. Die Kugel zeigt ein spiegelverkehrtes Bild
Die Phosi/Getty Images
Tim Wegner
13.02.2026
7Min

Für viele Menschen ist die Bibel ein Buch mit altertümlichen Geschichten, weit weg von ihrem Leben. Was sagen Sie denen?

Frank Muchlinsky: Es sind altertümliche Geschichten. Sie stammen aus einer anderen Zeit - wie auch die antiken Mythologien, etwa die Geschichte von Ödipus. Sie erzählen davon, wie der Mensch ist. Darin stecken Wahrheiten, die bleiben. Auch wir Männer heute sind unseren Müttern besonders zugewandt, vielleicht manchmal auch auf ungesunde Art. Es macht einfach Spaß, die biblischen Geschichten zu entdecken und zu schauen, ob man sich selbst darin findet.

Es gibt viele Ratgeber zu allen möglichen Aspekten der Lebensführung. Welchen Mehrwert bietet die Bibel?

Ich verstehe die Bibel weniger als Ratgeber mit klaren Antworten, sondern mehr wie eine Begleiterin, die sagt: Stell dir eine Frage, hör dir an, was ich dazu zu sagen habe, und setz dich damit auseinander.

ZFrank Muchlinsky

Frank Muchlinsky

Frank Muchlinsky, geboren 1966, ist Pastor und arbeitet als Redakteur bei der Online-Plattform evangelisch.de. Er betreut unter anderem die Seite fragen.evangelisch.de. Im Januar 2026 erschien sein Buch "Den Horizont weiten - 52 Auszeiten für den Alltag" (Gütersloher Verlagshaus).

Ein Beispiel?

Warum haben wir häufig Appetit auf Sachen, die uns nicht guttun? Die Bibel erzählt die Geschichte von Adam und Eva, die unschuldig wie Kinder sind und nur ein einziges Gebot von ihrem Vater bekommen: Sie dürfen die Früchte von einem einzigen Baum nicht essen. Sie machen es trotzdem. Weil sie neugierig sind und klug werden wollen. Die Bibel sagt: So sind die Menschen. Sie wollen raus aus ihrem Laufstall, sie wollen etwas erleben, was sie ohne Tabubruch nicht erleben können. Das ist weniger ein konkreter Rat als ein Erklärungsversuch.

Manche Menschen denken, in der Bibel geht es um Gebote und Verbote - nichts, was Spaß macht.

Natürlich findet man darin Hunderte von Regeln. Aber es geht nicht darum, die Bibel als Gesetzbuch für die Gestaltung des Alltags zu lesen. Mein Rat ist: Sei neugierig darauf, was Menschen vor Tausenden Jahren geschrieben haben über das Leben, darüber, wie das mit Gott und den Menschen ist. Lass dich darauf ein. Dann kannst du immer noch gucken, ob das deins ist oder nicht. Ich mag es nicht, wenn die Bibel benutzt wird, um Dinge zu verbieten.

Auch hierfür ein Beispiel?

Wenn es um gleichgeschlechtliche Liebe geht. Ja, in der Bibel steht, dass ein Mann nicht mit einem anderen Mann Sex haben soll. Aber da steht auch, dass ein Mann nicht mit einer Frau schlafen soll, wenn sie ihre Tage hat. Keine aufgeklärte Person würde heute auf die Idee kommen, daraus ein großes Ding zu machen. Ich habe oft den Eindruck, Fundamentalisten wollen, dass etwas verboten wird - und suchen dann in der Bibel nach entsprechenden Stellen.

Aber Sie würden nicht alle biblischen Gebote ignorieren, oder?

Im Gegenteil. Man muss sie nur gewichten. Jesus hat zu Recht gesagt, das höchste Gebot sei: Liebe Gott und liebe dein Gegenüber wie dich selbst. Für mich geht es in der Bibel darum, dass sich Gott für die Menschen interessiert und es gut mit ihnen meint. Das drückt sich zum Beispiel in dem schönen Segen aus, den man sonntags in der Kirche hört: Der Herr segne und behüte dich, der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir, der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. Ich denke da an Menschen, die in einen Kinderwagen schauen mit einem superfreundlichen Blick, weil da ein Baby liegt, dem sie alles Gute wünschen, und es anlächeln – nur, weil sie es sehen.

Wer darf eigentlich segnen?

Jeder und jede. Denn nicht die Person segnet, sondern Gott. Ich bitte Gott darum, dass er dich segnet durch mich. Ob Gott das wirklich tut, liegt nicht in meiner Hand.

Wenn die Person, die gesegnet wird, gar nicht an Gott glaubt? Ist das Segnen dann übergriffig?

Wenn man es nicht mag, dass einem jemand einen Segen zuspricht, kann man ja sagen: Lass das mal. Aber du kannst es auch einfach geschehen lassen und schauen, ob du dich irgendwann daran erinnerst. Wir wünschen anderen ja auch "Alles Gute". Diese Aussage ist die gleiche wie beim Segen, nur dass wir da Gott aus dem Spiel lassen.

Haben Sie eine Lieblingsgeschichte in der Bibel?

Mir begegnet immer wieder die Geschichte vom Propheten Elia. Er hat mit Gottes Hilfe alles erreicht, er hat sogar dafür gesorgt, dass seine Feinde mal so richtig vernichtet werden. Er hat sich völlig verausgabt, Burn-out. Elia geht in die Wüste, legt sich hin und sagt: Ich habe mich für dich, Gott, aufgeopfert und erkenne: Ich bin kein bisschen besser als meine Vorfahren. Und jetzt ist Schluss, ich will sterben.

Er freut sich überhaupt nicht, dass er so viel erreicht hat?

Nein, er ist fertig mit der Welt. Das finde ich eine interessante Reaktion. Ich glaube, dass das Leuten, die ein Bewusstsein für sich und ihr Handeln haben, irgendwann so geht: Wenn sie etwas auf Kosten anderer erreicht haben, erkennen sie, dass das eben auf Kosten anderer ist. Dann kommt ein Engel zu Elia und hat Brot und Wasser dabei. Mit gefällt, dass der Engel nicht nur strahlt, sondern so handfest ist. Elia isst, trinkt, legt sich wieder hin. Der Engel kommt noch mal, bringt wieder Brot und Wasser. Und sagt: Iss und trink, denn du hast einen langen Weg vor dir.

Und Elia denkt: Auch das noch?

Könnte man meinen. Aber Elia isst und trinkt und geht weiter und kommt zu einem Berg, wo sich Gott ihm zeigen will. Das ist etwas sehr Besonderes, denn eigentlich überlebst du das nicht, das ist zu groß. Aber Gott kommt nicht mit dem Feuer, nicht mit dem Erdbeben, sondern in einem "Säuseln", wie es in der Bibel heißt. Gott kommt in einem zarten Hauch. Elia sieht ihn, danach kann er weitermachen mit seinem Job. Ich liebe diese Geschichte, weil ich mir gern vorstelle, wenn ich wirklich daliege, dann kommt jemand, der mich antippt und sagt: Iss und trink. Und dann aber auch sagt: Jetzt geh auch! Geh mal paar Schritte und guck, was passiert.

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Fühlen Sie sich einer Figur aus der Bibel nah?

Dem Apostel Paulus.

Haben Sie selbst eine Saulus-Paulus-Geschichte?

Ich interpretiere die Wandlungsgeschichte so: Paulus war jüdischer Theologe und hat immer Gott gehorcht. Aus seinem festen Glauben an diesen Gott hat er die Christen verfolgt. Sie waren für ihn eine abtrünnige jüdische Sekte. Und plötzlich erkennt er, dass dieser Jesus der Christus ist, der Gesalbte, der Messias – und wird vom Verfolger zum Unterstützer. Er blieb aber der gleiche Eiferer, der er war, gründete Gemeinden, reiste unentwegt … Ich habe mich auch verändert, und wenn ich im Rückblick auf mich gucke als junger, frisch gebackener Pastor, dann möchte ich der nicht mehr sein.

Warum?

Es ist das Privileg der Jugend, mit einer gewissen Grobheit zu fordern, dass sich Dinge ändern. Das habe ich gemacht, sehr glühend, sehr überzeugt, in einer sehr arroganten Weise.

Hat das Leben die Arroganz abgeschliffen?

Das hat sich dadurch abgeschliffen, dass ich, kurz nachdem ich Pastor wurde, meine Diagnose Multiple Sklerose bekam. Paulus wird ja auch erst mal blind, als er seine Bekehrung hat. Bei mir war der Sehnerv entzündet, daraufhin wurde ich untersucht und bekam die Diagnose. Die hat mich natürlich erst mal mitgenommen. Aber dann habe ich angefangen, mit ihr zu leben. Heute ist sie ein Teil von mir wie alles andere auch. Ich bin sanfter geworden, auch mit mir, aber immer noch eifrig und ein kleiner Missionar. Weil ich immer noch überzeugt bin, dass Gott es gut mit uns meint. Ich habe ein sehr personales Gottesbild. Ich finde schön, dass die Bibel Gott als ein Gegenüber darstellt, nicht als abstrakte Macht. Dass man mit ihm reden kann und sagen: Geht's noch? Und der einen dann nicht stehen lässt, sondern hilft, weiterzumachen.

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Wir sind gerade in der Fastenzeit. Verzichten Sie auf etwas?

Ja, ganz klassisch auf Zucker.

Für eine begrenzte Zeit auf etwas zu verzichten, scheint populär zu sein. Auch die Dry-January- Bewegung wird gefühlt immer größer. Woran liegt das?

Fasten ist Selbstermächtigung. Ich beweise mir, dass ich mich nicht kontrollieren lasse von Gelüsten, und tue, was mir guttut.

Aber fürs Klima zu verzichten, weniger fliegen, weniger Autos – da hört bei vielen der Spaß auf.

Vielleicht liegt das daran, dass man die Wirkung nicht sofort merkt. Oder daran, dass andere einem sagen, mach das nicht. Deshalb will ja auch die evangelische Fastenaktion "Sieben Wochen Ohne" nicht verbieten, sondern helfen, sich von etwas Ungutem freizumachen.

Die diesjährige Aktion hat das Motto "Mit Gefühl – 7 Wochen ohne Härte". Was ist das Gegenteil von Härte?

Ich würde sagen: die Knautschzone. Etwa die am Auto. Wenn das Auto ganz hart wäre, würden die Passagiere bei einem Unfall umkommen. Eine gewisse Flexibilität macht das Leben einfacher, zu wissen: Bis hierhin kann ich nachgeben. Ich wünsche mir von mir selbst, dass ich nicht wie ein Felsbrocken bin oder wie eine Abrissbirne, sondern dass ich eine Knautschzone habe, wenn ich mit jemandem zusammenknalle, die uns beiden den Zusammenprall erträglicher macht.

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Hatte Jesus eine Knautschzone?

Ich würde schon sagen: Ja. Jesus ist nicht in seiner Bubble geblieben und hat sich innerhalb seiner Gemeinschaft immer wieder mit den Leuten auseinandergesetzt, die ihm widersprochen haben. Das ist ja wie ein Crashtest. Dann hat er gesagt: Wir verstehen uns nicht, und du musst auch nicht annehmen, was ich sage. Aber ich erzähle dir trotzdem, wie ich es sehe. Die anderen haben sich teilweise darauf eingelassen, haben weiter diskutiert. Dieses Dranbleiben im Gespräch, das Nachhaken, das gefällt mir.

Sie empfehlen in Ihrem neuen Buch viele praktische Übungen, um zu einer gelasseneren, offeneren Haltung zu kommen. Haben Sie eine Übung, um zuversichtlicher zu werden?

Sich nackt vor den Spiegel stellen und sich anlächeln.

Warum nackt?

Weil du dich dann anschaust, wie du bist. Da entdeckt man natürlich sofort Verbesserungsmöglichkeiten. Und dann bewusst lächeln und denken: So bin ich, und so passt es. Diese Übung entlastet, weil sie mir was zutraut – so wie ich bin.

Infobox

Am 19. Februar um 19 Uhr ist Frank Muchlinsky zu Gast im chrismon-live Webinar "Mit Gefühl - 7 Wochen ohne Härte". Wie kann man sich die Sensibilität bewahren, empathisch bleiben im Berufsalltag? Diese und weitere Fragen diskutiert chrismon-Chefredakteurin Claudia Keller mit Frank Muchlinsky und der Mediatorin Kristina Oldenburg. Die Teilnehmer sind nicht zu sehen und zu hören, können aber Fragen stellen.

Sie bekommen vor dem Termin einen Zoom-Link zugeschickt. Später steht eine Aufzeichnung auf chrismon.de bereit.

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