Dirigent Klaus-Martin Bresgott über den Brief des Paulus
Klingende Kraft
Für den Dirigenten Klaus-Martin Bresgott ist die Bibel ein Schatz an kurzen klaren Sätzen, die im Tönen ihre Kraft entfalten. Bei Paulus findet er Wahrhaftigkeit
Illustration zeigt Person in Frack und Dirigentenstock. Um die Person sind viele Richtungspfeile zu sehen
"Als Dirigent kann ich mich immer neu im Steinbruch der Bibel tummeln", Klaus-Martin Bresgott
AHAOK
28.11.2023
"So sage ich nun und bezeuge in dem HERRN, dass ihr nicht mehr wandelt, wie die andern Heiden wandeln in der Eitelkeit ihres Sinnes,
deren Verstand verfinstert ist, und die entfremdet sind von dem Leben, das aus Gott ist, durch die Unwissenheit, so in ihnen ist, durch die Blindheit ihres Herzens;
welche ruchlos sind und ergeben sich der Unzucht und treiben allerlei Unreinigkeit samt dem Geiz." Epheser 4:17-19

Bibeltexte erschließen sich mir am besten klingend – singend oder vorgelesen. Als Dirigent kann ich mich immer neu im Steinbruch der Bibel tummeln: Was geht mich an? Wie geht es mich an? Warum geht es mich an? Meist sind es kurze, klare Sätze, die im Tönen ihre Kraft entfalten – vor allem in Choralbearbeitungen, die den geheimen Sinn der Worte in Akkorden und Melodien universell übersetzen. In letzter Zeit hat mich ein längerer Text beschäftigt – ein Brief des Paulus an die Gleichgesinnten in Ephesus, zu finden im Neuen Testament, Epheser 4, 17–32.

Überschrieben sind die mir wichtigen Abschnitte ­dieses ziemlich langen Briefes mit "Der alte und der neue Mensch". Sie setzen sich mit der Frage nach der aktiven eigenen Lebensgestaltung auseinander. Zunächst habe ich mich an den schroffen Bildern der Abkehr vom alten (Menschen) gerieben. Es gibt kein Verständnis, keine Nachsicht. Statt dessen eine klare Abkehr, gleich einer Brandrodung. Eine Radikalität, die erschreckt. Aber die unmittelbar folgenden Sätze und Bilder ermutigen und eröffnen Aussichten auf eine neue Wirklichkeit in Zuwendung und Solidarität, in Selbstbewusstsein und Eigenverantwortung.

Ralf Klöden

Klaus-Martin Bresgott

Klaus-Martin Bresgott, ­geboren 1967, ist Kunsthistoriker und Dirigent. ­Er arbeitet im Kulturbüro des Rates der EKD, ist ­verheiratet und hat fünf Kinder.

Die Kraft dieser neuen Menschlichkeit erlebe ich wieder und wieder bei meinem Sohn – sowohl mit Autonomie als auch Zugehörigkeit, sowohl in Sicherheit als auch Unsicherheit. Sie öffnen den Weg von der Konvention zur Wahrhaftigkeit. Sie sagen sich von aller Bewertung los und verlangen viel Mut, weil sie keine Angst vor der Wahrheit haben – vor dem, was ist. Ich blicke darauf voller Freude. Das ist die Stärke des Paulus-Briefes, die dort nicht einfach zu verstehen ist – zu fremd ist die Sprache, zu fern die Bilder. Darum habe ich ihn in meine Sprache übersetzt:

Weil ich meinem Gott vertraue, bitte ich euch mit aller Kraft: Lebt und handelt nicht wie Menschen, denen das Leben ­morgen egal ist. Ihr Tun ist ohne Sinn, ihre Gedanken sind leer. Sie wissen nichts von der Schönheit der Schöpfung und ihrem Einklang mit Gott. Ihre Seelen sind ohne Mut und ihre Herzen voll Angst um sich selbst. Sie suchen Zerstreuung in der Ablenkung und Zufriedenheit im Besitz. Die Schöpfung aber zeigt uns, dass dieses Leben nichts mit der Kraft Gottes zu tun hat. Sie zeigt, was unsere Aufgabe ist, wie Jesus sie gelebt hat. /

Wir brauchen nicht des Kaisers neue Kleider. Seht, wie lächerlich sie sind, wie sie uns ablenken von uns selbst, von unseren Wünschen und Ideen. /

Lasst uns wesentlich werden, klar und unverstellt gegenüber uns selbst und unseren Mitmenschen. /

Wie leicht wird das Herz, wie gerade wird der Gang, wenn wir uns frei machen vom schönen Schein und aller Beliebigkeit. Wie dem Meer entstiegen und neu gekleidet sehen wir der Wirklichkeit ins Gesicht. Wie verwandelt sind wir – Träger des Lichts – neue Menschen, die den Mut und die Hoffnung in sich tragen auf eine neue Welt, auf einen Klimawandel zwischen uns. /

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Darum wollen wir einander begegnen in aller Offenheit – ehrlich und einander die Hand reichend. Wo wir im Streit sind, wollen wir Wege der Versöhnung finden, ehe das Tischtuch zerschnitten ist. Wo wir schweigen, wollen wir sprechen. Wo wir auf Kosten ­anderer gelebt haben, wollen wir uns auf unsere eigenen Kräfte besinnen. Wo wir selbstverständlich die Hand aufgehalten haben, wollen wir geben. Wo wir lästern und uns über andere erheben, wo wir zynisch kommentieren, wollen wir Demut lernen. /

Zeichen wollen wir setzen der Ermutigung. Unerbittlich sein in der Fürsorge für die Welt und die Vielfalt der Schöpfung. Unermüdlich im Handeln für eine gesundende, vielfältige Welt für unsere Kinder und Kindeskinder. Freundlich wollen wir sein und bestimmt für ein Leben im Einklang mit allem Wissen und Reichtum der Erde und in Ehrfurcht vor dem Leben, das ein Leben im Frieden mit Gott ist.

Hier können Sie den Text nachhören, gesprochen von dem Schauspieler Ulrich Noethen.

Bibelzitat

"So sage ich nun und bezeuge in dem HERRN, dass ihr nicht mehr wandelt, wie die andern Heiden wandeln in der Eitelkeit ihres Sinnes,
deren Verstand verfinstert ist, und die entfremdet sind von dem Leben, das aus Gott ist, durch die Unwissenheit, so in ihnen ist, durch die Blindheit ihres Herzens;
welche ruchlos sind und ergeben sich der Unzucht und treiben allerlei Unreinigkeit samt dem Geiz." Epheser 4:17-19

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