Shaul Ladany bei einem Besuch in der KZ Gedenkstätte Bergen-Belsen 2019
Harald Koch/epd-bild
Interview mit Shaul Ladany
Der Überlebenskünstler
Er überlebte Deportation, Bergen-Belsen, das Münchener Olympia-Attentat, eine Krebserkrankung und er hält den Weltrekord im Gehen. In Israel gilt Shaul Ladany als Held
Ruthe Zuntz
Aktualisiert am 17.05.2024
9Min

Shaul Ladany wurde 1936 in Belgrad geboren und floh nach der deutschen Besetzung mit ­seiner Familie nach Ungarn. Als die Deutschen 1944 Budapest besetzten, standen auch dort Deportationen an. Die Ladanys wurden freigekauft, landeten trotzdem im Konzentrationslager Bergen-Belsen und erreichten 1948 Palästina. Dort wurde Shaul Ladany Professor für Wirtschaftsingenieurwesen. 1968 vertrat er sein Land als Geher bei den Olympischen Spielen in Mexiko. Im April 1972 stellte er einen Weltrekord im 50-Meilen-Gehen auf (80 Kilo­meter in 7 Stunden, 23 Minuten und 50 Sekunden), der bis heute Bestand hat. Im September 1972 überlebte er das Attentat auf die israelischen Sportler bei den Olympischen Spielen in München.

Sie scheinen einen sehr aktiven Schutzengel zu haben.

Shaul Ladany: Der Tod stand mir bereits als fünfjährigem Kind in Belgrad vor Augen, nach dem Einmarsch der Wehrmacht im April 1941. Eine Bombe fiel schräg durch den zweiten und den ersten Stock in den Haupt­keller und tötete Nachbarn, die bei uns Schutz gesucht hatten. Unsere ganze Familie und einige Verwandte waren im Waschraum. Plötzlich knallte es furchtbar, das Haus bebte. Meine Oma warf sich auf mich, um mich zu schützen. Eine schwere Tür fiel über sie. Sie erlitt nur Abschürfungen.

Als die Wehrmacht alle Juden in ­Belgrad aufrief, sich zu melden, floh Ihre Familie ins benachbarte Ungarn. Später erfuhren Sie: Wer sich gemeldet hatte, kam ins Todeslager.

2019 nahm ich als Geher am Halb­marathon in Belgrad teil und legte dort einen Kranz am Mahnmal für die ermordeten Juden nieder.

Wie gefährlich war die Flucht der ­Ladanys 1941 nach Ungarn?

Ungarn war ein Verbündeter von Nazi-­Deutschland, aber die Juden lebten dort in Freiheit. In der Familie sprachen wir akzentfrei ungarisch, unser Nachname ist typisch ungarisch. Es war gefährlich, den Grenzfluss Donau zu überqueren. Man wusste, dass die ungarische Gendarmerie am anderen Ufer alle Einreisenden kontrolliert und Juden sofort erschießt oder sie an die deutschen Besatzer in Serbien übergibt, die sie töten würden.

Ruthe Zuntz

Igal Avidan

Igal Avidan, geboren 1962 in Tel Aviv, studierte englische Literatur und Informatik in Ramat Gan sowie Politikwissenschaft in Berlin. Er lebt in Berlin und arbeitet als freier Journalist u. a. für verschiedene israelische Zeitungen und den Deutschlandfunk. Sein neues Buch "'… und es wurde Licht!' Jüdisch-arabisches Zusammenleben in Israel" erschien 2023 (Berenberg-Verlag).

Wie bereitete sich Ihre Familie vor?

Ich war fünf, und man sagte mir, dass ich auf keinen Fall serbisch oder deutsch sprechen soll, sondern nur ungarisch. Als wir die Fähre ­verließen, marschierte mein Opa mit seinem imposanten Schnurrbart vorweg und sagte den Uniformierten in perfektem Ungarisch: "Der pensionierte Bahnhofsdirektor Ladany kehrt mit seiner Familie in die Heimat zurück!" Das wirkte: Wir wurden nicht einmal kontrolliert. Mit der deutschen Besetzung Ungarns am 19. März 1944 begann eine Sondereinheit unter der Leitung von SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, alle Juden zu inhaftieren oder in Ghettos zu sperren.

Ihre Eltern versteckten Sie in einem Kloster, wo Sie vorgeben mussten, Protestant zu sein.

Ich blieb allein und fürchtete um mein Leben. Das war mein größtes Trauma. Ich wusste: Würde jemand herausfinden, dass ich jüdisch bin, würde man mich töten. Ich lebte in ständiger ­Todesangst! Die Rettung kam durch die Alliierten, die Budapest aus der Luft bombardierten. Meine Mutter, die immer emotional handelte, beschloss: Wenn die Familie sterben sollte, dann sollten alle gemeinsam den Tod finden. Sie überredete meinen Vater, mich aus dem Kloster zu holen.

Der zionistische Aktivist Rudolf ­Kasztner kaufte rund 1700 Juden aus Budapest frei, auch Ihre Familie. Am 30. Juni 1944 begann die Fahrt des Kasztner-Zuges in Viehwaggons. Woran erinnern Sie sich?

Ich war acht und weiß noch, dass der Zug einige Tage anhielt und wir auf einem offenen Feld ­schliefen. Erst später erfuhr ich, dass wir Luftangriffe der Alliierten befürchteten. Besonders traumatisch war der Aufenthalt im österreichischen Linz, der letzten Bahnstation vor der deutschen Grenze. Wir wurden zum Duschen geschickt. Mein Vater war Chemieingenieur und kannte sich mit Gerüchen aus. Er schnüffelte und sagte "Gas". Panik brach aus. Was ich damals nicht wusste: Die Berichte von zwei aus Auschwitz geflohenen Häftlingen hatten Ungarn bereits erreicht. Schließlich trauten wir uns doch. Es waren ganz normale Duschen.

Wie erkenne ich, ob ich Antisemit bin?

Wohin sollte die Reise führen?

Man sprach von Palästina. Niemand erwähnte mehr das halbe Jahr "Kur" im KZ Bergen-Belsen.

. . . wo Sie nach zehn Tagen ankamen. Was war für Sie dort das Schlimms­te?

Jeden Tag zählte uns ein ­SS-Offizier beim Appell am Eingang zur ­Baracke. Wir mussten aufrecht in Fünferreihen stehen, bis alle Gruppen erfasst ­waren. Dann wurden die Verstorbenen ­addiert. Die Gesamtzahl stimmte nie, so dass man mehrmals zählen ­musste ­– bei ­Kälte, ­Regen und Wind. Für die Älteren war das schrecklich. Unsere jüdische ­Führung beauf­tragte meinen Vater, der ­fließend Deutsch sprach, der SS bei der Arithmetik zu helfen.

Shaul Ladany am 16. April 1972 in New Jersey, USA. Damals stellte er den Weltrekord im Gehen über 50 Meilen (etwa 80 Kilometer) auf

Woran erinnern Sie sich besonders?

Dass ich ständig hungrig war, dass mein Vater für uns Kinder Tabletten mit Vitaminen besorgte und dass der Rabbiner meinem Vater bei seiner Entlassung Schweinswurst schenkte. Nach dem jüdischen Gesetz ist das erlaubt, um Leben zu retten. Er war Neologe, also liberal.

Am 4. Dezember 1944 durfte Ihre Familie, wie die meisten "Kasztner-­Juden", in die Schweiz ausreisen. Später sagte ein israelischer ­Richter, Kasztner habe mit den Nazis kollaboriert. Kurz danach wurde er auf offener Straße erschossen. Denken Sie manchmal an ihn?

Vermutlich verdankte ich ihm mein Leben. Daher und weil ich sein ­Wirken respektiere, nehme ich an der jährlichen Gedenkveranstaltung für ihn teil und fördere das Gedenken finan­ziell. Kasztner hat mehr als jeder andere für die Rettung von Juden getan.

Ende 1944 waren Sie mit anderen Flüchtlingskindern in einem Berghotel bei St. Gallen untergebracht. Einmal mussten alle Kinder zum ­Augentest in St. Gallen.

Den Weg vom Bergdorf hinunter machten wir mit einem Bergzug. ­Anschließend boten sie den größeren Jugendlichen an, den etwa 30 Kilo­meter langen Weg zurück zu Fuß zu machen. Ich war achteinhalb und wollte mitgehen, aber es hieß, ich sei zu jung, ich würde es nicht ­schaffen. Ich bestand darauf. Es war sehr schwer für mich, aber ich lehnte alle Hilfsangebote strikt ab und hielt den ganzen Weg durch.

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Sie sind Geher. Aber im November 1969 mussten Sie als Reserveoffizier an der jordanischen Grenze einmal schnell unter Beschuss laufen.

Der Befehl, Schutz zu suchen, kam erst, als die ersten Granaten der Jordanier eingeschlagen waren. Auf der 100-Meter-Strecke zum Bunker unter den Explosionen brach ich wohl den Weltrekord, der aber nicht gemessen wurde.

Am 5. September 1972 überfielen palästinensische Terroristen die israelische Olympiamannschaft in München. Sie wurden um halb sechs in der angrenzenden Wohnung vom Lärm geweckt.

Ich ging zur Tür, stand am Eingang und schaute mich um. Ich stand nur vier Meter entfernt – wie ich später erfuhr – vom Anführer der Terrorgruppe. Ich hörte, wie die Sicherheitsbeamten des Olympischen Dorfes ihn baten, das Rote Kreuz in die Wohnung hineinzulassen, um einen Verwundeten zu betreuen. Er weigerte sich, sie baten ihn, human zu sein. Er sagte, die Israelis seien auch nicht human. Zum Glück schaute er nicht in meine Richtung. Erst dann kehrte ich in unsere Wohnung zurück, wo die anderen fünf Sportler bereits versammelt waren. Sie zeigten mir aus dem vorderen Fenster die Blutlache des Ringer-Trainers Mosche Weinberg, beim Fluchtversuch erschossen. Ein anderer sagte, vielleicht werden wir die Nächsten sein, lasst uns verschwinden. Sie sprangen von der Terrasse im Erdgeschoss, die nach hinten führt, und rannten im Zickzackkurs davon. Ich zog meinen Trainings­anzug über den Pyjama und entschied mich, den Mannschaftsleiter in seiner Wohnung zu warnen, obwohl unsere Beziehung sehr angespannt war.

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Warum taten Sie das?

Ich war 36, Reserveoffizier und dachte, dass man sich so verhalten müsse. Er wusste bereits vom Anschlag, wir ­beide waren ganz entspannt und ­gingen weg. Ich rannte nicht.

War es Zufall, dass die Terroristen die Wohnungen eins und drei überfielen, nicht aber Ihre Wohnung zwei?

Menschen sagten mir immer wieder, was für ein Glück ich hatte, dass die Wohnung links von uns und die rechts von uns überfallen wurden und uns dazwischen nichts geschah. Nach zwei bis drei Jahren dämmerte mir, dass die Terroristen das so ­geplant hatten. Jeder Besucher des Olympischen Dorfes erhielt eine Karte, auf der stand, welche Delegation in ­welchem Wohnblock untergebracht war. An der Eingangstür zu jeder Wohnung klebte ein Zettel mit den Namen der Bewohner. Erstmals konnten Besucher an Computern die Biografien der teilnehmenden Sportler ausdrucken. So wusste jeder, der es wollte, dass in unserer Wohnung zwei Sportschützen untergebracht waren, beide Asienmeister. Nach dem Anschlag wurde außerdem bekannt, dass zwei Terroristen im Olympischen Dorf arbeiteten, einer sogar im Planungsausschuss. Er konnte daher wissen, dass Sportschützen ihre Waffen und Munition mit in die Wohnung nehmen durften. Die Terroristen ahnten wohl, dass sie bei einem Angriff auf unsere Wohnung mit bewaffneten und geübten Scharfschützen rechnen mussten.

Die Terroristen ermordeten zwei ­Israelis im Olympiadorf und ­nahmen neun Sportler als Geiseln. In der Nacht auf den 6. September missglückte die deutsche Befreiungs­aktion. Alle Geiseln wurden getötet.

Und am Tag danach wurde eine ­Liste der Überlebenden veröffentlicht, auf der mein Name fehlte. Viele dachten, ich sei tot. Eine deutsche Zeitung ­titelte: "Das zweite Mal hat Shaul Ladany auf deutschem Boden nicht überlebt." Die dänische Zeitung ­"Politiken" veröffentlichte einen Nachruf auf mich. Bei einem Wettlauf standen die Geher eine Minute still, zum Gedenken an mich.

Wann bemerkten Sie, dass man Sie für tot erklärt hatte?

Das weiß ich noch ganz genau. Am Tag nach dem Massaker nahm ich zusammen mit den Überlebenden der israelischen Mannschaft an der ­Trauerfeier im Olympiastadion teil. Anschließend wurden wir Israelis unter strengen Sicherheitsvorkehrungen in unser Quartier im Olympischen Dorf gefahren, um unsere Sachen für die Heimreise zu packen – und die der Ermordeten. Das Haus wurde streng bewacht, niemand durfte rein. Nach einer Weile hörte ich draußen Geschrei und Geheul. Ich ging zum Eingang und sah meinen ­Schweizer Freund, den 50-Kilometer-Geher Alfred Badel, weinend. Er starrte mich erstaunt an, kam auf mich zu und umarmte mich. Er wollte prüfen, ob ich wirklich ein Mensch aus Fleisch und Blut bin und kein Phantom. In dem Moment wurde mir klar, dass man mich für tot gehalten hatte.

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Die Israelis kehrten heim, die Olympischen Spiele wurden fortgesetzt.

Israels Premierministerin Golda Meir forderte die Rückkehr der Mannschaft, und unsere Sportfunktionäre folgten ihr schweigend. Nur ich protestierte dagegen. Die arabischen Staaten hatten jahrelang versucht, uns aus allen internationalen Wettbewerben auszuschließen. Und nun ziehen wir uns freiwillig zurück und belohnen die Terroristen. Ich wollte, dass zumindest ein israelischer Sportler mit der Nationalfahne und einem Trauerflor an der Abschlusskund­gebung teilnimmt. Vergeblich.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Deutschland?

Anders als Ungarn und Polen übernahm Deutschland die Verantwortung für seine Geschichte und tut ­alles, damit so etwas nie wieder ­passiert.

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2002 war Ihr Leben erneut in Gefahr.

Eine Untersuchung ergab: Lymphomkrebs. Ich habe eine Chemotherapie gemacht – sie war schrecklich – und anschließend eine ­Strahlentherapie. Ein Jahr gab ich niemandem die Hand, weil mein Immunsystem so schwach war. Vier Monate später nahm ich an einem Marathon teil. Nach einer Weile musste ich keine MRT-Untersuchungen mehr machen.

Sie sind also gesund?

Ja.

Weil Sie immer sportlich tätig waren – oder ist das Schutz von oben?

Ich glaube nicht an eine höhere Macht. Fakt ist: Ich bleibe immer cool und habe vor nichts Angst, auch nicht vorm Tod. Ich passe aber schon auf.

Wie weit laufen Sie noch?

Bis 2019 lief ich an meinem Geburtstag mein Alter in Kilometern, also 83 Kilometer. Aber während der Corona-­Zeit habe ich nicht genug trainiert. Daher lief ich dieses Jahr im April nur die Hälfte, 43 Kilometer. Mit ­jedem Jahr wird jeder Kilometer ­länger und jede Anhöhe steiler. Täglich laufe ich mindestens fünf Kilometer. Ich nahm an Israels und an Tel Avivs Halb­marathon teil und war beide Male der Älteste.

Life Lines: Shaul Ladany. Herausgegeben von Elke Gryglewski und Katrin Unger. Wallstein 2022, 160 Seiten, 25 Euro

Eine erste Version des Textes erschien am 5.9.2022.

Produktinfo

Life Lines: Shaul Ladany. Herausgegeben von Elke ­Gryg­lewski und ­Katrin Unger. Wallstein 2022, 160 Seiten, 25 Euro

Infobox

Biografie

1936 in Belgrad geboren
1941 Bombenabwurf auf das Haus seiner Familie überlebt
1944 Rettung der Familie durch Rudolf Kasztner
1948 Ankunft in Palästina
1968 Olympische Spiele in Mexiko
1972 Attentat in München
1975 Professor für Wirtschafts­ingenieurswesen an der Ben-Gurion-­Universität in Be'er Scheva
1996 Autobiografie "King of the ­Road" erscheint auf Hebräisch (2008 auf Englisch)
2002 Krebserkrankung
2007 Pierre-de-Coubertin-Medaille des IOC
2012 Aufnahme in die International Jewish Sports Hall of Fame