Zehn Jahre "Perspective Daily"
Was tun, wenn die Nachrichten nur noch Angst machen?
Düstere Schlagzeilen prägen unser Bild von der Welt stärker, als uns bewusst ist. Journalistin Katharina Wiegmann erklärt, warum guter Journalismus nicht bei der Krise aufhören sollte
Zwei Männer schauen auf eine Zeitung
In Medien können Inhalte stehen, die nur Probleme schildern oder Lösungen liefern - und manchmal auch beides
CSA Images / Getty Images
Tim Wegner
10.08.2026
8Min

chrismon: Das CSD-Attentat, die Waldbrände, Kriege, die Klimakrise mit vielen Hitzetoten in Deutschland: Jeden Tag werden wir mit schlechten Nachrichten überhäuft. Was kann ich tun?

Katharina Wiegmann: Es gibt immer auch viele positive Entwicklungen, daran können wir uns erinnern. Deshalb haben Maren Urner und Han Langeslang vor zehn Jahren das Onlinemagazin Perspective Daily gegründet. Die beiden kommen aus den Neurowissenschaften und wussten: Alles, was wir an Inhalten aufnehmen, hinterlässt etwas in unserem Gehirn. Medien haben deshalb eine wahnsinnig große Verantwortung, denn sie zeichnen ein überwiegend negatives Weltbild.

Wieso ist das so?

Das hat mit traditionellen journalistischen Relevanzkriterien zu tun, die eher das Negative in den Fokus nehmen. Das zahlt auf einen grundlegenden menschlichen Reflex ein: Unser Gehirn will über Gefahren informiert sein, darauf sind wir evolutionär gepolt. Also klicken wir auf bedrohliche Schlagzeilen. Nimmt das aber überhand, haben wir das Gefühl, in einer Welt zu leben, die ausschließlich von Krisen und Katastrophen geprägt ist. Das entspricht nicht der Realität – und es kann dazu führen, dass wir in einen Zustand der erlernten Hilflosigkeit fallen.

Wozu führt diese erlernte Hilflosigkeit?

Dass Menschen denken: Es macht sowieso keinen Unterschied, ob ich aktiv werde. Mein Handeln hat keinen Einfluss. Und dann tun tatsächlich weniger Menschen etwas. Deshalb setzt das Team von Perspective Daily auf konstruktiven Journalismus. Er will Menschen zeigen: Hier sind die Lösungsansätze, hier kannst du etwas tun.

Auf Probleme hinzuweisen, ist ja aber auch unser Job in den Medien. Wo genau kippt es?

Sobald die Berichterstattung zu einem Weltbild beiträgt, das der Realität nicht mehr entspricht. Für viele Menschen in Europa ist der Alltag ja sicherer geworden, es gibt weniger Mord und Totschlag als früher, dazu kann man sich zahlreiche Statistiken anschauen. Es kippt in dem Moment, wo Leuten suggeriert wird, alles um sie herum sei gefährlich.

Ein Beispiel: Meine Mutter lebt in einem kleinen Ort in Niedersachsen und hatte dort lange die Lokalzeitung abonniert. Das ist ein beschaulicher Kurort, aber die Zeitung ist voller Unfälle, Vermisstenmeldungen, Brände, Diebstähle. Die positiven Dinge kommen sehr viel seltener vor. Meine Mutter hat gemerkt, wie sich das auf ihre mentale Gesundheit auswirkt – obwohl ihre Alltagserfahrung eine ganz andere ist, als die Schlagzeilen der Zeitung vermuten lassen.

Gibt es dazu auch Forschung?

Ja, ein Beispiel: Nach dem Anschlag auf den Boston-Marathon im Jahr 2013 gab es eine Untersuchung. Verglichen wurde, wie gestresst Menschen waren, die den Anschlag unmittelbar miterlebten. Und das verglich man mit einer Gruppe, die nur die Berichterstattung verfolgt hatte. Ergebnis: Die Mediennutzer hatten ein höheres Stresslevel als die unmittelbar Betroffenen.

"Wer ganz akut von einer Katastrophe betroffen ist, hat keine Zeit, endlos Probleme zu wälzen"

Katharina Wiegmann

Ist konstruktiver Journalismus angesichts echter, großer Katastrophen irrelevant?

Im Gegenteil. Ich habe mal ein Podcast-Interview mit David Bornstein gehört, einem der Gründer des Solutions Journalism Network, darin erzählte er von Besuchen in Communities, die von Rassismus, Armut oder Umweltzerstörung betroffen sind – zum Beispiel beim Hurrikan Katrina in den USA im Jahr 2005 – und davon, was ihm die Menschen dort erzählten. Wer ganz akut von einer Katastrophe betroffen ist, hat keine Zeit, endlos Probleme zu wälzen und in einer Opferrolle zu verharren. Menschen in einer Krise müssen wissen: Wo bekomme ich Hilfe, wer ist verantwortlich, wie geht es weiter?

Ich war auch sehr beeindruckt von Kolleginnen aus der Ukraine, die dort ein Magazin für konstruktiven Journalismus machen. Da gibt es sehr viel zu berichten – zum Beispiel über den Wiederaufbau nach dem Motto "Build Back Better". Gebäude sollen dort nicht nur einfach neu gebaut werden, sondern besser, zum Beispiel nach ökologischen Standards. Die Resilienz, die Menschen in Krisen zeigen, ist beeindruckend.

Die sozialen Netzwerke verdienen an schlechten Nachrichten und davon, dass Hass und Wut reproduziert werden. Wie könnt ihr dagegenhalten?

Gegen die Übermacht der Tech-Konzerne kommen wir allein nicht an. Es ist ein Geschäftsmodell, das darauf basiert, dass Menschen auf Ängste und emotionale Trigger anspringen. Inzwischen ist bekannt, dass es die Polarisierung befeuert und politische Identitäten sich verfestigen, wenn man nur noch eine bestimmte Art von Content ausgespielt bekommt. Was wir tun können: die Mechanismen aufzeigen – und über Alternativen zu den großen Plattformen berichten.

Die Zuspitzung gibt es ja nicht nur bei den Plattformen.

Nein, das machen auch große Medienhäuser, das gehört zu ihrem Geschäftsmodell. Menschen werden schwarz-weiß gezeichnet, fast schablonenhaft: Klimakleber gegen Autofahrer. Sie werden auf einen Teil ihrer Identität reduziert, meist auf den politischen. Dabei hat jeder Mensch so viele Facetten. Wenn man sich auf der einen Ebene nicht begegnen kann, gelingt es in der Realität oft auf einer anderen.

Wir sprechen deshalb von "zusammenhaltssensiblem Journalismus". Meine Redaktionskollegin Lena Bäunker ist ausgebildete Mediatorin: Sie bringt für uns Menschen ins Gespräch, die zugespitzte Positionen vertreten. Frei von Schablonen im Kopf bin ich selbst allerdings auch nicht. Das sind wir alle nicht.

"Wir machen Journalismus für alle, die sich von den täglichen Negativschlagzeilen überfordert fühlen"

Katharina Wiegmann

Ein Teil der Klimabewegung hat sich verabschiedet und bereitet sich auf den Kollaps vor. Der Vorwurf lautet: Konstruktiver Journalismus sei wie "Hopium", man berausche sich an den wenigen Fortschritten und sehe nicht, dass das große Ganze abstürzt. Wie geht ihr damit um?

Diese Diskussion hatten wir in den vergangenen Jahren mit einigen unserer Mitglieder, von denen manche früher in der Klimabewegung aktiv waren. Ihre These: Vielleicht ist es jetzt die Aufgabe von konstruktivem Journalismus zu zeigen, wie wir unter Kollapsbedingungen noch Selbstwirksamkeit entwickeln können – und wie wir mit Trauer, Angst und Hilflosigkeit umgehen.

Wir haben Inhalte, die in diese Richtung gehen, und die halte ich inzwischen für wichtig. So hatten wir eine kleine Artikelreihe über solidarisches Preppen. In Schweden ist das ein großes Thema: Nachbarschaften schauen, wie sie Resilienz für Katastrophenszenarien entwickeln.

Also nicht nur: "Das wird schon!"?

Nein, jedenfalls nicht nur. Krisenvorsorge und die Resilienz der Zivilgesellschaft gehören für mich zur Aufgabe des konstruktiven Journalismus. Wir hatten auch schon öfter Mitglieder der "Psychologists for Future" im Interview, die zu den mentalen Auswirkungen der Klimakrise arbeiten. Unter unseren Leser*innen sind interessanterweise viele Therapeutinnen und Therapeuten, die in ihrer Arbeit feststellen, welche Auswirkungen die Medienberichterstattung auf die psychische Gesundheit hat.

Wer sind eure Leserinnen und Leser?

Wir sammeln bewusst wenig private Daten. Aus Umfragen wissen wir, dass in etwa gleich viele Männer und Frauen zu unseren Leser*innen zählen und sie sich über Dörfer und Großstädte vor allem in Deutschland verteilen. Viele unserer Mitglieder sind schon etwas älter – vielleicht gibt es in dieser Gruppe eine höhere Bereitschaft, für Journalismus zu bezahlen. Grundsätzlich machen wir Journalismus für alle, die sich von den täglichen Negativschlagzeilen überfordert fühlen, sich mehr Orientierung im Nachrichtengeschehen und Lösungsansätze wünschen.

"Wer ständig mit Menschen spricht, die etwas tun, verfällt eher nicht in ein Gefühl von Hilflosigkeit"

Katharina Wiegmann

Darf ich mir euch als eine Redaktion hoffnungsfroher Menschen vorstellen?

Wir sind ja nicht eine Person, da gibt es unterschiedliche Level, und das ergänzt sich ganz gut. Aber wir können uns natürlich nicht komplett freimachen von der gesellschaftlichen Grundstimmung. Als ich 2017 zu Perspective Daily kam, wurde gerade die Klimabewegung groß, es wurden feministische und antirassistische Debatten geführt, eine gewisse Aufbruchsstimmung war spürbar. Wenn man sich den Diskurs heute anschaut – die Abkehr vom Klimaschutz, den politischen und medialen Rechtsruck – ist das manchmal ganz schön frustrierend. Da muss man aufpassen, dass man nicht zynisch wird.

Stellt ihr euch in jeder Konferenz die Frage: Wo ist das Konstruktive?

Wir ringen es uns bei jedem Thema ab: Wie geht es jetzt weiter, wo ist der Dreh, der nicht in der Problembeschreibung verharrt? Das verändert die Herangehensweise an die Welt, manchmal nicht zur Freude des eigenen Umfelds. Manche Leute reden einfach gern über Probleme. Wenn man dann jahrelang in einer konstruktiven Redaktion gearbeitet hat und sofort den Reflex hat, "ja, und wie machen wir weiter?", kommt das nicht immer gut an.

Auf der anderen Seite: Eine Kollegin ist in der Kommunalpolitik aktiv, eine andere lässt sich beim THW ausbilden. Wer ständig mit Menschen spricht, die etwas tun, verfällt eher nicht in ein Gefühl von Hilflosigkeit.

Ihr veröffentlicht einen Beitrag pro Tag. Warum so wenig?

Weil wir alle täglich viel zu viele Inhalte verarbeiten, unser Gehirn ist für diese Masse überhaupt nicht gemacht. Wir reduzieren uns deshalb bewusst auf einen Beitrag, der dann aber Quellenangaben hat, Zusatzinformationen zum Ausklappen, Tipps zum Weiterlesen und zum Aktivwerden.

Viele Mitglieder – aktuell etwa 12.500 Menschen, die unsere Arbeit jedes Jahr mit einem festen Betrag unterstützen - haben das in ihre Tagesroutine integriert und begreifen sich danach als kleine Expertinnen und Experten für das Thema. Zur bewussten Reduktion gehört auch, dass sich auf unserer Website und in der App keine blinkenden Werbebanner finden. Wir arbeiten unabhängig.

Bei euch heißt es nicht Abo, sondern Mitgliedschaft. Was steckt dahinter?

Ein Menschenbild. Wir wollen Menschen nicht als passive Konsumentinnen und Konsumenten eines Produkts begreifen, das sie bei uns kaufen. Mit dem Wort Mitgliedschaft verstärken wir den Gedanken, dass sie etwas beitragen. Wir machen keinen Journalismus für zahlende Werbekunden, sondern verlassen uns darauf, dass unsere Mitglieder die Idee eines anderen Journalismus tragen.

Angefangen haben wir mit einem Crowdfunding, um überhaupt zu sehen, ob es diesen Bedarf gibt. 12.000 Mitglieder waren damals überzeugt, jetzt zielen wir auf die 14.000. Um unsere Zukunft zu sichern, müssen es mehr werden, denn wir sind komplett mitgliederfinanziert.

Wie eng ist die Bindung zu den Mitgliedern?

Ziemlich eng. Es gehört zum Arbeitsablauf, dass die Autorinnen und Autoren unter ihren Artikeln mit den Mitgliedern ins Gespräch kommen. Wir binden sie oft in Recherchen ein. Vor der letzten Bundestagswahl haben wir Couchsurfing in der "Perspective-Daily-Republik" gemacht: Wir waren bei unseren Mitgliedern zu Gast und haben geschaut, welche Themen vor Ort relevant sind – und welche Lösungen es dort schon gibt.

Aktuell ist eure Paywall gefallen, ich kann alles lesen. Was ist der Gedanke dahinter?

Das ist ein temporäres Experiment, erst mal für einen Monat: Wir schauen, wie sich das auf die Mitgliederzahlen auswirkt. Dahinter steckt die Annahme, dass unsere Mitglieder nicht bezahlen, um ein exklusives Gut zu bekommen, auf das andere nicht zugreifen können. Sondern weil sie den gesellschaftlichen Mehrwert sehen: dass es einen Journalismus gibt, der nicht zuspitzt, sondern auf konstruktiven Dialog setzt, Perspektivenreichtum aufzeigt, gute Nachrichten und Lösungsansätze liefert. Und weil sie wollen, dass das in die gesellschaftliche Breite getragen wird.

Die Kommentarfunktion ist nur noch für registrierte Nutzer verfügbar. Um einen Leserkommentar schreiben zu können, schließen Sie bitte ein Abo ab, schreiben Sie uns eine Mail an leserpost@chrismon.de oder diskutieren Sie auf Instagram, Facebook und LinkedIn mit.