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Es ist Winter in Deutschland - und in diesem Jahr sogar kalt und schneereich. Sind die Warnungen vor der Klimakrise Alarmismus? Nein. Denn es gibt weiterhin Jahreszeiten. Und: Es heißt globaler Klimawandel - die Folgen zeigen sich also auf der ganzen Welt. Bei den "Australian Open" zwingt Hitze von bis zu 44 Grad die Tennisstars in die Knie. Was tun?
Frau Pongratz, auf der Klimakonferenz 2025 in Brasilien gab es keine Einigung auf einen konkreten Fahrplan, wann die Weltgemeinschaft aus den fossilen Energien aussteigt und aufhört, Kohle, Öl und Gas zu verbrennen. Mit der derzeitigen Klimapolitik droht bis Ende des Jahrhunderts eine menschengemachte Erderwärmung von 2,8 Grad. Müssen wir darauf hoffen, CO₂ irgendwie wieder aus der Atmosphäre zu bekommen?
Julia Pongratz: Ja. Neben der Emissionsreduktion ist die CO₂-Entnahme notwendig. Wir wollen das Pariser Ziel erreichen – also die menschengemachte Erderwärmung auf zwei, möglichst 1,5 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit begrenzen. Dafür müssen wir in den nächsten Jahrzehnten treibhausgasneutral werden. In Deutschland haben wir uns dieses Ziel für 2045 gesetzt.
Das klingt so, als dürfte die Menschheit dann gar keine Treibhausgase wie CO₂ mehr freisetzen.
Das wäre für das Klima das Beste. Wir wissen aber, dass sogenannte Restemissionen bleiben werden. Und genau um diese nicht vermeidbaren Emissionen auszugleichen, brauchen wir CO₂-Entnahme. Das ist die erste Rolle von CDR – Carbon Dioxide Removal. Nach dem Zeitpunkt der Treibhausgasneutralität müssen unsere Emissionen sogar "netto-negativ" werden – dann brauchen wir die CO₂-Entnahme erst recht. Diese CO₂-Entnahme hilft uns schon heute: Weltweit entziehen wir der Atmosphäre jedes Jahr rund 2,2 Milliarden Tonnen CO₂, vor allem durch Aufforstung und Wiederaufforstung.
Zum Vergleich: Allein in Deutschland haben Wirtschaft und private Haushalte 2023 zusammen 738,7 Millionen Tonnen CO₂ verursacht. Global emittieren wir derzeit über 40 Milliarden Tonnen CO2.
Genau. Daran sieht man: Aufforstung wirkt – aber derzeit holzen wir noch viel mehr ab. Zudem entsprechen die 2,2 Milliarden Tonnen pro Jahr nur etwa fünf Prozent der heutigen fossilen Emissionen.
Julia Pongratz
Was folgern Sie daraus?
Wir kommen an massiver Emissionsreduktion nicht vorbei. Unser wichtigstes Instrument beim Klimaschutz bleibt der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen und das Stoppen der Entwaldung. CO₂-Entnahme ist wichtig – aber vor allem für Emissionen, die sich nicht vermeiden lassen.
Welche Emissionen zählen dazu?
Das sind Emissionen, bei denen wir heute noch nicht wissen, wie wir sie vollständig verhindern können. Zum Beispiel in der Zementherstellung, in der Abfallwirtschaft oder in der Landwirtschaft.
In der Landwirtschaft?
Wir kommen nicht ohne Düngemittel aus, und dabei entstehen auf den Feldern Emissionen, die man nicht einfach vor Ort abscheiden kann. Sie gelangen in die Atmosphäre – und müssen dort wieder entnommen werden. Gleichzeitig haben wir aber nie ernsthaft genug darüber gesprochen, wie viel Veränderung wir uns bei unserem Lebensstil eigentlich zutrauen.
Wie meinen Sie das?
Weltweit stammt rund ein Viertel der Emissionen aus Landnutzung und Landwirtschaft, und davon wiederum ein Viertel allein aus Rindfleischkonsum. Dabei macht Rindfleisch gerade mal ein Prozent der Kalorien in der weltweiten Ernährung aus. Gerade in Deutschland ist unsere Ernährung aus Sicht der Weltgesundheitsorganisation WHO sehr fleischlastig – und ungesund. Ein weiterer blinder Fleck ist der Flugverkehr – niemand zwingt uns, zum Urlaubmachen das Flugzeug zu besteigen. Diese Debatten müssen wir führen: Welche Emissionen sind wirklich schwer vermeidbar? Und welchen Akteuren gestehen wir sie in welchem Umfang zu? Daraus ergibt sich direkt, wie viel CO₂-Entnahme wir zum Zeitpunkt der Treibhausgasneutralität überhaupt brauchen.
Es gibt Technologien, die CO₂ abscheiden und es weiterverwenden, etwa für synthetische Kraftstoffe. Hilft das dem Klima?
Für die CO₂-Entnahme gelten drei Kriterien: Sie muss zusätzlich zu natürlichen Prozessen stattfinden, das CO₂ muss aus der Atmosphäre stammen – und es muss dauerhaft gespeichert werden, über Jahrzehnte oder Jahrhunderte hinweg. Wird CO₂ aus der Luft entnommen, aber anschließend zu synthetischen Kraftstoffen verarbeitet, ist das keine CO₂-Entnahme. Das CO₂ landet früher oder später wieder in der Atmosphäre. Solche Anwendungen können helfen, Emissionen zu senken, ersetzen aber keine dauerhafte Speicherung.
"Es besteht die Gefahr, das fossile Zeitalter künstlich zu verlängern"
Julia Pongratz
Wie steht es um CCS, also Carbon Capture and Storage – das Abscheiden und Speichern von CO₂?
CO₂-Abscheidung und -Speicherung kann Teil von CO₂-Entnahme sein, etwa wenn Biomasse CO₂ aus der Atmosphäre aufnimmt und dieses bei der Verbrennung abgeschieden und anschließend unterirdisch gespeichert wird. Dann spricht man von echter CO₂-Entnahme. Wird CO₂ hingegen direkt an und aus fossilen Kraftwerken abgeschieden, ist das keine Entnahme, sondern Emissionsminderung. Dieser Unterschied ist wichtig – auch, weil es Konkurrenz um begrenzte Speicherstätten geben kann. Außerdem besteht die Gefahr, das fossile Zeitalter künstlich zu verlängern, obwohl erneuerbare Alternativen längst verfügbar und oft günstiger sind.
Ist es überhaupt sicher, CO₂ unter der Erde zu speichern, wie es unter dem Grund der Nordsee angedacht ist?
Die einzige Maßnahme ganz ohne Risiko ist die, CO₂ gar nicht erst freizusetzen. Jede Form der CO₂-Entnahme bringt Risiken mit sich, auch mit Blick auf die Dauerhaftigkeit. Im Vergleich gilt die geologische Speicherung als relativ langlebig und bei guter Überwachung als sicher. Risiken bestehen etwa durch alte Bohrlöcher oder seismische Störungen. Deshalb braucht es sorgfältige Standortwahl, Monitoring und klare Abschaltmechanismen. Gut geplant und überwacht ist die geologische Speicherung eine der stabileren Optionen.
Müsste die Aufforstung unsere größte Hoffnung sein? Sollten wir sogar Wüsten oder Savannen begrünen?
Aufforstung und Wiederaufforstung machen heute rund 99 Prozent der weltweiten CO₂-Entnahme aus. Wälder leisten viel: Sie speichern CO₂, kühlen durch Verdunstung die Landoberfläche und können die Biodiversität fördern.
Aber?
Man darf nicht der Versuchung erliegen, überall einfach Bäume zu pflanzen. Savannen etwa sind hochbiodiverse Ökosysteme und keine "leeren Flächen". Großflächige Aufforstung kann dort mehr schaden als nützen. Unsere Simulationen zeigen: Selbst sehr ambitionierte Aufforstung – etwa 900 Millionen Hektar weltweit – würde bis Ende des Jahrhunderts rund 0,2 Grad Erwärmung vermeiden. Das ist relevant, denn jedes Zehntelgrad zählt. Es zeigt aber auch: Aufforstung ersetzt keine Emissionsreduktion, sie ergänzt sie nur.
900 Millionen Hektar? Darunter kann ich mir nichts vorstellen!
Ein Vergleich macht es klar: Deutschland umfasst eine Fläche von fast 36 Millionen Hektar. 900 Millionen Hektar – das ist eine Fläche, die 25 Mal größer ist als die Deutschlands.
Sind Moore unterschätzte Klimaschützer?
Absolut. In Deutschland sind über 95 Prozent der Moore entwässert. Dadurch entstehen enorme CO₂-Emissionen. Wird ein Moor wiedervernässt, stoppen diese Emissionen sofort. Zwar entstehen dabei Methanemissionen, doch bei kluger Wasserstandsregulierung überwiegt der Klimanutzen deutlich. Langfristig können Moore wieder Kohlenstoff aufbauen und so CO₂ aus der Atmosphäre entnehmen. Hilfreich ist die Paludikultur: eine nasse Landwirtschaft, bei der Moore weiter genutzt werden können. So verlieren Landwirte nicht ihre Existenz, und es entstehen zusätzliche Klimanutzen – etwa in Kombination mit Bioenergie oder Photovoltaik.
Es gibt Menschen, die Emissionen aus Flugreisen kompensieren müssen – und Anbieter, die versprechen, das Äquivalent an CO2 zu speichern. Ist das nur eine Beruhigung fürs Gewissen?
Kompensation ist ein zweischneidiges Schwert. Verlässlich ist nur, Emissionen gar nicht erst entstehen zu lassen. Viele Kompensationsprojekte, etwa zur vermiedenen Entwaldung, hatten deutlich geringere Klimawirkung als versprochen. Gleichzeitig steigen die Emissionen im Flugverkehr weiter. Die Größenordnungen passen schlicht nicht zusammen. Kompensation kann dafür kein dauerhaftes Gegenmittel sein. Hier ist die Politik gefragt: Es darf nicht sein, dass ein Transatlantikflug günstiger ist als eine Bahnreise. Fossile Subventionen verzerren die Preise massiv – und müssen dringend abgebaut werden.
Gibt es eine Methode zur CO₂-Entnahme, die wir bislang total unterschätzen?
Total? Nein. Wir brauchen ein Portfolio aus verschiedenen Methoden. Keine einzelne Maßnahme reicht aus, um den nötigen Umfang zu erreichen. Ein breites Portfolio verteilt Risiken und reduziert Konflikte – schließlich sind die Ressourcen Land, Wasser und Energie begrenzt. Manche Ansätze werden aber unterschätzt, etwa die Agroforstwirtschaft. Sie stärkt die Klimaresilienz und bringt viele ökologische Vorteile, wird wirtschaftlich aber noch zu wenig gefördert. Die EU-Agrarpolitik lässt hier einen wichtigen Hebel liegen, weil sie vor allem landwirtschaftliche Flächen fördert. Die Gehölzstreifen hingegen werden nicht voll angerechnet. Andere Ansätze wie künstliche Photosynthese existieren derzeit nur im Labor. Ohne frühe Forschung und klare politische Rahmenbedingungen werden sie aber auch in 20 Jahren keine Rolle spielen.
In Hamburg wurde kürzlich eine Direct-Air-Capture-Anlage gestartet, auf Island läuft bereits eine. CO₂ wird direkt aus der Luft gefiltert. Ist das der Gamechanger?
Direct Air Capture, mit anschließender Verpressung des CO2, funktioniert, ist derzeit aber sehr teuer, zudem energieintensiv. Deshalb setzt man es vor allem dort ein, wo erneuerbare Energie im Überfluss vorhanden ist, etwa in Island. Die heutigen Anlagen entziehen nur kleine Mengen CO₂. Sie sind Pilotprojekte, um Erfahrungen zu sammeln. Mit dem neuen Kohlendioxidspeicher- und dem Kohlendioxidspeichertransportgesetz gibt es nun auch in Deutschland erstmals mehr Planungssicherheit, was die Lagerung des CO₂ angeht. Die beiden Anlagen in Island scheiden bislang weniger als 1000 Tonnen CO₂ pro Jahr ab. Selbst wenn sich diese Leistung wie geplant verzwanzigfacht, wird klar: Das ist ein wichtiger Baustein – aber nicht unsere Rettung. Zum Vergleich: Eine durchschnittliche Person in Deutschland verursacht etwa sieben Tonnen CO₂ pro Jahr. Auch Direct Air Capture muss also weiterentwickelt, wirtschaftlich angereizt und ausgebaut werden, damit es in absehbarer Zeit eine Rolle im Klimaschutzportfolio spielen kann.

