Eine Sprechblase aus Aquarell
Die Erzählung prägt die Vorstellung und die Angst, nicht der direkte Kontakt
Benjavisa / Getty Images / [M] chrismon
Ressentiments
Islamhass funktioniert besser ohne Muslime
Gerade dort, wo keine Muslime wohnen, ist die Angst vor "dem" Islam und die Ablehnung am größten. Unser Kolumnist hat eine Ahnung, warum das so ist - und was wir dagegen tun können
Peter Grewer
13.07.2026
4Min

Es gibt in Deutschland eine Statistik, die mich seit Jahren nicht loslässt. Die Angst vor dem Islam und daher die Ablehnung des Islam ist in Deutschland dort am größten, wo am wenigsten Musliminnen und Muslime leben. In Landstrichen, in denen kaum jemand je einer Frau mit Kopftuch begegnet ist, oder einem Mann, der zum Freitagsgebet geht, oder einer Familie, die den Ramadan feiert, ist die Sorge vor "dem Islam" am ausgeprägtesten. Und dort, wo Menschen Tür an Tür mit Muslimen leben, mit ihnen zur Arbeit fahren, ihre Kinder in dieselbe Kita bringen, ist sie oft am kleinsten.

Das ist auf den ersten Blick paradox. Auf den zweiten Blick ist es eine wichtige Erkenntnis über uns selbst: Nicht nur die direkte Begegnung prägt unser Bild von anderen. Sondern auch die Erzählungen über die anderen sind prägend. Der französische Philosoph Jean-François Lyotard verkündete Ende der 1970er Jahre das "Ende der großen Erzählungen". Die Zeit der umfassenden Geschichten, die einer ganzen Gesellschaft erklären, wie die Welt zusammenhängt – der Fortschritt, die Nation, die Erlösung –, sei vorbei. Übrig blieben viele kleine, private Wahrheiten, so Lyotard. Ich glaube, er hatte für seine Zeit recht. Aber die großen Erzählungen sind zurückgekehrt – vermittelt über unsere Bildschirme.

Die Algorithmen der sozialen Netzwerke belohnen nicht das Abgewogene, sondern das Aufregende, nicht das Zweifelnde, sondern das Eindeutige. Aus Tausenden Schnipseln bauen sie uns wieder ein geschlossenes Weltbild, nicht mehr eines für alle, sondern eines pro Blase, dafür in der Blase umso lückenloser. Die kleinen Erzählungen der Postmoderne sind wieder groß geworden. Und die größte Kraft solcher Geschichten entfaltet sich dort, wo ihnen nichts und niemand widerspricht. Wo keine Nachbarin mit Kopftuch die Erzählung stört, kann sie umso nachhaltiger wirken.

Nun höre ich schon den Einwand: Wir leben eben im "postfaktischen Zeitalter". Ich glaube das nicht, und ich halte den Begriff für gefährlich. Er unterstellt, den anderen fehlten die Fakten und man selbst besitze sie. Das ist überheblich und meist falsch. Auch gut informierte Menschen deuten die Welt entlang ihrer Geschichte und Geschichten.

Wir leben nicht in einer Zeit ohne Fakten. Wir leben in einer Zeit, in der die Erzählung entscheidet, welche Fakten für uns überhaupt zählen. Das Unbequeme daran: Solche Geschichten sind nicht das Problem der jeweils anderen. Sie wirken auf allen Seiten.

Für den islamistischen Fanatiker ist es die Erzählung vom dekadenten Westen, der den Islam vernichten will. Für einen Teil unserer Gesellschaft ist es die Erzählung vom Islam als Bedrohung, die mit "uns" unvereinbar sei. Und für viele Musliminnen und Muslime ist es die Erzählung, dass man sie hierzulande ohnehin nicht haben wolle.

Jede dieser Geschichten trägt ein Körnchen Wahrheit in sich – antimuslimischer Hass ist real, islamistischer Terror ist real. Genau das macht sie so mächtig. Sie nehmen das Körnchen und machen daraus die ganze Welt. Wer ein konkretes Unrecht anspricht, kritisiert eine Tat, ein Denken, eine Struktur. Wer daraus "den Islam" macht, verwandelt das Körnchen in die ganze Welt und trifft am Ende die Zwölfjährige im Klassenzimmer, die mit alldem nichts zu tun hat. Klarheit in der Sache und Respekt vor dem Menschen sind kein Widerspruch. Im Gegenteil: Nur wer nicht alle unter Verdacht stellt, wird überhaupt gehört, wenn er das konkrete Unrecht beim Namen nennt.

Wer das erkennt, kommt an einer unbequemen Frage nicht vorbei: Welche Geschichten trage ich selbst mit mir herum? Welche Bilder tauchen in mir auf, ehe ich einem Menschen überhaupt begegnet bin? Es ist ehrlicher, diese Frage sich selbst zu stellen, als sie den anderen vorzuhalten.

"Die Anerkennung des anderen ist der Kern des Menschlichen"

Name

Und dann ist da noch etwas, das mich als religiösen Menschen besonders umtreibt. Wenn wir über den Islam sprechen, geht es fast immer um Probleme. Um das Kopftuch, um Konflikte, um Abgrenzung. Dabei übersehen wir, was Religion einem Menschen geben kann: Halt in unübersichtlichen Zeiten, einen Anker, eine Würde, die nicht von Leistung abhängt. Vor kurzem sagte mir ein Sozialarbeiter: "Ich habe angefangen, den Koran mit anderen Augen zu lesen, und war überrascht von dem, was ich fand. Fast jede Sure beginnt mit den Worten ‚Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Allerbarmers‘. Barmherzigkeit ist dort nicht eine Eigenschaft unter vielen, sondern der Grundton des Ganzen."

Und tatsächlich gibt es im Koran die Vorstellung, dass Gott dem Menschen von seinem eigenen Geist einhauchte. Dieses Bild hat eine große Tragweite, weil dadurch jedem Menschen etwas Göttliches zuerkannt wird. Und es gibt jene Erzählung, in der ein Engel zum Teufel fällt, weil er sich weigert, den Menschen in seiner Andersartigkeit anzuerkennen. Man kann diese Erzählung lesen als eine tiefe Wahrheit: Die Anerkennung des anderen ist der Kern des Menschlichen. Ihre Verweigerung ist das eigentlich Teuflische.

Ich schreibe das nicht, um eine Religion über eine andere zu stellen. Ich schreibe es, weil ich gemerkt habe, wie sehr sich ein Gespräch verändert, wenn jemand mit Neugier statt mit Sorge spricht. "Ich habe gelesen, dass die Barmherzigkeit im Koran so einen hohen Rang hat – erzähl mir davon" öffnet eine Tür. Die Aussage "Ich finde das mit eurer Religion schwierig" hält die Tür fest verschlossen. Es ist oft nur ein halber Satz, der den Unterschied macht. Aber es ist der Unterschied zwischen einer Mauer und einer Brücke.

Die eigentliche Aufgabe unserer Zeit besteht nicht nur darin, die schlechten Geschichten zu widerlegen, sondern bessere zu erzählen. Geschichten, in denen der andere kein Problem ist, das man verwaltet, sondern ein Mensch, dem man begegnet. Die positiven Großerzählungen entstehen nicht von allein. Wir müssen sie schreiben. Und wir müssen es tun, ehe die Angst es tut: dort, wo noch niemand wohnt.

Die Kommentarfunktion ist nur noch für registrierte Nutzer verfügbar. Um einen Leserkommentar schreiben zu können, schließen Sie bitte ein Abo ab, schreiben Sie uns eine Mail an leserpost@chrismon.de oder diskutieren Sie auf Instagram, Facebook und LinkedIn mit.

Kolumne

Mouhanad Khorchide

Für den islamischen Theologen Mouhanad Khorchide ist die Freiheit des Glaubens sehr wichtig. Er tritt ein für einen Glauben, der die Menschen frei macht und die Liebe Gottes vermittelt. Für chrismon blickt er auf Gott und die Welt, mal religiös, mal politisch, immer pointiert.