Es ist kompliziert mit der Zugehörigkeit in Israel. Staat, Volk, Religion – was und wer zählt wozu? Das Land selbst definiert sich als "Nationalstaat des jüdischen Volkes". Doch nur gut drei Viertel seiner Bevölkerung (76,9 %) sind Juden, rund 2,1 Millionen Einwohner dagegen Araber muslimischen, christlichen oder drusischen Glaubens. Im Gesamtstaat mit 21 Prozent die größte Minderheit, stellen sie in einigen nördlichen Provinzen sogar die Bevölkerungsmehrheit. Doch wie verorten sie sich selbst?
Sally Abed wurde als Kind einer arabischen Familie in Israel geboren und hat einen israelischen Pass, doch sie bezeichnet sich selbst nicht als Israelin, sondern als "palästinensische Bürgerin Israels". Aufgewachsen ist sie in Galiläa an der Grenze zum Libanon, wo die arabische Bevölkerung dominiert – aber in einer christlichen Familie.
Sie kam also zur Welt als Angehörige einer religiösen Minderheit in der relativen arabischen Mehrheit im Norden, die im Staat Israel dennoch spürbar in der Minderheit ist. Damit sitzt sie zwischen ziemlich vielen Stühlen – allerdings seit zwei Jahren auch im Stadtrat ihrer Heimatstadt Haifa, die traditionell als offen und pragmatisch gilt im Umgang der Kulturen und Religionen. Gewählt wurde sie damals als erste Frau, die in der "gemischten" Hafenstadt eine gemeinsame arabisch-jüdische Liste anführte.
Jetzt erklimmt Abed mit schnellen Schritten die steile Straße von der arabisch-jüdischen Nachbarschaft, wo die 34-Jährige mit ihrem Mann und dem kleinen Töchterchen wohnt, hinauf zum Rathaus von Haifa: Ein Treffen mit dem Chef der Stadtverwaltung steht an. Er ist ein alter Veteran der israelischen Armee. Im Rathaus wird sie daher gleich etwas anders auftreten – nicht als politische Aktivistin, auch nicht als die Palästinenserin, die nach dem Hamas-Überfall am 7. Oktober 2023 Angst hatte, hier auf der Straße Arabisch zu sprechen. Sie wird sich anders ausdrücken und sie wird sich etwas anders geben. Ganz automatisch. "Der Mann würde mich sonst einfach für verrückt halten", sagt sie, jetzt vom Anstieg doch etwas atemlos: "Er liest mich als 'Araberin'. Aber er hat keine Ahnung, was das bedeutet."
Weil er es als Teil der jüdischen Hegemonie schlicht nicht wissen müsse, sagt Abed. Es sei das Dilemma der Minderheit, dass sie nicht nur beide Sprachen beherrschen, sondern sämtliche soziokulturellen Codes kennen müsse, um dann damit zu jonglieren. Um den Alltag in Israel zu bewältigen, müssen die israelischen Araber verstehen, mit welchen Narrativen jüdische Kinder aufwachsen, die mit 18 Jahren zum Militärdienst geschickt werden.
Sie müssen die Weltsicht der ultraorthodoxen Juden kennen. Müssen wissen, wieso sich die Juden, die einst aus den arabischen Nachbarländern kamen, immer noch missverstanden fühlen und heute oft zu den nationalistischen Wählern gehören. Sie müssen jüdische Bräuche und Traditionen kennen und sämtliche Befindlichkeiten. Und natürlich müssen sie das große Trauma des 7. Oktober verstehen – und seine Folgen.
"Wir palästinensischen Bürger Israels verstehen die israelische Gesellschaft besser als die Juden", sagt Abed. Und seit dem Gazakrieg wird ihr immer deutlicher, dass das nicht nur eine Notwendigkeit ist, um in Israel zu überleben, sondern auch eine Art geheime Superkraft.
Denn Abed engagiert sich nicht nur in der Kommunalpolitik. Gerade erst hat sie für die arabisch-jüdische Friedensorganisation "Standing Together" auf einer Reise durch die USA öffentlich diskutiert, wie es nach der Waffenruhe in Gaza weitergehen kann. Auf nationaler Ebene gilt sie als eine der Anführerinnen der Organisation, der es darum geht, eine neue Mehrheit in Israel zu schaffen, die an Frieden, Gerechtigkeit und eine gemeinsame Zukunft glaubt.
Bei ihrer Arbeit für den Stadtrat wiederum spürt sie, wie sie mit ihrer kulturellen Zweisprachigkeit den politischen Horizont ebenjener Leute erweitert, die ihren Zielen als Aktivistin nicht ferner stehen könnten. "Da geht es um Sozialhilfe, Bildung oder Mülltonnen", lacht sie. "Doch die merken, ich setze mich nicht nur für arabische Belange ein, sondern für die ganze Stadt." Gleichzeitig breche sie so das Klischee der realitätsfremden linken Aktivistin. "Sie werden wohl nie mit mir gegen die Besatzung demonstrieren, aber die Feindseligkeit schwindet."
"Darüber sprechen wir nicht mit Juden!"
Nach dem Rathaus-Termin sitzt Sally Abed im hippen Café unterhalb ihrer Wohnung, das zufällig auch "Sally" heißt, und erzählt. "Ich bin mir sicher, einige hier hören gerade sehr interessiert zu, die Leute kennen mich in Haifa", grinst sie, während sie sich umschaut. Hier im Viertel führe man netten Small Talk, doch nur einmal habe eine jüdische Nachbarin sie auf das Leid der Palästinenser im Gazakrieg angesprochen.
"Ich wiederum weiß genau, wer einen Soldatensohn in Gaza hat", sagt Abed. Man umschiffe das im Alltag. Ebenso wie den Anblick der israelischen Flagge, die jemand während der Bombardements auf Gaza aus dem Fenster gehängt hat. "Niemand macht sich Gedanken darüber, dass im Haus auch Palästinenser wohnen, die sich in ihrer Existenz bedroht fühlen." Während des Krieges sei dieses Gefühl oft übermächtig geworden: als ob auch ihr Leben hier eine Illusion sei und einfach so enden könne. Wie in Gaza.
Lesen Sie hier: Warum der Irankrieg aus jüdischer Sicht gerechtfertigt ist
Aufgewachsen ist Abed in "der wohlhabendsten arabischen Ortschaft Israels" an der Grenze zum Libanon. Doch auch dort seien die Probleme der Minderheit unübersehbar: etwa die Vernachlässigung, was den Ausbau von Straßen und anderer Infrastruktur angeht. Oder der Umgang mit dem organisierten arabischen Verbrechen: "Jedes Geschäft zahlt Schutzgeld, aber die Polizei lässt sich nicht blicken."
""Hätten wir nichts zu verlieren, wir wären viel gefährlicher für Israel"
Sally Abed
Seit der rechtsextreme Politiker Itamar Ben-Gvir zum Polizeiminister ernannt wurde, fühlen sich die arabischen Bürger alleingelassen vom Staat. Laut einer Studie der Organisation Abraham Initiatives, die sich für soziale Inklusion und Gleichberechtigung einsetzt, verdoppelten sich die Gewaltverbrechen innerhalb Israels palästinensischer Gesellschaft im Jahr 2023, Ben-Gvirs erstem Jahr im Amt. Seit Jahresbeginn wurden bereits 68 arabische Israelis ermordet (Stand: 16. März). "Bandenfehde oder Blutrache", heißt es dazu in den Nachrichten. Zwischen den Zeilen steht: "Das sollen die Araber unter sich ausmachen."
Solche Dinge habe sie als Kind noch nicht wahrgenommen, sagt Abed. Manchmal fuhr sie mit den Eltern ins Westjordanland, um günstig Schulsachen einzukaufen. "Dort spürte ich, dass wir anders sind. Dass wir etwas haben, was den Palästinensern dort fehlt." Doch gesprochen wurde darüber zu Hause nicht.
Über ihren Tanzverein freundete sie sich mit jüdischen Kindern an. Als einer von ihnen zu Besuch kam, bat sie ihre Großmutter, die spannende Geschichte von ihren Abenteuern im Tal zu erzählen. "Darüber sprechen wir nicht mit Juden!", wurde die kleine Sally angefahren. Denn diese Geschichte spielte während der Vertreibung und Flucht Hunderttausender Palästinenser während Israels Unabhängigkeitskrieg zwischen 1947 und 1949, der Nakba – ein kollektives palästinensisches Trauma. Wie viele der im israelischen Kernland verbliebenen Palästinenser hatten sich die Großeltern einige Monate lang versteckt gehalten, bevor sie in ihr Dorf zurückkehrten.
Diese Angst, die ihre Großeltern prägte, nehme auch sie heute wieder wahr, sagt Abed. Wenn jüdische Kollegen im Krankenhaus, wo ihr Mann arbeitet, die Situation in Gaza beschönigten, traue er sich nicht zu protestieren. Ihrer Mutter, die im öffentlichen Dienst angestellt sei, gehe es ähnlich. "Das ist ein Widerspruch, den viele nicht sehen: Wir arabischen Israelis waren noch nie so gut gebildet und integriert." Man müsse jedoch verstehen, dass sozialer Aufstieg auch ein Weg sei, einer Minderheit in der Gesellschaft die Stimme zu nehmen. "Hätten wir nichts zu verlieren, wir wären viel gefährlicher für Israel."
Ein Kampf für alle
Die junge Sally Abed musste Israel erst verlassen, um sich selbst als Palästinenserin zu erleben. Am ersten Tag im norwegischen Internat war es nicht zu übersehen, dass noch eine weitere Schülerin aus Israel auf dem Pausenhof stand. Sie hatte sich in die Flagge mit dem Davidstern gewickelt und wollte Sally damit umarmen. Der war das unangenehm, lieber hätte sich die 16-Jährige zu einer Gruppe Arabisch sprechender Jugendlicher gestellt. "Aber ich hatte Scheu, dass sie mich nicht akzeptieren." Einer der Jungs jedoch stellte lauthals fest, dass sie doch auch Palästinenserin sei. Damit hatte Ahmed aus Gaza sie als eine der Seinen geweiht.
Abeds Eltern waren nicht glücklich über das erwachende palästinensische Selbstbewusstsein ihrer Tochter. "Meine Eltern haben gelernt, sich anzupassen. Sie haben studiert und waren erfolgreich", erklärt Abed. Das wollten sie auch für ihre Tochter. Allerdings half es nicht, dass sie Sally auf ein College in vermeintlich sicherer Entfernung im US-Staat Indiana schickten. Es war die Zeit der großen Sozialproteste und für die junge Studentin fügte sich plötzlich alles zusammen: Occupy Wall Street, Umweltaktivismus, die Bürgerrechtsbewegungen von Schwarzen und Latinos, die Kritik am Kapitalismus – und der Widerstand der Palästinenser.
Lesetipp: Ist der Angriff auf den Iran ein gerechter Krieg?
Umso frustrierender war 2015 die Rückkehr nach Israel. Wie viele Berufsanfänger war sie in einem Start-up in Tel Aviv gelandet. Gerade noch hatte sie sich in den USA für die Geschichte des Klassenkampfs begeistert, und plötzlich war sie mit Kollegen konfrontiert, die in jüdischen Siedlungen im Westjordanland lebten. "Einmal sprach ich in der Pause von der 'palästinensischen Küche', ich wurde sofort zu den Chefs gerufen und abgemahnt."
"Ich fühlte mich überwältigt. Von all dem Leid, aber auch der Hoffnung in uns"
Sally Abed
Durch Zufall geriet sie damals in einen der ersten Proteste von "Standing Together": Als die Regierung Ende 2017 im großen Stil Asylsuchende aus Afrika abschieben wollte, machten die Protestler, Araber und Juden in lila T-Shirts, erstmals auf sich aufmerksam. Die meisten Asylsuchenden leben in Tel Aviv in einem vernachlässigten Viertel rund um den Zentralen Busbahnhof. Es ist die ärmste Nachbarschaft der Stadt. Hier wohnen die Altenpfleger aus Asien, Juden äthiopischer Abstammung, aber auch Juden, die einst aus den arabischen Ländern nach Israel eingewandert sind und lange um ihre Integration kämpfen mussten.
"Ich war überwältigt", sagt Abed. "Anstatt nur Solidarität zu zeigen, mobilisierte die Organisation alle Nachbarn, indem man sagte: 'Ihr seid doch auch Opfer dieses Systems!'" Die Deportation wurde tatsächlich gestoppt. Was sie nachhaltig beeindruckte, waren die Schilder der Demonstranten. Sie waren dreisprachig: Hebräisch, Amharisch für die Eritreer und Arabisch für die Sudanesen. "Dieser Protest betraf mich nicht persönlich, aber er sprach mich an." Abed dachte: So kämpft man also für soziale Gerechtigkeit.
Im "Café Sally" kommt nun doch eine Frau an den Tisch und spricht sie an: "Du bist großartig!", sagt sie auf Hebräisch mit amerikanischem Akzent. Vor dem Krieg hatte "Standing Together" nur ein paar Hundert Mitglieder. Doch inzwischen gilt die Organisation nicht nur in Israel als wichtiger politischer Akteur. Dem englischsprachigen Instagram-Account, auf dem auch Sally immer wieder ihre Meinung kundtut – etwa zu den Gewalttaten von Siedlern im Jordan-Tal – folgen über 200.000 Menschen.
Dreimal war Abed seit dem 7. Oktober 2023 mit Mitstreitern in den USA. Dort saß sie in Universitäten oder jüdischen Gemeindezentren auf dem Podium vor Hunderten von Leuten, stellte sich der Diskussion und warb für eine gemeinsame Zukunft für Israelis und Palästinenser. "Beim ersten Mal waren alle noch traumatisiert", sagt Abed.
Lesen Sie hier: Warum es gefährlich ist, an einen guten Krieg zu glauben
Doch bei der zweiten Reise im Frühjahr 2024, als die Welt zu ahnen begann, wie brutal Israels Vergeltung aussehen würde, seien sie wie Erlöser gefeiert worden – zumindest von liberalen Juden. Für Abed war die Reise eine Tortur, sie war schwanger und hatte gerade ihre Kampagne für die Stadtratswahl hinter sich. "Ich fühlte mich überwältigt. Von all dem Leid, aber auch der Hoffnung in uns. Wir hatten keine Ahnung, wie es weitergehen soll."
"Sie verstehen nicht, dass mein Kampf an der Seite von gleichgesinnten Juden das Radikalste ist, was ich als Palästinenserin tun kann"
Sally Abed
Dazu kam: Aus dem Lager propalästinensischer Aktivisten schlug ihnen harsche Kritik entgegen. Internationale Organisationen warfen ausgerechnet den arabisch-jüdischen Friedensaktivisten vor, die Besatzungspolitik weißzuwaschen. Weil eine israelische Institution keine indigene Protestbewegung sein könne, hieß es. Weil ihre Sprache zu lasch sei. Schmerzhaft war das, sagt Abed.
Nicht nur, weil sie zu den Ersten gehörten, die nach dem 7. Oktober für einen Waffenstillstand warben, oder weil sie bei Demos selbst regelmäßig von der Polizei drangsaliert werden. Die Aktivisten wehrten sich: "Die Versuche, 'Standing Together' zum Schweigen zu bringen und zu isolieren, dienen nicht der palästinensischen Sache, sondern den Interessen des israelischen politischen Establishments, das ebenfalls versucht, uns zum Schweigen zu bringen", lautete damals ihre Stellungnahme.
Auch hier also sitzt sie zwischen den Stühlen. Und auch hier erkennt sie in dieser unbequemen Position die Stärke: "Die Linken im Ausland werfen mir vor, als Palästinenserin nicht radikal genug zu sein", sagt Abed: "Sie verstehen nicht, dass mein Kampf an der Seite von gleichgesinnten Juden das Radikalste ist, was ich als Palästinenserin tun kann."
Es sei kein Zufall, dass unter den Mitgliedern von "Standing Together" so viele Frauen und so viele davon arabisch seien, fügt sie hinzu. "70 Prozent der arabischen Studierenden sind weiblich. Weil wir in der traditionellen Gesellschaft keinen Raum finden, suchen wir andere Orte, an denen wir uns ausdrücken können." Wohl aus demselben Grund seien überdurchschnittlich viele der Friedensaktivisten queer. "Wir witzeln gern, dass unsere Bewegung auch Heteros wie mich inklusiv behandelt."
Im Übrigen hält sie es für ein Gerücht, dass die jüdisch-israelische Kultur feministischer sei als die arabische: "Alle glauben immer, in Israel gäbe es Gleichberechtigung, weil die Frauen zur Armee müssen." In der letzten Stadtratssitzung sei einer der Männer durch eine vulgäre Geste ausfällig geworden. Die galt einer von Abeds ärgsten Kontrahentinnen. "Beide sind ultrarechts und attackieren mich ständig."
Sally Abeds Alltag als Mutter, Aktivistin und Politikerin ist durchgetaktet, jede Minute zählt. Aber heute in aller Frühe nahm sie sich trotzdem die Zeit, bei der Polizei eine Beschwerde gegen den Mann einzulegen. Werte sind Werte.
Das Treffen mit Sally Abed fand wenige Wochen vor dem Angriff Israels und der USA auf den Iran statt. Für die israelische Bevölkerung hat dieser Krieg direkte Folgen: Wieder steht das Land unter Raketenbeschuss aus dem Iran und im Norden zusätzlich durch die Hisbollah-Miliz aus dem Libanon. Trotzdem befürworten viele jüdische Israelis den Angriff: Das iranische Regime gilt ihnen als existenzielle Bedrohung.
Auch in Haifa heulen nun beständig Alarmsirenen. Die Geschosse machen keinen Unterschied zwischen Arabern und Juden. Während die meisten Familien damit beschäftigt sind, irgendwie durch den Alltag zu kommen, zeigt Sally Abed, was zivile Verantwortung jenseits ethnischer Zugehörigkeiten bedeutet. In Haifa setzt sie sich für die Ausstattung der öffentlichen Bunker ein, mit "Standing Together" organisiert sie Spenden für eine arabische Minderheit, an die in diesen Tagen kaum jemand denkt: Zehntausende Beduinen im Süden Israels sind den Raketen schutzlos ausgeliefert. Die Aktivisten sammeln Geld für mobile Bunkereinheiten. Die ersten wurden schon aufgestellt.
Wie gute Gespräche zwischen Palästinensern und Juden aussehen können, wie man Raum schafft für das Leid des anderen im eigenen Leid, das zeigt Sally Abed mit ihrer Kollegin Jess Bricker im Podcast "The long answer" — die ausführliche Antwort (englisch).


