chrismon: In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?
Bodo Wartke: Wenn ich Ideen habe zu einem Song, Theaterstück oder Zungenbrecher. Ich bin kein sehr spiritueller Mensch, aber in diesem Kontext glaube ich: Da will sich etwas manifestieren und sucht Menschen, die gerade auf Empfang sind. Wenn die Ideen kommen, leiste ich ihnen demutsvoll Folge, ich lege alles andere beiseite, alles wird auf später verschoben. Wie wäre ein Leben ohne Humor? Traurig. Trist. Humor rettet mich, stiftet Trost. Humor ist eine Haltung, den Widrigkeiten des Lebens zu begegnen, sich nicht runterziehen zu lassen, auch den schweren Dingen eine Leichtigkeit abzugewinnen. Das, was passiert, liegt nicht in unserer Hand, aber die Art und Weise, wie wir draufschauen, können wir entscheiden.
Bodo Wartke
Was können Erwachsene von Kindern lernen?
Neugier, die probieren einfach aus. Als Kind wollte ich mal Schokolade schmelzen und wusste nicht, dass man das im Wasserbad macht. Also habe ich die Schokostreusel in einen Topf gestreut und den Herd auf volle Temperatur gestellt. Es rauchte und stank wie die Hölle, ich hätte fast einen Feuerwehreinsatz ausgelöst. Aber man erwirbt sich seine Weisheit durch Neugier. Dadurch, dass wir einen Fehler machen, lernen wir, wie es besser gehen könnte.
Haben Sie eine Vorstellung von Gott?
In den Momenten, in denen die Kunst sich durch mich ereignet, fühle ich mich getragen. Ich denke nicht: Ich geiler Checker, was ich für krasse Sachen getextet und komponiert habe! Ich fühle mich eher wie ein Medium, etwas will sich ereignen – und ereignet sich durch mich. Da fühle ich mich sehr verbunden und auch gebraucht. Und ja, vieles spricht dafür, dass es eine göttliche Kraft gibt. Das Leben wollte in die Welt, und sobald die Umstände günstig waren, passierte es in einer Wahnsinnsopulenz und Pracht. Woraus wir bestehen – Stickstoff, Kohlenstoff, Sauerstoff und so weiter – könnte man rumliegen lassen. Warum hat die Materie Lust, etwas Neues auszuprobieren? Ich glaube, dahinter steckt eine Haltung, kein Masterplan, ich glaube, es ist eher Neugier: mal gucken, was dabei herauskommt.
Was tun gegen Einsamkeit?
Meine Schwester ist sehr früh gestorben. Sie kam mit Trisomie 13 auf die Welt, die meisten sterben bereits im Mutterleib, Christine ist einen Monat und einen Tag alt geworden. Früher dachte ich, ich sei Einzelkind, bis ich realisierte: Auch wenn ich sie nicht kennengelernt habe, sie ist bei mir. Das hat viel Trost gespendet. Es hat lange gedauert, bis ich um sie trauern konnte, vorher war ich damit beschäftigt, meine Mutter zu trösten – sofern man das kann als kleiner Junge.
Fürchten Sie den Tod?
Auf dem Sterbebett zu realisieren, dass man nicht im Einklang mit seinen Wünschen war, dass man ein falsches Leben gelebt hat – das wäre furchtbar. Müsste ich Zwischenbilanz ziehen, würde sie sehr positiv ausfallen. Ich tue das, was ich liebe, und bin in der Lage, davon meinen Lebensunterhalt zu bestreiten, das ist ein ganz großes Privileg, das erfüllt mich mit großer Dankbarkeit und Demut.
Wie gehen Sie mit Schuldgefühlen um?
Ich weise die Schuld nicht von mir, wenn ich wirklich was verbockt habe, bitte ich um Entschuldigung. Als ich ein Kind war, hat meine Mutter mir ständig Schuldgefühle gemacht, ich habe mich für Sachen entschuldigt, die gar nicht meine Schuld waren. Sie wiederum hat sich nie bei mir entschuldigt. Ich war vor allem dafür zuständig, meine Mutter zu deeskalieren, sie war wahnsinnig leicht kränkbar. Das hat lange verhindert zu erkennen, wer ich eigentlich bin, wenn ich nicht der Erfüllungsgehilfe meiner Mutter bin.
Wer oder was hilft in der Krise?
In den Corona-Jahren habe ich meinen Vater erst richtig kennengelernt, er hatte Krebs, er brauchte jemanden, der sich um ihn kümmert. Das konnte ich nur dank Corona. Ich glaube, ich habe unter der Krise weniger gelitten als andere. Ich habe Onlinekonzerte gegeben, bis zu acht am Tag. Man findet Möglichkeiten, wenn man nach ihnen sucht. Die Flinte ins Korn zu schmeißen, das geht immer, und das ist leicht – aber selten gerechtfertigt.



