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Die im März 2026 veröffentlichte Studie des MOTRA-Monitors (Link) zeichnet ein Bild, das man nicht einfach übergehen kann. Sie wird vom Bundeskriminalamt und einem breiten Forschungsverbund getragen. Im Zentrum steht die Frage: Wie verbreitet sind islamistische Einstellungen unter Muslimen in Deutschland?
Die Ergebnisse sind eindeutig und alarmierend: Rund 45 Prozent der unter 40-jährigen Muslime in Deutschland gelten laut Studie als latent oder manifest islamismusaffin. Das bedeutet nicht, dass diese Menschen gewaltbereit sind. Aber es bedeutet, dass sie in ihren Einstellungen anschlussfähig sind für Ideologien, die Demokratie, Pluralismus und individuelle Freiheit infrage stellen. Ein Teil der Befragten vertritt fundamentalistische Ansichten, zeigt eine deutliche Distanz zu westlichen Werten und ist anfällig für radikale Deutungen von Religion.
Besonders problematisch ist ein weiterer Befund: Fast jeder zweite junge Muslim kann sich unter bestimmten Umständen die Errichtung eines islamischen Gottesstaates vorstellen. Man muss sich diesen Satz in seiner Tragweite bewusst machen. Es geht hier nicht um Randgruppen, sondern um Einstellungen, die in Teile der muslimischen Community hineinreichen. Der Bericht zeigt außerdem, dass der aktuelle Nahostkonflikt als Brandbeschleuniger wirkt. Über soziale Medien werden junge Menschen verstärkt mit islamistischer Propaganda konfrontiert, was die emotionale Aufladung erhöht und Hemmschwellen senken kann. Parallel dazu verzeichnet das Bundeskriminalamt einen deutlichen Anstieg islamistischer Straftaten: über 1.500 Fälle im Jahr 2024, ein Plus von mehr als 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. All das ergibt ein Gesamtbild, das man nicht relativieren sollte. Und doch ist genau das oft die erste Reaktion.
Ich erlebe es immer wieder: Sobald solche Studien erscheinen, setzt reflexartig Kritik ein, vor allem aus muslimischen Kreisen. Die Methodik wird infrage gestellt, die Stichprobe kritisiert, die Aussagekraft relativiert. Natürlich ist wissenschaftliche Kritik wichtig und notwendig. Aber sie wird oft als Ausweichbewegung genutzt, um sich nicht mit dem eigentlichen Problem auseinanderzusetzen.
Die entscheidende Frage müsste doch lauten: Warum gibt es solche Ergebnisse überhaupt? Warum fühlen sich so viele junge Muslime von islamistischen Ideen angesprochen? Warum ist die Zustimmung zu einem Gottesstaat so hoch? Warum gelingt es nicht, klare Gegenpositionen aus der Mitte der muslimischen Gemeinschaft heraus zu formulieren?
Hier beginnt ein blinder Fleck, der seit Jahren besteht. Ich vermisse eine breite, selbstkritische Auseinandersetzung innerhalb muslimischer Communities mit Themen wie Islamismus, Antisemitismus oder Geschlechtergerechtigkeit. Diese Themen werden oft vermieden. Stattdessen haben Muslime den Instinkt, sich ständig rechtfertigen zu müssen, gegenüber einer Mehrheitsgesellschaft, die als kritisch wahrgenommen wird. Doch diese Haltung verhindert die notwendige innere Klärung. Außerdem ist nicht jede Kritik am Islam oder an Muslimen Ausdruck von Islamfeindlichkeit oder antimuslimischem Rassismus. Diese vorschnelle Gleichsetzung führt dazu, dass berechtigte Fragen abgewehrt werden. Dabei könnte man sie auch als Chance zur Selbstreflexion begreifen. Gerade hier braucht es mehr Selbstbewusstsein: so könnte die Kritik nicht als Bedrohung verstanden werden, sondern als Möglichkeit, die eigene Position weiterzuentwickeln.
Eine der zentralen Fragen, die kaum gestellt wird, ist die nach dem religiösen Exklusivismus. Die Vorstellung, dass der Islam die einzig wahre Religion ist und alle anderen letztlich im Irrtum sind, ist unter Muslimen tief verankert. Das hat Konsequenzen.
Wenn ich glaube, im Besitz der alleinigen Wahrheit zu sein, dann wird der andere schnell zum Problem. Dann wird Vielfalt nicht als Bereicherung, sondern als Abweichung wahrgenommen. Und dann wird es denkbar, dass ein System, das diese "Wahrheit" politisch durchsetzt, als legitim erscheint. Vor diesem Hintergrund darf man sich nicht wundern, wenn ein erheblicher Teil junger Muslime offen ist für die Idee eines Gottesstaates.
Das Problem liegt also nicht nur in politischen Konflikten oder sozialen Benachteiligungen. Es liegt auch in theologischen Deutungsmustern, die bisher kaum hinterfragt werden. Dazu gehört auch ein hermeneutisches Problem: Solange wir Muslime darauf beharren, den Koran in weiten Teilen wortwörtlich zu verstehen, ohne die historischen Kontexte seiner Aussagen angemessen zu berücksichtigen, bleiben wir anfällig für problematische Deutungen.
Eine solche Lesart verengt die Vielschichtigkeit des Textes und begünstigt genau jene ideologischen Verkürzungen, die sich in fundamentalistischen und politischen Ansprüchen niederschlagen können. Das macht die Debatte so schwierig und so notwendig.
Mulisme in Deutschland sollten anerkennen, dass es nicht darum geht, sie zu stigmatisieren, sondern zur Verantwortung aufzufordern. Wenn sie sich mit der deutschen Gesellschaft identifizieren, müssen sie sich mit problematischen Entwicklungen auseinandersetzen, gerade dann, wenn sie die eigene Gemeinschaft betreffen. Die MOTRA-Studie ist kein Angriff auf Muslime. Sie ist ein Weckruf. Die Frage ist nur: Wer ist bereit, ihn zu hören?

