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Wenn junge Musliminnen und Muslime heute über ihren Glauben sprechen, haben viele schon religiöse Vorstellungen, die durch die Familie, durch Moscheegemeinden und zunehmend durch soziale Medien geprägt wurden. Sie haben oft schon vorgefertigte Bilder über Gott, Geschlechterrollen, über Juden, über "die" Deutschen und über sich selbst. Social Media spielt dabei eine große Rolle. TikTok, Instagram oder YouTube sind für viele Jugendliche längst zu religiösen Autoritäten geworden. Dort begegnen sie Predigern, Influencern und kurzen Clips, die vermeintlich schnelle Gewissheiten liefern. Diese sind oft emotional, zugespitzt und vor allem ohne Begründung: "Im Islam ist es so". Punkt! Wer also glaubt, Schülerinnen und Schüler kämen "neutral" in den islamischen Religionsunterricht (kurz "IRU"), verkennt die Realität.
Im Auftrag des Schulministeriums NRW haben wir Forschende vom Zentrum für Islamische Theologie der Universität Münster eine Evaluation des islamischen Religionsunterrichts durchgeführt. Dafür haben wir im Jahr 2024 353 Schüler und 60 Lehrkräfte mit einem Fragebogen befragt. Anschließend wurden Interviews mit insgesamt 45 Personen geführt.
Ein Ergebnis ist: Je länger Kinder und Jugendliche am bekenntnisorientierten islamischen Religionsunterricht teilnehmen, umso weniger anfällig sind sie für Antisemitismus, Frauenfeindlichkeit und Homophobie. Demokratische Grundwerte werden zunehmend als Teil der eigenen religiösen Tradition verstanden. Das ist durchaus ein Erfolg - gerade in einer Zeit, in der religiöse Identitätsbildung immer häufiger Algorithmen überlassen wird.
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Während Social Media Gewissheiten verkaufen, lebt Religionsunterricht vom Fragen und Hinterfragen: Das ist der entscheidende Unterschied. Er lädt dazu ein zu argumentieren und zu unterscheiden zwischen Religion und Kultur, zwischen Tradition und Interpretation, zwischen persönlicher Überzeugung und gesellschaftlicher Verantwortung. Im Unterricht geht es nicht primär ums Wissen, sondern darum zu lernen, wie man urteilt, wie man den 1400 Jahre alten Koran für hier und heute auslegt. Das zeigt sich besonders deutlich bei Themen wie Geschlechterrollen oder Antisemitismus.
Viele Jugendliche bringen patriarchale Deutungen oder problematische Vorstellungen mit, die sie nicht selbst "erfunden" haben. Sie sind Teil ihrer Sozialisation. Diese bricht man nicht auf, indem man die Jugendlichen belehrt. Deswegen sind wir Forschenden überzeugt - und das ist auch der Hintergrund der Studie - religiöse Überlieferungen müssen kritisch gelesen und ethisch neu durchdacht werden. Ausdrücklich aus der Perspektive des Glaubens und nicht gegen ihn.
Dass es einen islamischen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen überhaupt gibt, sendet das starke Signal, dass der Islam zu dieser Gesellschaft dazugehört. Muslimische Schülerinnen und Schüler haben ein Recht, ihre Religion besser verstehen zu lernen, wie alle anderen Jugendlichen auch. Die Unterrichtsstunden zeigen: Der Islam wird nicht an den Rand gedrängt, sondern ist Teil des staatlich verantworteten Bildungsangebots. Für viele junge Menschen trägt das dazu bei, dass sie sich mit der Gesellschaft identifizieren, in der sie geboren und aufgewachsen sind. Für viele ist es das erste Mal, dass sie sich mit Deutschland identifizieren. Denn eine Formulierung fällt in Gesprächen mit muslimischen Jugendlichen immer wieder: "Wir und die Deutschen." Das sagen junge Menschen, die ihr ganzes Leben hier verbracht haben! Religionsunterricht kann helfen, religiöse Identität nicht gegen, sondern innerhalb der Gesellschaft zu denken.
Unsere Studie zeigt aber auch, wo nachgeschärft werden muss: Medienkompetenz muss stärker in den Unterricht integriert werden. Lehrkräfte brauchen mehr Fortbildung, insbesondere in Fragen interreligiöser Dialogfähigkeit, Umgang mit sozialen Medien, Geschlechtergerechtigkeit und Antisemitismusprävention. Auch muss sich die religiöse und kulturelle Vielfalt muslimischen Lebens deutlicher im Unterricht spiegeln.
Gerade heutzutage, wo Social Media so immens einflussreich ist und gleichzeitig unkontrolliert, bleibt die Schule einer der wenigen Orte, an denen junge Menschen lernen können, nicht nur zu glauben, sondern zu verstehen. Das ist keine islamische Sonderfrage. Es ist eine demokratische Aufgabe und eine Debatte, die wir führen sollten.
Trotzdem es also klar und deutlich sichtbar ist, wie wichtig der islamische Religionsunterricht ist: Er erreicht bislang nur einen Bruchteil der muslimischen Schülerinnen und Schüler. In Nordrhein-Westfalen wird er derzeit an rund 247 von etwa 5400 Schulen angeboten – das entspricht gerade einmal rund sechs Prozent. Von den über 500.000 muslimischen Schülerinnen und Schülern im bevölkerungsreichsten Bundesland nehmen aktuell etwa 32.000 an dem Unterricht teil. Anders gesagt: Die große Mehrheit muslimischer Kinder und Jugendlicher kommt mit diesem Bildungsangebot bislang gar nicht in Berührung. Wir stehen also erst am Anfang eines langen Prozesses.
