Es ist ein nasskalter Freitagmittag Ende November 2025, etwa 1000 Gläubige gehen in der Dar-as-Salam-Moschee in Berlin auf die Knie. Beugen sich nach vorne, bis Hände, Stirn und Nase den weichen Teppichboden berühren. Nur ein kleiner Junge, vielleicht fünf Jahre alt, bleibt stehen und überragt plötzlich die Erwachsenen, die sich vor Gott niederwerfen. Er flitzt vergnügt durch die Reihen aus erhobenen Hinterteilen, hin und zurück, hin und zurück, bis die Erwachsenen wieder aufstehen.
Unter ihnen sticht ein gedrungener Mann mit schelmischem Blick und weißer Kleidung hervor. Es ist Mohamed Taha Sabri, der Imam, der heute die Freitagspredigt halten wird. Sabri streicht seine mit Stickereien verzierte Abaya glatt, den islamischen Mantel, darunter trägt er ein bayerisches Trachtenhemd mit Knöpfen aus Hirschhorn. Er habe mehrere davon zu Hause, erzählt er vor der Predigt. Nach seiner Ankunft in Deutschland aus Tunesien habe er so ein Hemd geschenkt bekommen, es gefiel ihm auf Anhieb. Die jungen Männer, die um Taha Sabri stehen, hören ihm schweigend zu. Nur einer, der etwas abseits steht, sagt: "Unser Imam ist etwas speziell." Es könnte als Lob gemeint sein, aber auch als Kritik.
Sabri erfüllt in vielerlei Hinsicht nicht das, was konservative Muslime von einem Imam erwarten. Er lädt Menschen mit LGBT-Identität zum Austausch ein, organisiert Podiumsdiskussionen, heißt Frauen ohne Kopftuch in der Moschee willkommen. Vor seiner Gemeinde thematisiert Sabri antimuslimischen Rassismus genauso wie Antisemitismus, er ruft zu Toleranz und Dialog auf, fordert einen gemäßigten, vom Ausland unabhängigen Islam, der zur deutschen Lebensrealität passt. Für dieses Engagement in Sachen Integration erhielt Sabri im Jahr 2015 den Verdienstorden des Landes Berlin.
Doch in der deutschen Öffentlichkeit kursiert auch ein anderes, ein dunkles Bild von Sabri und seiner Moschee. 2015 und 2016 erwähnte der Berliner Verfassungsschutz die Dar-as-Salam-Moschee in seinen Jahresberichten, der Vorwurf: Kontakte zur Muslimbruderschaft. Die Liegenschaft der Moschee gehöre der Islamischen Gemeinde Deutschland (IGD), die wiederum der radikalislamischen Organisation der Muslimbrüder nahestehe. Außerdem sei 2009 und 2013 ein Hassprediger aus Saudi-Arabien in der Moschee aufgetreten. Vom RBB bis zur "Zeit", vom "Tagesspiegel" bis zur "Bild"-Zeitung griffen verschiedenste Medien die Vorwürfe auf. Die Islamkritikerin Necla Kelek nannte die Moschee eine der "reaktionärsten Moscheen Berlins".
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