Klassenfest in der Schule, 36 Grad im Schatten, in den kommenden Tagen soll es noch heißer werden. Unter den Eltern gibt es kein anderes Thema als die Temperaturen. Als mich ein anderer Vater aufs Wetter anspricht, liegt mir mein Standardspruch schon auf den Lippen: "Siehst du, und wir sind noch im kühleren Teil dieses Jahrhunderts."
Mich triggert die Hitze nicht nur, weil ich sie schlecht vertrage, sondern auch, weil sie mich an die menschengemachte Erderwärmung erinnert, die Hitzewellen wahrscheinlicher macht. Das Thema beschäftigt mich schon sehr lange. Es macht mich wütend, wie sehr die Politik die fossilen Energieträger Kohle, Öl und Gas noch immer privilegiert und – in Person von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche – die Energiewende zurückzudrehen droht. Trotzdem habe ich mir meinen Spruch mit dem kühleren Teil des Jahrhunderts diesmal verkniffen. Warum?
Die Hitze macht den Klimawandel konkret. Und bietet die Chance, wieder übers Klima ins Gespräch zu kommen. Das klingt zynisch, schließlich sterben Menschen an den Folgen dieser Hitzewelle. Und doch: Zu reden – das kann vielen Menschen guttun, die mit ihren Klimagefühlen allein sind.
Ich bin nicht nur Journalist, sondern auch Mediator. Wer die Ausbildung macht, lernt, dass es uns Menschen fast nie nur um Fakten geht, sondern immer auch um Gefühle. Deshalb sind Mediationen nur dann erfolgreich, wenn es gelingt, bei Konfliktparteien die Empathie füreinander zu wecken.
In meiner Ausbildung zum Mediator habe ich das "ABS-System" kennengelernt. Mit Autos hat das nichts zu tun. Mit dem Mediations-ABS kürzten meine Ausbilder die zentralen Bedürfnisse von uns Menschen ab. Das A steht für das Bedürfnis nach Autonomie, B für Beziehungen und S für Sicherheit. Es gibt noch unzählige weitere Bedürfnisse, aber im Kern lassen sie sich alle auf diese drei zurückführen: Autonomie, Beziehung, Sicherheit. Danach streben wir Menschen. Wenn wir streiten, emotional hochfahren, wütend sind, dann ist ziemlich sicher mindestens eines dieser Bedürfnisse verletzt.
Und das gilt für persönliche Konflikte zwischen Kolleginnen und Kollegen ebenso wie für die politischen Fragen unseres Zusammenlebens. Ich habe das ABS-System deshalb auch auf die großen gesellschaftlichen Themen übertragen. Denn wenn wir uns das bewusst machen, dass alle Menschen ähnliche Bedürfnisse haben, können wir wieder besser miteinander streiten und diskutieren – auch über den Klimaschutz.
Mit mehr Empathie über das Klima sprechen
Ein paar Beispiele zum besseren Verständnis: Die Hitze erinnert viele Menschen daran, wie verletzlich sie sind. Sie spüren die Folgen körperlich, sind erschöpft oder können kaum mehr einen klaren Gedanken fassen. Das ist quasi ein direkter Hitzeangriff auf unsere Autonomie – wir können einfach nicht so, wie wir wollen.
Andere Menschen empören sich hingegen über Wetterkarten, die ihrer Ansicht nach absichtlich in zu dramatischem Rot eingefärbt sind. Sie denken: "Nicht schon wieder diese Klimahysterie!" Denn: Für viele Menschen ist es eine schlechte Nachricht, wenn wieder mehr über Klimaschutz geredet wird. Sie fürchten politische Maßnahmen, weil sie ihren Arbeitsplatz bedroht sehen. Dann wäre das S im ABS-System bedroht – es steht für Sicherheit, auch für soziale Sicherheit.
Und für uns alle gilt: Wir wollen gute Beziehungen. Wir haben Angst, allein mit unserer Meinung zu sein oder kritisiert zu werden. Oder trauen uns nicht, Fragen zu stellen, weil wir Bedenken haben, im wahrsten Sinne des Wortes blöd dazustehen. Hier steht uns das B für Beziehung im Weg.
Lesen Sie hier: Die Kunst des Zuhörens
Was kann das in diesen Tagen konkret bedeuten? Wenn Sie sich Sorgen machen wegen der Hitze; wenn Sie wissen, dass wir noch im kühleren Teil dieses Jahrhunderts sind, weil Sie sich lange schon mit dem Klimawandel beschäftigen, dann sagen Sie bitte nicht: "Seht ihr, ich habe es doch immer schon gesagt!" Arbeiten Sie stattdessen mit Empathie und fragen Sie andere Menschen so, dass Sie mehr über deren Gefühle erfahren. Zum Beispiel: "Ich komme sehr schlecht klar mit der Hitze und habe Angst, es wird in Zukunft noch schlimmer, wie geht es dir eigentlich damit?"
Es gibt auch einen Kommunikationskniff, mit dem Sie besonders viel über die Bedürfnisse Ihrer Mitmenschen erfahren: das Paraphrasieren. Geben Sie in Ihren Worten das wider, was Sie gerade gehört haben. Ein Beispiel: Jemand klagt wortreich über die Hitze. Hören Sie zu. Und wiederholen Sie. "Ich habe den Eindruck, du leidest richtig körperlich unter den Temperaturen." Und wenn dann ein "Ja, genau!" kommt, sind Sie auf einem guten Weg.
Egal, mit wem Sie sprechen: Wenn Sie gut zuhören und paraphrasieren, kommt das niemandem bescheuert vor. Im Gegenteil – Ihr Gegenüber fühlt sich aufgehoben, fasst Vertrauen, öffnet sich. Vielleicht hören Sie dann, dass jemand selbst gut klarkommt mit Wärme, sich aber Sorgen um die Mutter im Pflegeheim macht.
Vielleicht treffen Sie auch Menschen, die zwar unter der Hitze leiden – aber trotzdem genervt sind vom Klimathema. Dann kann man sagen: "Mmh, die Hitze nervt, aber ich habe den Eindruck, da kommt noch etwas oben drauf?" – "Ja, genau!" – "Dich nervt, dass nun alle wieder über Klima reden?" – "Exakt!"
Und dann kann man immer weiter fragen. Vielleicht ist das eigentliche Thema die Angst um den Job. Oder der Onkel, der auf der Grillfeier wieder klimaskeptische Dinge von sich gibt. Es klappt nicht immer, aber Sie erhöhen die Chancen auf interessante Gespräche, die sich nicht nur in Wetterplattitüden erschöpfen, sondern die Klimakrise auch wieder ins Bewusstsein rücken – und Gemeinsamkeiten zutage fördern.






