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Das Schöne an dieser Kolumne ist, dass ich im Rahmen der verschiedenen Recherchen immer wieder unerwartet auf Menschen und ihre Themen treffe.
So auch letzte Woche in Köln, als ich Almut Skriver vom Netzwerk der MitStadtzentrale Köln besuchte. Wir kennen uns, weil sie mit Kolleginnen und ihrem Team vor einigen Jahren Hamburg und dort auch mein Wohnprojekt in der Hafencity besuchte. Außerdem sind wir beide ehrenamtlich für die so dringend notwendige Bau- und Wohnwende unterwegs und sehen uns in diesem Rahmen immer mal wieder.
In Köln traf ich nicht nur Almut, sondern auch ihren Mann Thomas Luczak, ebenfalls Architekt, besonders interessiert an Baugeschichte. Er erzählte mir die Geschichte der "Hängenden Gärten" von Babylon, eines der Sieben Weltwunder, wie ich sie noch aus dem Geschichtsunterricht erinnerte.
Vieles, was über diese Gärten oder besser Dachterrassen gesagt wird, liegt noch im Dunkel der Geschichte. Anders als etwa die Pyramiden von Gizeh unterliegen Terrassen einem schnelleren natürlichen Verfall. Und wo genau das Bauwerk stand, auf dessen Fundament sich die "bebaumten" Terrassen in die Höhe schraubten, ist noch nicht endgültig erforscht. Erbaut, so erzählte es mir Thomas, wurden sie vermutlich vom babylonischen König Nebukadnezar II. - für seine Frau Amyitis. Sie stammte aus Persien und vermisste in der wüstenähnlichen Region von Babylon ihre hügelige Heimat. So wurde sie mit einem künstlichen Berg entschädigt.
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Thomas und ich schauten uns im Netz Visualisierungen dieses grünen Wunderwerks aus der Antike an, und ich dachte sofort an Hamburgs neue Sehenswürdigkeit: den Grünen Bunker auf St. Pauli. Auf einem der größten je in Deutschland gebauten Hochbunker aus dem Zweiten Weltkrieg wurden ein Hotel, ein Konzertsaal und eben auch ein Park mit Bäumen erbaut. Ein öffentlicher "Bergpfad" führt von unten ganz nach oben. Ziemlich spektakulär und von der Idee nicht viel anders als die Hängenden Gärten in Babylon.
Also alles schon mal dagewesen?
Na ja, auf jeden Fall sind viele Dinge, für die sich heutige Architektinnen und Stadtplaner feiern lassen, nicht so neu, wie wir es manchmal denken. Oder um es mit Thomas' Worten zu sagen: "So viel weiter sind wir seit den Gärten in Babylon eigentlich nicht gekommen, wenn es darum geht, Stadt und Natur zu integrieren."
Über noch ein historisches Vorbild sprachen wir - und zwar über den sogenannten Nolli-Plan, der in aktuellen Diskussionen über Stadt und öffentlichen Raum in Fachkreisen häufig zitiert wird. Giovanni Battista Nolli (1701-1756) war ein italienischer Ingenieur, Architekt, Kupferstecher und Kartograf. Er hatte im Laufe seines Lebens und mit einem großen Team auf zwölf Kupferplatten die Entwicklung der Stadt Rom dokumentiert - und zwar, indem er den öffentlichen Raum (Straßen, Plätze) weiß und private Gebäude schwarz darstellte; allerdings waren für ihn "öffentliche" Räume eben auch Kirchen, das Kolosseum, Schulen oder Museen.
Dieses Denken war (und ist auch heute noch) revolutionär, berichtete mir Thomas, der von einem Stadtbild ausgeht, in dem es neben Privathäusern und Plätzen auch viele "halböffentliche" Räume geben muss, da sie "besonders gemeinschaftsbildend" seien. Eine Stadt ohne religiöse Stätten und öffentliche Gebäude, sagt Thomas, wäre tot. Doch er weiß auch, dass genau diese Art Bauten gerade viel von ihrer Bindungskraft verlieren. Er fordert: Es muss etwas anderes an ihre Stelle treten, zum Beispiel revitalisierte Fabrikareale, leere Büros, umgenutzte Kirchen oder gemeinschaftliche Wohnprojekte.
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Unser drittes historisches Beispiel an diesem Abend war die "Ideale Stadt" Pienza in der Toskana. Hier war es, wie so oft bei großen Bauten in Italien, ein Papst, der den Anstoß dazu gab: Pius II, geboren 1405 unter dem schönen Namen Aeneas Silvius Piccolomini. In einem großen Wurf ließ er seine Geburtsstadt Pienza komplett neu bauen, und zwar indem er nicht nur Prachtbauten errichten ließ, sondern die Straßenfluchten so plante, dass ihre "perspektivische Wirkung auf die Besuchenden", so Thomas, mit einkalkuliert wurde: "Du schaust eine Straße hinunter, und eigentlich werden die Bauten und Fenster immer kleiner - nicht so in Pienza." Hier, so Thomas, seien die Bauten und Achsen so geplant worden, dass ein visuell fassbares Ganzes heterogener und wohlproportionierter Gebäude entstand: "Das Maß aller Dinge für die Stadtplanung in Pienza war immer der Mensch." Der kleine menschliche Körper wurde zum Bezug für große Häuser und Bauten, er sollte nicht erdrückt, sondern sichtbar, fühlbar sein. Humanismus in der Stadtplanung, so wünschen wir uns das auch heute. Pius war übrigens so begeistert von seinen Plänen, dass er die Stadt (eigentlicher Name war Corsignano) nach sich benannte: Pienza ("Pi"-us II.).
Eine kleine Anekdote berichtete mir Thomas dann noch zum Schluss unseres Abends: Nach Fertigstellung des Stadtumbaus in Pienza schickte Pius II. seinem florentinischen Architekten Bernardo Rosselini einen purpurfarbenen Mantel und schrieb in einem Brief, er bedanke sich insbesondere dafür, dass der Architekt ihm nie die wahren Kosten genannt hatte, weil er dann seine Stadtvision nie hätte realisieren können…
Auch das ein gutes Beispiel für heute, finde ich. Ohne Visionen kommen wir nirgendwo weiter; auch, wenn Altkanzler Helmut Schmidt nicht müde wurde, genau das Gegenteil zu behaupten: Wer Visionen habe, sollte zum Arzt gehen, war eines seiner Lieblings-Bonmots. Allerdings hatte er, so vermute ich jedenfalls, auch nie eine Stadt nach sich benennen lassen wollen.


