Das Ihme-Zentrum in Hannover
Eine Stadt in der Stadt sollte es sein. Das Ihme-Zentrum in Hannover wurde 1974 mit großem Pomp eingeweiht. Heute steckt es in der Krise
Thomas Robbin/imageBROKER/Getty Images
Falsches Vertrauen in Privat-Investoren
Es war einmal ein Büllerbü aus Beton
Das Ihme-Zentrum in Hannover sollte eine Stadt in der Stadt sein. Jetzt rotten die Gewerbeflächen vor sich hin und die Bewohner kämpfen um ihre Wohnungen
Tim Wegner
15.01.2026
5Min

Vor ein paar Wochen war ich in Hannover, mit dem Rad unterwegs vom Hauptbahnhof zum Ortsteil Linden. Wer Hannover ein bisschen kennt, weiß, dass ich auf dem Weg dorthin auch den Fluss Ihme überqueren muss.

Und genau, als ich das tat, erblickte ich einen Betonkoloss mit Hochhaustürmen, der so riesig und merkwürdig war, dass ich ihn mir sofort näher ansehen wollte. Ich radelte drumherum und war entsetzt. Was bitte ist das?

Unten alles kaputt, wie nach einem Bombeneinschlag: rohe Betonskelette, dunkle Gänge, Massen an Tauben. Auf der Suche nach einem Weg durch den Komplex landete ich in einer stockdunklen Parkgarage, die so vermüllt und gruselig wirkte, dass ich sie mir sofort als Drehort für den nächsten Tatort-Mord vorstellen konnte. Ich sah zu, dass ich da so schnell wieder rauskam.

Ich landete auf einer Beton-Uferpromenade an der Ihme und war baff erstaunt. In direkter Nachbarschaft des Elends sah ich gepflegte Eingangstüren zu den darüberliegenden Wohnungen, einige schöne Fassaden und viele pittoreske Blumenbalkone.

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Ich sprach Spaziergänger an. Sie erzählten, dass sie im Ihme-Zentrum wohnen und zwar sehr gut. Ja, die unteren Geschosse stünden seit 20 Jahren leer, aber die Wohnungen oben drüber seien fantastisch, viele hätten einen großartigen Blick über die ganze Stadt, außerdem sei es extrem ruhig hier.

Um mehr zu den Hintergründen zu erfahren, telefoniere ich mit Gerald Maass, der hier wohnt, er ist Vorstand im Verein "Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum".

Schon 1989 zog der damals 21-jährige her, die kleine Wohnung gehörte seinen Eltern. Gut sechs Jahre, eine tolle Zeit, erinnert er sich. Alles hatte er hier: eine schöne Wohnung, zentral gelegen; Läden, Infrastruktur, Parkplätze und vor allem: nette Menschen. Vom "Büllerbü aus Beton" schwärmt nicht nur er noch heute.

1974 eingeweiht, galt das Ihme-Zentrum als Vorzeigeprojekt für neue Stadtpolitik. Eine "Stadt in der Stadt" sollte das Zentrum sein. Wohnungen, Einkaufszentrum und Büros aus einem Guss; gebaut und geplant auf einem der größten, gegossenen Betonfundament Europas. Gut 60 000 Quadratmeter Gewerbefläche entstanden hier für fast 100 Läden; dazu Büros und eben auch an die 800 Wohnungen in teils bis zu 22-geschossigen Hochhäusern. Dazu zwei Tiefgarage-Ebenen, öffentliche Plätze, Brücken, Freiflächen, Ladenpassagen.

Doch von Anfang an gab es auch viel Kritik. Viel zu groß, viel zu abgeschnitten vom historischen Zentrum der Landeshauptstadt Hannover. Eine eigentlich vorgesehene U-Bahn-Haltestelle wurde nie gebaut, stattdessen gab es immer mehr Gewerbeflächen und von Anfang an schwierige Eigentümerstrukturen.

Mitte der 1990er Jahre begann, wie in vielen anderen Shoppingcentern und Fußgängerzonen in diesem Land, der Niedergang. Der Ankermieter Saturn zog aus, es folgten andere große Geschäfte. Immer neue Investoren und Spekulanten versprachen Revitalisierung, eine blumige Zukunft: Der letzte in einer langen Reihe war der umstrittene Geschäftsmann Lars Windhorst. Nichts geschah. Mittlerweile hat ein Insolvenzverwalter übernommen.

Fazit: Bis auf zwei winzige Ausnahmen stehen alle Gewerbeflächen seit 20 Jahren leer und rotten vor sich hin ...

Oben Blick aus dem Fenster auf die Ihme, darunter die offenen Fassaden vom Sockelgeschoss

Gerald Maass hat den Niedergang nicht von Anfang an mitbekommen. 1996 zog er aus Hannover weg und kam 2017 zurück. Seine damals vermietete Eigentumswohnung wurde gerade frei – und so wohnt er seitdem hier, sehr gerne, wie er betont. Ja, das leere Sockelgeschoss sei furchtbar, aber so sei eben nicht das ganze Ihme-Zentrum.

Fast alle Wohnungen sind bewohnt, organisiert in den verschiedenen Häusern mit eigenen Eigentümer-Gemeinschaften. Gerald Maass fühlt sich wohl in seinem Haus, es gibt eine enge Nachbarschaft, einen guten Zusammenhalt. Auch die Vereinsarbeit mit der Zukunftswerkstatt und der gemeinsame Kampf für eine Auferstehung des Ihme-Zentrums hilft und belebt.

Und immer noch, so Gerald Maass, gelte die zentrale Lage als herausragend, die kurzen Wege und ganz viele spezifische Gegebenheiten, die seinen Alltag hier so angenehm machen würden, zum Beispiel: "Wenn ich an regnerischen Tagen von einer Seite des Zentrums zur anderen muss, dann laufe ich im Trockenen durch die Tiefgarage", erzählt er. Als ich ihm von meinem Gruselerlebnis in der Garage erzähle, klärt er mich auf: Das sei die öffentlich zugängliche, ehemalige Anlieferungsfläche für das Gewerbe gewesen. Die Tiefgarage mit Parkplätzen für die hier Wohnenden dagegen sehe sehr viel besser aus.

Doch über eines ist auch Gerald Maass zutiefst besorgt: Da der insolvente Großeigentümer sein Hausgeld nicht mehr zahle, müssten nun die Wohnungseigentümer einspringen. Für seine 46 qm zahlt er dafür monatlich über 150 Euro zusätzlich und ein Ende ist nicht in Sicht. Ganz im Gegenteil drohten noch viel schwerwiegendere Belastungen, um dem Verfall der 2007 und 2008 im Sockelgeschoss entkernten Flächen entgegenzuwirken.

Wer ein bisschen herumsucht im Netz, stößt auf eine NDR-Reportage, die ausführlich auf all die offenen Fragen und Probleme eingeht. Und es wird klar, dass viel im Hintergrund geschieht, doch vieles eben auch nicht.

Die Opfer sind zurzeit vor allem die Wohnungseigentümer. Gerald Maass kennt Menschen, die sich ihre Wohnung in jungen Jahren als Altersvorsorge gekauft haben und die hohen Kosten mit ihren Renten jetzt nicht mehr finanzieren können und verzweifelt sind.

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Was bleibt mir vom Besuch in Hannover und den Gesprächen mit Gerald Maass?

Die erneute Erkenntnis, wie naiv und gefährlich es ist, als Stadt oder Kommune bei Großprojekten auf einen privaten Investor zu vertrauen. Ob nun in Hamburg beim Elbtower oder in Leipzig beim Matthäikirchhof – ohne die Stadt, ohne Politik, ohne Lenkung und kluge Zukunftsvisionen funktioniert lebendige Stadtplanung nur in den seltensten Fällen. Oder um es mit den Worten von Gerald Maass zu sagen: Auf den "weißen Ritter" zu warten, war schon immer sinnlos und wird es auch in der Zukunft sein.

Und noch etwas gibt mir Gerald Maass zum Abschluss unseres Gespräches mit auf den Weg: Wenn er nach Hause komme, über die Ihme gehe und dann von weitem schon die Hochhaustürme erblicke, dann sehe er vor allem eines: "Ein gestrandetes Raumschiff oder ein Gebirge mit seinen Tälern und Klüften, strotzend vollgeladen mit Energie."


PS: Jeden ersten Sonnabend im Monat bietet der Verein Führungen durch das Ihme-Zentrum an. Infos auf der Webseite.

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Kolumne

Dorothea Heintze

Wohnen wollen wir alle. Bitte bezahlbar. Mit Familie, allein oder in größerer Gemeinschaft. Doch wo gibt es gute Beispiele, herausragende Architekturen, eine zukunftsorientierte Planung? Dorothea Heintze lebt in einer Baugemeinschaft in Hamburg und weiß: Das eigene Wohnglück zu finden, ist gar nicht so einfach.