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Am vergangenen Montagmorgen rief mich ein Freund an, Lehrer in Magdeburg, und sagte einen Satz, der mir seitdem nachgeht: "Ich weiß jetzt nicht mehr, wem ich im Lehrerzimmer noch trauen kann." Etwa vierzig Prozent für eine Partei, deren Landesverband der Verfassungsschutz als rechtsextremistisch führt. Die Wahlbeteiligung so hoch wie nie, 77,8 Prozent.
Seitdem höre ich überall denselben Satz: Wir müssen alles tun, um die AfD zu verhindern. Dieser Satz beunruhigt mich inzwischen mehr als das Wahlergebnis. Er ist ja nicht falsch. Aber er ist alles, was übrig geblieben ist. Ich habe seit Sonntag viel darüber gelesen und gehört, wogegen dieses Land steht. Wofür es konkret steht, habe ich kaum irgendwo gefunden.
Gerade wir Muslime sollten uns diese Frage stellen. Wir fordern seit Jahren, nicht in einen Topf geworfen zu werden. Zu Recht. Wir sagen, man dürfe fünf Millionen Menschen nicht für die islamistischen Taten einiger haftbar machen, und auch das stimmt.
Und jetzt? Werfen wir die 44 Prozent in einen Topf? Ich habe in den letzten Tagen von Muslimen Sätze gehört, die mich höchst irritieren. Dass man mit diesen Leuten nicht reden könne. Dass der Osten verloren sei. Dass man ja wisse, wie die so seien. Wer selbst erfahren hat, wie Pauschalisierung sich anfühlt, und sie dann betreibt, hat nichts gelernt. Diesen Fehler sollten wir nicht machen.
Ich bin in Saudi-Arabien aufgewachsen, und die Welt dort war in zwei Hälften geteilt. Es gab die Rechtgeleiteten und die Verirrten, die Reinen und die Unreinen, und niemand musste je begründen, warum die anderen falsch lagen. Es genügte, dass sie die anderen waren. Diese Ordnung hat vielen Sicherheit gegeben.
Später hat sie mich fast meinen Glauben gekostet. Ich erkenne sie wieder. Auch bei denen, die am Sonntag verloren haben. Ich sehe sie in einer Öffentlichkeit, die dreiviertel Millionen Menschen zu einer Masse zusammenzieht und längst aufgehört hat zu fragen, warum die ganz normalen Menschen dort so gewählt haben. Das Etikett beantwortet die Frage, bevor sie gestellt wird.
Damit hier kein Missverständnis entsteht: Ich setze das nicht gleich. Eine Partei, deren Landesverband als rechtsextremistisch eingestuft ist, und ihre Kritiker stehen moralisch nicht auf derselben Stufe. Mir geht es aber um die Art des Denkens: Es gibt uns, es gibt die, dazwischen keinen Raum mehr für irgendeine Verhandlung. Weil ich in so einer Ordnung groß geworden bin, bin ich in diesem Punkt besonders sensibel.
Eine Demokratie, die nur noch weiß, wogegen sie ist, hat ein großes Problem. Sie verteidigt dann eine Mauer, und was hinter der Mauer eigentlich steht, kann sie kaum noch sagen. Mauern überzeugen ohnehin niemanden. Sie beruhigen diejenigen, die längst drinnen sind. Wer draußen steht, hört nur einen Satz: Du bist das Problem.
Was aber heißt es, nicht nur gegen etwas zu sein, sondern diese Demokratie mitzutragen? Dazu kommt etwas, das mich seit Jahren beschäftigt. Wir Muslime haben zwei Jahrzehnte lang fast immer dieselbe Frage gestellt: Worauf haben wir Anspruch? Moscheebau, Religionsunterricht, Kopftuch im öffentlichen Raum. Alles legitime Debatten und trotzdem die Frage einer Lobby.
Die andere Frage stellen wir zu selten: Was schulden wir dieser Demokratie? Bitte nicht aus Dankbarkeit, das wäre schon der nächste Fehler. Sondern weil wir Teil davon sind und Teile mittragen.
Was heißt das konkret? Zunächst einmal, dass wir aufhören, uns nur dann zu Wort zu melden, wenn es um uns selbst geht. Wenn eine muslimische Stimme immer bei Kopftuch und Moschee zu hören ist und nie bei Pflegenotstand, Wohnungsnot oder Bildungsgerechtigkeit, dann ist das eine Interessenvertretung. Ich sehe keinen muslimischen Grund, sich für ein marodes Krankenhaus in Sachsen-Anhalt nicht zuständig zu fühlen.
Und wir müssten mit denen reden, bei denen es sich angeblich nicht lohnt. Nicht die Funktionäre, mit denen ist ohnehin nichts zu machen. Den Nachbarn, der so gewählt hat, den Kollegen, den Vater am Elternabend. Das ist anstrengend, häufig demütigend, meistens wird es nichts bringen. Aber irgendjemand muss diese Arbeit machen, und wir bringen dafür eine Erfahrung mit, die andere nicht haben: Wir wissen, wie es sich anfühlt, abgeschrieben zu werden. Nur wissen wir auch, welche positiven Argumente wir in diesem Gespräch anbringen können?
Zum einen sind da unsere religiösen Überzeugungen: Im Koran heißt es, Gott habe die Menschen zu Völkern und Stämmen gemacht, damit sie einander kennenlernen, nicht damit sie sich sortieren (Sure 49:13). An anderer Stelle erscheint der Mensch als Treuhänder: Was du hast, gehört dir nicht wirklich, es ist dir anvertraut. Du trägst Verantwortung, für dich, für deine Gesellschaft, für die Schöpfung, für die kommenden Generationen. Das gilt für Besitz, für Macht, auch für dieses Land. Das kann uns leiten, doch wird es Menschen, die nicht religiös sind, wahrscheinlich nicht überzeugen.
Was sind also unsere demokratischen Werte? Die eigentliche Frage lautet für mich auch in den Gesprächen, die wir führen müssen, nicht, wie wir die AfD verhindern. Sie lautet: Wofür treten wir eigentlich so überzeugend ein, dass sie nicht mehr gebraucht wird?
Offenbar wissen wir es nicht mehr genau, sonst würden wir sie benennen, statt immer nur ihre Feinde. Also lassen Sie uns darüber streiten, richtig streiten, mit einem einzigen Maßstab: Was tut uns allen gut? Und was tut unseren Kindern gut? An dieser Frage geht die Lagerlogik ziemlich zuverlässig kaputt.
Hier mein Vorschlag aus meiner islamischen Perspektive:
Der Koran sagt, Gott habe die Kinder Adams geehrt und gewürdigt (17:70). Nicht die Gläubigen, nicht die Angepassten, sondern die Menschen. Diese Würde ist verliehen, nicht verdient. Niemand kann sie aberkennen, auch keine Mehrheit. Er sagt, Gott hätte alle zu einer einzigen Gemeinschaft machen können und habe es nicht getan, damit wir im Guten miteinander wetteifern (5:48). Vielfalt ist dort kein Betriebsunfall, den man verwaltet, sondern Absicht. Er sagt: kein Zwang im Glauben (2:256). Gewissensfreiheit ist damit keine westliche Zumutung. Und er verlangt etwas, das mir in diesen Wochen am wichtigsten erscheint: für Gerechtigkeit einzustehen, auch wenn sie gegen euch selbst geht, gegen die eigenen Eltern und Verwandten (4:135). Also gegen die eigene Seite. Genau daran zerbricht Lagerdenken und Identitätspolitik. Würde, Vielfalt, Gewissensfreiheit, Gerechtigkeit auch gegen die eigenen Leute. Dafür stehe ich, und ich muss meinen Glauben dafür nicht draußen lassen.



