Demonstrierende auf einer Demo für Demokratie in Halle, eine Woche vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
In der Woche vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt gehen diese Menschen für die Demokratie in Halle auf die Straße
Craig Stennett / Kontributor / Getty Images
Demokratie stärken
Geschichte schreiben wir alle
Das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt ist katastrophal. Aber gerade jetzt können wir viel tun, um den Glauben ans Gute und an die Guten zu bewahren
Tim Wegner
07.09.2026
4Min

Es ist bitter, keine Frage. So viele Menschen haben gestern einer Partei ihre Stimme gegeben, die Hass statt Liebe verbreitet, die Frauen offenbar am liebsten das Mutterkreuz umhängen würde und Kirchen lächerlich macht, wenn sie sich für Schwächere einsetzen. Ganz bitter. Aber verbittern? Das wäre gerade jetzt grundfalsch. Den Gefallen sollten wir denen nicht tun, die siegesgewiss davon raunen, dieser Tag werde "Geschichte schreiben".

Geschichte wird immer von Menschen geschrieben, nicht von Tagen und blauen Balken. Geschichte schreiben wir alle. Gerade jetzt sollten wir uns bewusstmachen, was wir – trotz der katastrophalen Wahlergebnisse – selbst tun können. Zum Guten. Für andere. Gegen den Hass.

Die Mehrheit wählt demokratisch

Wir können selbstbewusst und stolz auf die schauen, die demokratische Parteien gewählt haben: Das ist noch immer die Mehrheit. Die am Tag vor der Wahl ein großes "Demokratiefestival" in Magdeburg gefeiert haben und sich an allen anderen Tagen engagieren fürs große Ganze. Als Fußballtrainerin und im Hospiz, für Wohnungslose und für Kinder mit Schulproblemen.

Am gleichen Wochenende, an dem in Sachsen-Anhalt AfD-Politiker gegen "NGOs" und "Zivilgesellschaft" hetzten, als seien es terroristische Vereinigungen – feierte der Bundespräsident am anderen Ende von Deutschland in der Villa Hammerschmidt ein "Bürgerfest" mit 2000 Gästen aus Sozialprojekten. Gleich nebenan beim "Ehrenamtstag" am Kölner Rheinufer warben über hundert Vereine fürs Mitmachen.

Es heißt ja immer, wir sollten manche Themen nicht "der AfD überlassen": Heimat. Migration. Kriminalität. Machen wir ja gar nicht. Für all diese Themen interessieren sich demokratisch gesinnte Menschen, die zum Beispiel nach Feierabend Müll aus dem Rhein fischen oder alte Forts und Festungsanlagen instand halten. Also Heimat schützen. Beim Ehrenamtstag waren auch coole junge Frauen, die als "HennaMond" Mädchen vor der Zwangsheirat bewahren. Man kann diese Probleme ansprechen, ohne AfD zu wählen.

Auch in Ostdeutschland gibt es so viele Menschen, die dafür sorgen, dass ihre Dörfer bewohnbar bleiben. Zum Glück hat man sie in den letzten Wochen gesehen und gehört. In chrismon haben wir über Katja Thiede berichtet, die Junge und Alte, Dagebliebene und Rückkehrer in Neustrelitz versammelt – an einer Tischtennisplatte. Super Idee, bitte nachmachen! Und wer selbst keine Zeit und Kraft fürs Ehrenamt hat – spenden! Weitererzählen!

Sehen, was gut ist

Wir alle können solche mutmachenden Geschichten lesen und verbreiten. Unsere Neustrelitz-Autorin Juli Katz schreibt nicht nur Artikel, sie betreibt mit zwei Mitstreiterinnen einen Podcast, in dem sie seit Monaten über aufrechte Demokratinnen und Demokraten in Ostdeutschland berichtet. Reinhören! Abonnieren!

Aufhören mit "Doomscrolling", nicht den ganzen Tag nur lesen, was die AfD vorhat. Man kann die Zeit für schlechte Nachrichten am Handy begrenzen. Gute, konstruktive Medien abonnieren. Und eine Lokalzeitung: so wichtig für die Demokratie. Man weiß aus den USA: Wo Lokalzeitungen verschwinden, steigen die Extreme. Leute, abonniert eine Zeitung!

Wir können aufhören, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk schlechtzureden. Mitten in der "Tagesschau" faselte der Wahlgewinner Siegmund von "Desinformation". Das muss man vermutlich aushalten.

Aber wie reden wir selbst über ARD und ZDF? Klar darf man unzufrieden sein, zu viele Krimis, arg viel Volksmusik. Aber gerade diesen Sommer gab es richtig gute Dokumentationen über Ostdeutschland. Hoffentlich gibt es die auch weiter, und auch dann, wenn keine Wahl mehr bevorsteht.

Auf 3sat sagte die Schriftstellerin Monika Maron, für uns Westdeutsche habe die DDR lange nur bestanden aus "Nazi, Stasi oder doof". Ich habe mich ein bisschen ertappt gefühlt. Lasst uns mehr lesen, schauen und hören über Ostdeutschland.

Zivilcourage beginnt beim Nachfragen

Wir können sofort nachfragen, wenn wieder jemand behauptet, in Deutschland "funktioniere ja gar nichts". Was genau lief schief? Hast du eine bessere Idee? Vieles läuft in diesem Land nämlich so viel besser als überall sonst auf der Welt. Erzählt euch auch diese Geschichten! Ihr seid in der Notaufnahme eines Krankenhauses gut behandelt worden. Ihr habt eure Papiere verloren und alles wurde wieder beschafft. Eure Kinder haben eine tolle Einschulungsfeier. Erzählen! Nicht alles schlechtreden!

Wir können, nein, wir müssen den Mund aufmachen, wenn es gegen die Menschenwürde geht. Das Wort fiel auch am Wahlabend, Philipp Amthor sprach von "Menschlichkeit", Franziska Hoppermann vom "christlichen Menschenbild". Immerhin. Aber was heißt das konkret? Wenn wir hören, dass an der Bushaltestelle jemand abfällig über Menschen mit Behinderung spricht: Dagegenhalten! Es kann doch nicht ernsthaft sein, dass so viele Menschen in diesem Land ihre Kinder nicht mehr mit behinderten Kindern in einer Klasse sehen wollen.

Wenn wir Rassismus mitbekommen, aufstehen! Neulich in einer Regionalbahn in Oberschwaben, fast aus dem Nichts fing ein Fahrgast an, einen Schwarzen Mann zu beleidigen. Man verstand nur "fünf Kinder" und "sicher keinen Fahrschein" – da stand schon eine couragierte schwäbische Mutter auf, die mit ihren Kindern zum Zoo in Stuttgart unterwegs war: "Bitte hören Sie auf und setzen Sie sich woanders hin. Sonst hole ich die Polizei." Es funktionierte. Die Mutter sagte später, das mache sie immer so. Ihre Kinder sollen lernen, wie man sich benimmt. Großartig.

Wir alle können auch aufmerksamer werden, wenn grober Unfug verbreitet wird. Wie man Fake News erkennt, kann man lernen. Man kann seinen Kindern beibringen, wie man Quellen checkt. Es hilft gerade im Netz ungemein, die seriösen, gut recherchierten Beiträge zu liken, zu teilen und zu kommentieren. Kostet nur wenige Sekunden.

Wir können, wie Landesbischof Friedrich Kramer am Wahlabend zu Recht sagte, mehr Energie FÜR etwas aufbringen als gegen andere Menschen. Wir können jeden Tag Geschichte schreiben. Oder, wie mein Buchladen einmal im Monat in seinem Newsletter als Abschlussgruß schreibt: "Tragt euch und eurer Umwelt Sorge. Bewahrt eure Freundlichkeit." Das wär schon viel.

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