chrismon: Frau Abdallah-Steinkopff, ich lebe gerade in Berlin, bin Anfang 30. Ich habe vorher an verschiedenen Orten gelebt: Wien, München, Amsterdam, Teheran. Nun habe ich vor, bald nach Südtirol zurückzuziehen, den Ort, wo ich aufgewachsen bin und den ich immer noch meine Heimat nenne. So einen Ort zu haben – ist das ein Privileg?
Barbara Abdallah-Steinkopff: Wenn man den Begriff "Heimat" im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache eingibt, sieht man eine Verlaufskurve. Die zeigt an, wie häufig ein Begriff in der Literatur und in Zeitschriften aufgetreten ist. Heimat wird erst im 18. und 19. Jahrhundert zum Thema, im Zeitalter der Industrialisierung, als die Menschen plötzlich aus ihren Dörfern in die Städte ziehen, wo Fabriken waren. Vorher, als die Menschen noch irgendwo verwurzelt waren, sprach so gut wie niemand von Heimat.
Barbara Abdallah-Steinkopff
Heimat wurde also erst zum Thema, als man keine mehr hatte?
Heimat war zunächst ein rein rechtlicher Begriff, er bezeichnete ein konkretes Stück Land und die Eintragung im Grundbuch. Erst als es nicht mehr selbstverständlich war, dass man da bleibt, wo man aufgewachsen ist, bekam der Begriff "Heimat" eine romantisierende Dimension. Diese Dimension ist uns bis heute erhalten geblieben, auch im politischen Diskurs. Die Nazis haben den Begriff aufgegriffen, da hatte er zusätzlich einen ausschließenden Gebrauch, weil er eine homogene Bevölkerungsgruppe voraussetzt. Und so nutzen Rechtsextreme wie Björn Höcke den Begriff bis heute.
Sie, Frau Abdallah-Steinkopff, bevorzugen den Begriff "Beheimatetsein".
Ja. Das ist mein Versuch, vom durch die Nazis missbrauchten Begriff wegzukommen. Es drückt noch mehr als "Heimat" ein subjektives Gefühl aus ...
… das viele Menschen suchen und doch nicht finden.
Ich unterscheide Heimweh von Heimatlosigkeit. Im Fall von Heimweh hat man eine Sozialisation an einem Ort erlebt, man weiß, wie es sich anfühlt, an einem vertrauten Ort zu leben – auch wenn man fern davon ist. Bei Heimatlosigkeit fehlt diese Erfahrung.
Ich fühle mich in Südtirol nach wie vor zu Hause, aber kann nur schwer erklären warum. Natürlich habe ich da noch Familie und Bekannte. Aber es sind auch unscheinbare Dinge, der Geruch der Luft, der je nach Jahreszeit anders ist, oder die Berge, die wie alte Bekannte wirken.
In diesem Fall würde ich von Heimweh sprechen: Wenn man wegzieht oder emigriert, stellt sich oft die Sehnsucht nach dieser Vertrautheit ein, die man mit dem Heimatort verbindet. So hat es mir vor kurzem ein deutsch-türkischer Mann beschrieben: "Wenn ich in Istanbul in meinem Viertel aus dem Taxi steige, dann kenne ich alle Gesichter, die Menschen grüßen mich. Dieses Gefühl kann ich nur dort und sonst nirgends haben."
Ich benutze das Wort Heimweh eigentlich ungern. Es klingt für mich so, als hätte man sich noch nicht richtig abgenabelt.
Das erste Mal taucht der Begriff Mitte des 16. Jahrhunderts in den Annalen von Luzern auf. Damals sind viele junge Männer aus den Alpentälern in die Ebene gezogen, um als Söldner im Ausland tätig zu sein. Einer von ihnen soll laut diesen Annalen an "Heimweh" gestorben sei. Man hatte dann die Idee, die Ausgewanderten aus den Alpen auf Türmen unterzubringen, weil man dachte, dass die Höhenluft das Heimweh lindern könnte.
Das klingt so, als hätte man das Gefühl damals sehr ernst genommen.
Massives Heimweh kann tatsächlich mit schweren depressiven Symptomatiken einhergehen. Es gibt nach dem Psychologen Klaus Grawe vier universelle Grundbedürfnisse: Bindung und Zugehörigkeit, Orientierung und Kontrolle, Lusterfüllung und Unlustvermeidung sowie Selbstwertbestätigung. Heimat ist demnach ein Ort, an dem man in der Lage ist, diese vier Grundbedürfnisse gut zu erfüllen. Wo das fehlt, fühlt man sich auch nicht zu Hause.
Lesen Sie hier: Wie fühlt sich Heimat an?
Sie tragen bereits in Ihrem Familiennamen zwei Kulturen. Kennen Sie die Suche nach dem Beheimatetsein auch aus Ihrem eigenen Leben?
Ich bin in Bagdad geboren und mit drei Jahren nach Deutschland gekommen. Später, als junge Frau, habe ich lange Zeit nach einem Ort gesucht, der zu mir passt, habe in Spanien, in Italien, und in Tunesien gelebt, der Heimat meines Ex-Mannes.
Am Ende bin ich aber immer wieder nach Deutschland zurückgekommen. Ein Gefühl, wirklich beheimatet zu sein, hat sich zuerst weder da noch dort eingestellt. Das hat sich erst geändert, als ich eine Stelle bei Refugio bekommen habe, wo wir Menschen aus bis zu 50 Herkunftsländern behandelt haben.
Was war dort anders?
Es hat mir die Möglichkeit gegeben, täglich zwischen verschiedenen Welten und Kulturen zu pendeln. Zum Beispiel war da die Frage: Aha, die sehen den Dschinn als Krankheitsursache, und ich sehe das anders – wie können wir jetzt damit umgehen?
"Eine Umgebung, die man als gefährlich erlebt, kann kein Zuhause werden"
Barbara Abdallah-Steinkopff
Das heißt, Beheimatetsein ist oft eher ein Zustand als ein Ort?
Wenn man, so wie ich, von der Erfahrung geprägt ist, dass es unterschiedliche Arten zu leben und die Welt zu verstehen gibt, dann kann man gerade in diesem Pendeln ein Gefühl der Vertrautheit finden. Einmal habe ich irgendwo diesen Satz gehört: "Ich sitze zwischen zwei Stühlen, dafür auf einem Fauteuil, einem Sessel." Da dachte ich mir: Das ist es! Ich muss mich gar nicht eingeengt fühlen und mich entscheiden, sondern kann mich ausbreiten zwischen den Stühlen.
Was macht das mit einem, wenn man sich nirgends beheimatet fühlt – oder, schlimmer noch, einem dieses Gefühl verwehrt wird?
Es gibt Studien, die zeigen, dass Heimweh und Rassismus eng korrelieren. Es ist extrem zersetzend, wenn man aus dem Haus geht und sich fragen muss: Werde ich heute wieder beleidigt? Eine Umgebung, die man als gefährlich erlebt, kann kein Zuhause werden. Deshalb gibt es beispielsweise unter meinen Freunden, die Muslime sind, sehr viele, die aus Deutschland wegziehen wollen. Viele wissen aber gar nicht, wohin.
Lesetipp: Warum sich viele junge Muslime gekränkt fühlen.
Wenn das Heimweh mal stärker ist und ich mich verloren fühle, muss ich nicht unbedingt an einen bestimmten Ort. Es hilft auch, mit guten Freunden zu reden, die mich schon seit langem kennen.
Es gibt bestimmte Strategien, die wir auch in der Arbeit mit Geflüchteten anwenden, wie man mit dem Gefühl besser umgehen kann. Wenn ich zum Beispiel weiß, wie sich Zugehörigkeit anfühlt, kann ich gezielt Dinge in meinen Alltag integrieren, die dieses Gefühl von Vertrautheit auslösen. Wir nennen es: "doing home".
Statt "being home"?
Genau. Ich bin zum Beispiel mit Geflüchteten durch München gegangen, und wir haben nach Orten gesucht, an denen sie sich beheimatet fühlen. Für einen Bosnier war das ein Flussabschnitt der Isar, der etwas wilder fließt. Für andere war es ein Park oder die Berge. Auch Beziehungen sind wichtig, um das Bedürfnis nach Vertrautheit zu erfüllen.
Es hilft, sich die neue Heimat wie eine Wohnung vorzustellen, die man einrichten kann mit Gegenständen, die etwas mit einem selbst zu tun haben. Andererseits sind auch Orientierung und Kontrolle ein Grundbedürfnis. Das heißt, auch das Leben am neuen Ort muss gelernt werden. Nur so kann nach und nach eine gewisse Vertrautheit entstehen.
"Nur das 'Weh', es blieb. Das 'Heim' ist fort"
Mascha Kaléko
Ich habe gelernt, an verschiedenen Orten zu leben, von den Niederlanden bis in den Iran. Sich überall einzuleben – das kann man lernen. Aber so richtig ist man dann nirgends mehr zu Hause.
Viele Heimkehrer sind deshalb erst mal enttäuscht. Man glaubt, in die Heimat zurückzukehren, aber merkt, dass man nicht mehr dieselbe Person ist, die einst weggezogen ist. Der Herkunftsort bietet nicht mehr alles, was man braucht, um sich beheimatet zu fühlen – man hat in der Zwischenzeit einfach zu viel gesehen.
Die jüdische Autorin Mascha Kaléko hat das Gefühl im Gedicht "Heimweh, wonach?" beschrieben, nachdem sie nach Kriegsende wieder in der lang ersehnten Heimatstadt Berlin war: "Nur das 'Weh', es blieb. Das 'Heim' ist fort."
Was, wenn ich jetzt nach Südtirol zurückkehre und mich dort gar nicht mehr ganz zu Hause fühle?
Das darf auch so sein, man muss nicht komplett ankommen. Es wäre dann Ihre Aufgabe, den anderen Teil Ihrer Identität lebendig zu halten: Was brauchen Sie aus Berlin oder aus dem Iran, um sich vertraut und lebendig zu fühlen? Dazu gehören Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben und die ebenfalls aus dem Ausland zurückgekehrt sind.
Lesen Sie hier: "Meine erste Auswanderung dauerte fast fünf Jahre"
Die Suche nach dem Beheimatetsein hängt eng zusammen mit der Frage: Wer bin ich? Was verrät das eigentlich über mich, wenn ich nun in meine alte Heimat zurückkehre?
Es könnte eine Sehnsucht nach bestimmten Wertvorstellungen sein, die in Italien doch anders sind als in Deutschland. Wenn man zum Beispiel in Deutschland heiratet, kriegt man nur einen Tag frei. In Italien sind es zwölf Tage. Familie hat in Italien einen anderen Stellenwert.
Familie ist mir in der Tat wichtig.
Aus demselben Grund gibt es auch innerhalb von Deutschland Menschen, die aufs Land ziehen. Manche sagen, sie erleben dort Beziehungen als weniger beliebig. Die Werte, die da gelebt werden, passen eher zu ihnen als die in der Großstadt.
Einer meiner italienischen Lieblingssänger, Franco Battiato, singt in einem Song: "Ich suche ein festes Schwerkraftzentrum, das mich meine Meinung über Dinge und Menschen nie verändern lassen möge." Dieses Statische klingt für mich einerseits verlockend, es klingt nach Vertrautheit und Sicherheit. Aber andererseits auch bedrohlich.
Das ist sehr subjektiv. Ich kenne Menschen, die wollen genau das: unerschütterliche Gewissheiten über sich und die Welt. Für mich persönlich wäre es eine Katastrophe.
Erwachsene können mit der Sehnsucht nach Zugehörigkeit rationaler umgehen, aber bei Jugendlichen kann das auch zu Radikalisierung führen.
Ja, Zugehörigkeit ist ein Grundbedürfnis – und wenn man es nicht kriegt, sucht man es woanders. Gerade Jugendliche sind anfällig für radikale Gruppen, die einem klarmachen: Wenn du dich so und so verhältst, dann darfst du dazugehören.
Und man kann sich von dieser Sehnsucht auch nicht befreien?
Zumindest ein Teil meiner Grundbedürfnisse muss während der Suche erfüllt sein. Sonst wird die Suche zu einem Verlorensein. Aber wenn das gegeben ist, kann Sehnsucht etwas Positives – ein Antrieb und eine Quelle von Kreativität – sein.
Es gibt diesen Roman vom deutsch-türkischen Schriftsteller Cihan Acar, in dem er sagt: "Ich wusste ganz genau, wo ich hinwollte. An einen Ort, an dem ich der sein kann, der ich bin. Und wenn es ihn nicht gibt, dann muss ich halt für immer suchen." Manche würden sogar sagen: Die Suche ist meine Identität. Sie ist der Ort meines Beheimatetseins.


