Wenn das Zitat nicht untergeht im nicht enden wollenden Strom aus Provokationen, mit dem die AfD uns flutet, werden sie sich herausreden: Dennis Hohloch, Mitglied im AfD-Bundesvorstand, sagte am Wochenende auf dem Bundeskongress der AfD-Jugendorganisation "Generation Deutschland" in Magdeburg, Deutschland benötige nicht mehr Wohnungen, Schulen, Kitas, Sozialpädagogen und Lehrer. Denn: "Wir als Bevölkerung schrumpfen."
Und die AfD sage ganz klar: "Deutschland braucht keine 80 Millionen, es kann auch mit 60 Millionen leben – und wir brauchen diese Zuwanderung nicht." So hat es die "Spiegel"-Journalistin Ann-Katrin Müller notiert, die den Mitschnitt der Rede extra noch einmal abgehört und auf "Bluesky" dokumentiert hat. Hohlochs Aussage wurde von den Delegierten gefeiert. Und das wenige Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt.
Der Applaus sollte niemanden verwundern. Denn diese Leute verstehen die Botschaft. In Deutschland leben 82,7 Millionen Menschen. Laut Statistischem Bundesamt sind darunter rund 21,8 Millionen Menschen mit Einwanderungsgeschichte. Längst nicht alle sind Ausländer mit anderer Staatsangehörigkeit. Millionen von ihnen sind deutsche Staatsangehörige.
82,7 Millionen Menschen minus 21,8 Millionen Menschen ergibt: 60,9 Millionen. Dieser Wert ist sehr nah dran an der Zahl, für die der AfD-Politiker Hohloch von den Delegierten gefeiert wurde. Zufall? Wohl kaum. Solche Zahlen kursieren in der AfD seit Jahren. Der bayerische AfD-Landeschef Stephan Protschka sagte schon 2022, es gebe nur noch etwa 60 Millionen Deutsche – "oder weniger, da ja die mit der deutschen Staatsbürgerschaft mit Migrationshintergrund nicht extra aufgeführt werden". Mittlerweile schreibt die AfD die Forderung nach der sogenannten "Remigration" in ihre Programme, macht mit ihr Wahlkampf, auch in Sachsen-Anhalt.
Es geht um Deutsche mit Eltern aus anderen Ländern
Bei Aussagen wie in Magdeburg geht es AfD-Vertretern vor allem darum, nach innen zu wirken. Rechtsextreme bejubeln solche Sätze, weil sie verstehen, was gemeint ist: der Traum von einem völkisch reinen Deutschland. So sagte der Vorsitzende der "Generation Deutschland", Jean-Pascal Hohm, laut Agenturangaben am Wochenende in Magdeburg: "Deutschland muss das Land der Deutschen bleiben, dieser Grundsatz ist nicht verhandelbar."
Diese Leute wissen, wie brisant solche Aussagen nach außen wirken können. Anzudeuten, dass man deutsche Staatsangehörige mit Einwanderungsgeschichte "loswerden" will, macht es wahrscheinlicher, dass die AfD am Ende eines Verbotsverfahrens auch verboten würde. Allein: Dafür müssten Bundesregierung, Bundestag oder Bundesrat so ein Verfahren überhaupt erst beim Bundesverfassungsgericht beantragen.
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Deshalb wird, sollte Hohlochs Rede noch Wellen schlagen, die Strategie der AfD sein: Man habe doch nur deutlich machen wollen, dass man auf den demografischen Wandel – es werden absehbar mehr Ältere sterben als Jüngere geboren werden – eben nicht mit Zuwanderung reagieren wolle. Auch das wäre geradezu wahnsinnig, ganze Branchen wie etwa die Pflege würden kollabieren, weil nicht mehr genügend Fachkräfte nachkämen.
"Höchste Zeit, dass diese Mehrheit auf den Marktplätzen wieder laut die Stimme erhebt"
Aber noch mal: Das meint die AfD nicht. Sie vertritt einen völkischen Nationalismus, nur verklausuliert. Diejenigen, die ihre Sprache verstehen wollen, verstehen sie auch.
Und der Rest? Immerhin die übergroße Mehrheit in Deutschland, die nicht AfD wählt? Die hat sich auf gefährliche Weise an diese Sprache gewöhnt. Zur Erinnerung: Im Januar 2024 deckte das Recherchenetzwerk Correctiv auf, dass auf einer Konferenz in Potsdam, an der AfD-Funktionäre mit völkischen Vordenkern am Tisch saßen, über das Konzept der "Remigration" beraten worden war.
Die Berichterstattung wirkte wie ein Schock und alarmierte Millionen Deutsche, die wochenlang zu großen Demonstrationen zusammenfanden. Die Demonstrierenden hatten verstanden: Gelangt die AfD an die Macht, wird sie womöglich Menschen außer Landes schaffen wollen, die sie nicht als "deutsch genug" erachtet.
Das Wochenende hat gezeigt: Diese Forderung wird in der AfD immer noch bejubelt. Nur ist die demokratische Mehrheit abgestumpft und leise geworden. Es wäre höchste Zeit, dass diese Mehrheit auf den Marktplätzen wieder laut die Stimme erhebt.



