Zu sehen ist ein Mann, schwarzes Öl auf rotem Hintergrund
Viele Männer im Islam halten an tradierten Rollenbildern fest. Homosexualität könnte sie aufbrechen
Volodymyr Kozin / Getty Images
Homosexualität und Islam
Wo sind die Regenbogenfahnen an den Moscheen?
Warum so viele Muslime Homosexualität ablehnen und wie man das ändern kann
Peter Grewer
10.08.2026
4Min

Wie oft habe ich schon gehört, ich sei ja gar kein richtiger Muslim. Und wie oft war der Grund für diesen Vorwurf, dass ich mich dafür stark mache, dass Homosexualität aus muslimischer Perspektive als nichts Schlimmes, Verwerfliches gilt. Mit diesem Vorwurf bin ich von Konferenzen ausgeladen worden, im Inland, im Ausland, und nicht nur in muslimischen Kreisen, sondern auch in christlichen Milieus der arabischen Welt. Dabei ging es gar nicht um mich selbst, denn ich bin nicht homosexuell. Meine Worte reichten. Homosexualität ist ein Killerargument – zu oft leider im doppelten Sinne. Warum ist das so, und was kann man dagegen tun?

Der Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day am 25. Juli hat brutal gezeigt, wie aktuell das Thema ist. Muslime müssen sich dazu verhalten! Die Erklärungen von muslimischer Seite kamen auch prompt: Der Anschlag wurde betroffen verurteilt und mitgeteilt: Mit dem wahren Islam habe das nichts zu tun. Ich kann diese altbekannten Reaktionen immer weniger glauben.

Die Realität ist: In vielen Gemeinden wird über queeres Leben nicht diskutiert, sondern hinweggesehen. Und wenn geredet wird, geht es meist um Herabsetzung. Wer so halb ignorierend, halb verachtend mit queeren Menschen umgeht, darf sich nicht wundern, wenn es irgendwann zu einem tödlichen Anschlag kommt.

Deshalb muss die deutsche Gesellschaft ihre muslimischen Mitglieder nicht nur zur Distanzierung auffordern, sondern deutlich fragen: Wie haltet ihr es mit den queeren Menschen in euren eigenen Reihen? Was tut ihr gegen den Hass gegen Homosexuelle? Aufklärung, das lehrt die Geschichte der Religionen, kommt fast nie allein von innen; sie braucht den Anstoß von außen.

Und das Problem sitzt sehr tief. Denn es geht hier nicht allein um eine sexualethische Frage oder eine gesellschaftliche Norm. Das Thema Homosexualität ist deswegen so umstritten, weil es am Fundament eines ganzen Lebensverständnisses rüttelt: am Männlichkeitsbild.

Beginnen wir bei einer Beobachtung: Zwar werden in der klassischen Normenlehre auch gleichgeschlechtliche Beziehungen zwischen Frauen abgelehnt. Doch weibliche Homosexualität kommt in den muslimischen Debatten praktisch nicht vor. Es geht alleine um schwule Männer. Sie stellen das gesellschaftlich opportune Männerbild infrage. Männer sollen hart und dominant sein und bloß nicht weiblich. Denn "weiblich" gilt als passiv, weich, begehrbar, verletzlich. Homosexuelle Männer durchbrechen diese Klischees. Darum trifft sie die härteste Abwertung: "unmännlich", "weich", "krank", "kein richtiger Mann".

Doch das sind ja überhaupt keine theologischen Kategorien! Vielmehr wird hier etwas zu göttlicher Ordnung erklärt, das völlig theologiefern ist. Auf welche islamischen Quellen berufen sich die Gegner der Homosexualität? Angeführt werden vor allem die koranischen Erzählungen vom Volk Lots und einige Hadithe. Lot ermahnt sein Volk, es komme "zu Männern aus Begierde statt zu Frauen" (Sure 7 und 26). Traditionell liest man das als eindeutige Verurteilung männlicher Homosexualität. Doch schon die Rechtstradition war sich keineswegs einig; die Begründungen widersprachen sich, die Überlieferungslage der oft zitierten Straf-Hadithe ist brüchiger, als populäre Predigten glauben machen, und die historische Praxis blieb weit hinter der theoretischen Härte zurück.

Noch entscheidender ist aber die Deutung der Passagen. Die Lot-Erzählung handelt nicht von "Homosexualität" im modernen Sinn. Sie kennt keine sexuelle Identität, keine wechselseitige, verantwortliche Bindung zweier Männer, keine Liebe, keine Intimität. Was sie beschreibt, ist etwas anderes: eine entgrenzte, gewaltförmige Männlichkeit. Die Männer treten nicht als Liebende auf, sondern als kollektiv organisierte Gruppe, die ihre Macht sexualisiert: Sie bedrängen Gäste, brechen das Gastrecht, wollen Lot öffentlich demütigen. Nicht zufällig heißt es in Sure 29, sie "lauerten Reisenden auf und beraubten sie " und begingen "in ihren Versammlungen Verwerfliches": Es geht um Überfall, Gewalt, kollektive Grenzüberschreitung.

Auch die ältere jüdisch-christliche Auslegung verstand die Sünde Sodoms lange als Bruch des Gastrechts und als Gewalt, nicht als Beschreibung homosexueller Liebe.

Liest man die Texte so, geht es plötzlich um etwas ganz anderes. Die Frage ist dann nicht: Entspricht dein Begehren einer Norm? Sondern: Wie gehst du mit Macht und Verantwortung um? Die Erzählung klagt nicht homosexuelle Männer an, sondern übergriffige Menschen, die ihr Begehren zur Machtdemonstration machen. Und man ahnt, warum diese Lesart so vehement abgewehrt wird: Sie lenkt den Blick vom anderen zurück auf das eigene Verhalten. Homophobie ist dann kein Bollwerk der göttlichen Ordnung, sondern ein Mittel, dieser Erkenntnis auszuweichen.

Muslimische Männlichkeit ist oftmals toxisch. Darüber muss in den Gemeinden und Moscheen gestritten werden. Wer sorgfältig mit den Quellen arbeitet, sieht: das "islamische Verbot der Homosexualität" wird aus panischer Verteidigung eines Männerbildes genährt, das ohne Abwertung nicht stabil bleibt.

Wenn Männlichkeit davon lebt, andere Formen von Männlichkeit zu erniedrigen, dann liegt das Problem nicht bei denen, die anders lieben, sondern in der Fragilität des eigenen Modells. Wann werden endlich auch die Moscheen nebenan die Regenbogenfahnen verteidigen?

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Kolumne

Mouhanad Khorchide

Für den islamischen Theologen Mouhanad Khorchide ist die Freiheit des Glaubens sehr wichtig. Er tritt ein für einen Glauben, der die Menschen frei macht und die Liebe Gottes vermittelt. Für chrismon blickt er auf Gott und die Welt, mal religiös, mal politisch, immer pointiert.