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chrismon: Sie sind Clownin und wollen Menschen zum politischen Umdenken bewegen. Wie geht das?
Leonore Bildat: Die Leute begegnen mir ganz und gar offen und glücklich. Als Clownin erzeuge ich Offenheit. Ich schenke den Leuten ein kurzes Lachen, eine Erinnerung an ihre Menschlichkeit.
Warum braucht es das genau jetzt?
Alles ist maximal unsicher in den jetzigen multiplen Krisen: Klima, Kriege, Bedrohung der Demokratie überall auf der Welt. Mit meinem Spiel weise ich darauf hin, dass über diese Krisen etwas gibt, was uns alle verbindet: unsere Fehlbarkeit, Verletzlichkeit und die Liebe, die wir alle fühlen. Zu unserer Familie, unseren Freunden. Hass ist krass, aber Liebe ist krasser.
Was ist der Unterschied zu einer Begegnung ohne Clownsschminke und Pappnase?
Ich glaube, wenn ich Clownin bin, braucht sich niemand vor mir zu fürchten. Denn wir haben im Alltag oft Angst, bewertet zu werden, etwas Falsches zu sagen. Wir spielen immer auch eine Rolle. Wenn sie mir Clownin gegenüberstehen, können sie die ablegen.
Haben Sie ein Beispiel?
Neulich habe ich auf einem Stadtfest ein paar ältere Leute getroffen, die wollten eigentlich zu einer Plattdeutschveranstaltung. Ich habe ein bisschen Blödsinn gemacht und dann angefangen, "Dat du min Leevsten bist" auf meiner Ukulele zu spielen. Die haben mitgesungen. Die waren ganz beseelt.
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"Zusammen bewegen" will auch Menschen außerhalb der eigenen politischen Blase ansprechen. Entstehen dabei schwierige Momente?
Ich habe jede Menge Begegnungen, auch mit Faschisten.
Mit Faschisten?
Ja, zum Beispiel neulich in Demmin. Das ist ein hartes Pflaster. Da waren viele Jugendliche, die Alkohol getrunken haben. Ich habe einen Mann getroffen, der wollte was Lustiges erzählen. Und dann kam ein Judenwitz. Ich habe gefragt: ‚Was sind denn Juden eigentlich?‘ Und der sagte: ‚Eine Menschenrasse.‘"
Ihre Reaktion?
Normalerweise wäre so ein Gespräch spätestens dann ja zu Ende. Aber als Clownin kann ich trotzdem weiter Quatsch machen, weil die Figur des Clowns die harte Logik nicht verstehen muss. In diesem speziellen Fall ist mir leider erst danach eingefallen, was ich hätte antworten sollen...
Und was?
Ich hätte sagen können: "Du, ich glaub, die ham’ dir das nie erzählt, aber das sind Menschen, die atmen wie du und ich." Als Clownin kann ich ihm und mir einen Spiegel vorhalten, auch wenn mir etwas eigentlich Angst macht. Denn so ein Erlebnis geht natürlich tief, vor allem, wenn ich die Nase wieder abnehme.
Und solche Sprüche gibt es öfter?
Es ist erschreckend, dass solche Sprache wieder salonfähig wird. Dass man sich einfach mitten auf der Straße einen Judenwitz erzählt. Als wäre es das Normalste auf der Welt.
"Zusammen bewegen" versucht, über niedrigschwellige Aktionen mit Menschen in den Kontakt zu kommen. Ein Softeisbus, der über die Dörfer fährt, Klönschnack auf dem Markt, eine Wunschvisualisierungsmaschine. Lassen sich damit wirklich Einstellungen verändern?
Ich glaube schon, dass das kostbar ist. Dass wir zuhören. Dass wir echtes Interesse haben. Dass wir Kunst und Kultur anbieten, einen Moment zum Träumen und Wünschen.
Fällt es Ihnen schwer, in die Clownrolle zu schlüpfen?
Clowns sind radikal und 100 Prozent friedlich. Im Clownsein liegt für mich ein Zauber, der Herzen öffnet. Ich bin Lehrerein, und lasse mich seit einiger Zeit neben meinem Beruf als Clownin ausbilden.
Ist es leichter, mit Kindern oder mit Erwachsenen in Kontakt zu kommen?
Ich finde eigentlich immer einen Weg. Manchmal renne ich den Leuten hinterher, bis sie mit mir reden, singe und spiele Ukulele, mache Quatsch. Mit manchen Erwachsenen rede ich aber auch, als hätte ich gar keine Nase auf.
Worüber reden Sie mit den Menschen, wenn Sie erstmal im Kontakt sind?
Ich spreche Leute an, um sie zu überzeugen, zum Beispiel einen Wunsch bei der Wunschvisualisierungsmaschine abzugeben.
Was ist eine Wunschvisualisierungsmaschine?
Das ist ein Wagen voller Räder und Schrauben, an denen man drehen kann, die sich bewegen. Die Wunschvisualisiererinnen vermerken in einem Buch den Wunsch, den jemand hat, und dann dauert es eine Weile, bis aus dem Inneren des Wagens, eine kleine Dose geflogen kommt, mit einem Papier, auf dem der Wunsch Gestalt angenommen hat. Auch bei der Wunschvisualisierungsmaschine geht es darum, ins Gespräch zu kommen über das, was Menschen bewegt, und auch über Wünsche an die Zukunft, an eine gerechtere Gesellschaft.
Was wünschen die Leute so?
Manche wünschen sich den Weltfrieden, manche ein langes Leben. Aber es kommen auch Wünsche wie Einhörner oder Erdbeeren. Neulich hat sich ein Junge ein Auto für Kinder gewünscht, das die Farbe wechselt, wenn man sich reinsetzt. Die Leute reden über ihr Tiefstes, Wichtigstes. Das ist sehr berührend. Ich sage immer: Wähle klug! Du hast nur einen Wunsch. Manchmal überlegen wir dann lange zusammen, was dieser eine Wunsch sein soll.
Macht das schon Veränderung?
Wir sind natürlich nur der Tropfen auf dem heißen Stein, aber der Bedarf ist riesig. Genau deshalb mache ich weiter, auch nach der Wahl. Und wir sind immer auf der Suche nach Leute, die sich uns anschließen.
"Zusammen bewegen" ist ein überparteiliches, zivilgesellschaftliches Bündnis in Mecklenburg-Vorpommern mit Fokus auf Demokratie, soziale Gerechtigkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Über 350 Initiativen, Vereine und engagierte Menschen sind dabei. Sie organisieren Gesprächsrunden, gemeinsamem Singen, gemeinsamem Radfahren, öffentlichen Aufräumaktionen, eine Hüpfburg oder einem Softeisbus und wollen Nachbarschaft stärken und so dem rechten Populismus, Einsamkeit und Frustration etwas entgegensetzen.



