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Ich war mit meiner 9. Klasse einer evangelischen Gesamtschule im KZ Ravensbrück Wir hatten Rosen dabei, wir hörten aufmerksam der Person zu, die uns eine Führung gab, und stellten Fragen.
Es war sehr still dort, ein warmer Tag, der schon ein bisschen nach Sommer gerochen hat, obwohl noch Frühling war. An einer langen Mauer wucherte hohes Gras. Ich fand es krass, zwischen diesen Mauern zu stehen, die damals so eine unüberwindbare Festung bildeten. Diesen Ort jetzt zu besuchen, um ihn später einfach wieder verlassen zu können, während die allermeisten Menschen damals hier nie wieder rauskamen. Es war etwas völlig anderes, den Ort zu sehen, zu betreten, als im Geschichtsunterricht davon zu hören. Das bewegte uns alle. Dachte ich.
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Aber als wir gerade wieder in den Bus steigen wollten, gab es große Aufregung: Zwei Mitschülerinnen hatten in der Zwischenzeit einen Insta-Post abgesetzt, andere davon Screenshots gemacht. Die beiden hatten vor dem Krematorium einen Hitlergruß gezeigt und ein Foto davon gepostet.
Ich war geschockt, und auch wenn ich wusste, dass es ähnliche Vorfälle an anderen Schulen meiner Stadt gegeben hat, hätte ich nicht gedacht, dass es in meiner Klasse passieren könnte. Klar gab es vorher schon Hakenkreuze unter den Tisch geritzt und AfD-Kugelschreiber in Federtaschen. Viele Jugendliche um mich herum bewegen sich im rechten Umfeld und finden es cool, rechte Statements zu teilen oder mit Leuten abzuhängen, die das machen. Und wissen oft gar nicht, was das eigentlich bedeutet.
Ich wusste auch, dass die beiden in rechten Kreisen unterwegs waren, aber ich habe nicht mitbekommen, dass sie sich so weit radikalisiert haben.
In Ravensbrück wurden Tausende Menschen gedemütigt, gequält, getötet. Es waren unsere eigenen Vorfahren, die weggesehen haben, die gehorcht und mitgeholfen haben. Wie kann man dann das Zeichen der Menschen machen, die diese Verbrechen begangen haben? Wie kann man dann vor dem Krematorium stehen und den Hitlergruß zeigen? Und das dann auf Instagram posten?
Ich weiß es nicht. Und die beiden konnten es auch nicht richtig erklären. Sie haben anschließend mit niemandem darüber gesprochen und unsere Fragen nicht beantwortet. Bei einem ähnlichen Vorfall sind Schüler und Schülerinnen an einer anderen Schule im vergangenen Jahr suspendiert worden. Meine Mitschülerinnen durften nach viel Hin und Her bei uns bleiben, und unser Schulleiter ist in den Ferien noch einmal mit ihnen nach Ravensbrück gefahren.
Ich habe viel darüber nachgedacht, wieso sie das gemacht haben. Weil sie Anerkennung wollten, vielleicht auch, weil sie rebellisch sein wollten? Weil ihnen alles egal ist?
Ich weiß nicht, ob sie vorher, während der Führung oder bei dem Vorbereitungstag an der Schule, einfach nicht zugehört haben? Dann wären sie ziemlich gut darin, Augen und Ohren zu versperren. So wie die Leute damals den Rauch hätten riechen, hätten die Häftlinge sehen müssen.
Erinnern ist wichtig, Gedenkorte wie Ravensbrück besuchen. Aber wieso das alles, wenn dann so was passiert?
Aber ich kann dem Vorfall auch etwas Gutes abgewinnen. Weil wir alle schockiert waren. Sprachlos. Wütend. Und das gibt mir Kraft. Zu merken, dass meine ganze Klasse entsetzt und erschrocken ist. Es bringt doch etwas, in allen ruft das Erlebnis Emotionen wach. Es gibt mir Mut zu sehen, dass sich meine Mitschülerinnen und Mitschüler klar positionieren. Alle haben Redebedarf, Unverständnis, sind unter Schock.
Vielleicht sind die beiden nicht mehr zu erreichen, aber alle anderen hat das Ereignis wachgerüttelt, und wir sind ins Gespräch gekommen, in kleinen Gruppen und in der ganzen Stufe. Wir haben viel darüber diskutiert, ob wir wollen, dass die beiden in unserer Stufe bleiben. Wir waren alle wütend, aber unsere Lehrerinnen und Lehrer haben uns gebeten, sie nicht völlig zu isolieren, sondern ihnen eine zweite Chance zu geben.
Und auch wenn eine der beiden inzwischen doch gehen musste, weil sie sich an die Auflagen, unter denen sie bleiben durften, nicht gehalten hat, finde ich es doch gut, dass sie es noch mal versuchen konnten.
Ich habe den Eindruck, dass das Mädchen, das geblieben ist, wieder so ein bisschen in unsere Klassengemeinschaft aufgenommen wurde, auch wenn viele von uns nicht vergessen können, was passiert ist. Vor Kurzem war die Aufführung des Theaterstücks, das wir mit unserer ganzen Stufe ein Jahr lang geprobt hatten. Das Mädchen, das geblieben ist, war auch dabei und hat mit uns gespielt, gesungen und getanzt. Ich habe während der Aufführung gehofft, dass es für sie ein neuer Anfang sein kann. Und gleichzeitig habe ich Angst, dass noch einmal etwas Ähnliches passiert.
Trine Lübbert






