Eine Kirchenbank  mit Prisma Effekt
Lange, feste Bänke sind eine Besonderheit der Kirchen des Westens (Symbolbild)
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Kunst und Kirche
Streit um die Kirchenbank
Auf der Kunstaustellung Manifesta 16 geht es darum, wie leerstehende Kirchengebäude neu genutzt werden können. Eine epochale Frage! Schade, dass sie von einem Plagiatsstreit verdeckt wird. Denn das Problem liegt woanders
(Berlin) 11.02.16; Dr. Johann Hinrich Claussen, Portraet, Portrait; Kulturbeauftragter des Rates der EKD, Leiter des EKD-Kulturbueros, evangelischer Theologe Foto: Andreas Schoelzel/EKD-Kultur. Nutzung durch und fuer EKD honorarfreiAndreas Schoelzel
10.07.2026
4Min

Bei der Manifesta 16 gibt es juristischen Ärger. Alle zwei Jahre findet dieses europäische Ausstellungsprojekt für zeitgenössische Kunst an einem anderen Ort statt. Diesmal ist es die Metropolregion Rhein-Ruhr. Sie widmet sich unter dem Titel "Das ist keine Kirche" der großen Zukunftsfrage, was mit den Kirchgebäuden geschehen soll, die nicht mehr allein gottesdienstlich genutzt werden. Das ist besonders im Ruhrgebiet relevant. Doch leider gibt es gerade keine interessanten Sachdiskussionen, sondern einen rechtlichen Streit.

Denn die Künstlerin Dorothee Bielfeld hat dem Künstlerkollegen Nasan Tur vorgeworfen, eine Idee von ihr gestohlen zu haben. Deshalb fordert sie, dass seine Installation "Elevation" in der leerstehenden St. Gertrud-Kirche in Essen nicht mehr gezeigt wird. Tur hat – einer spontan Eingebung folgend, wie er sagt – Kirchenbänke vertikal-senkrecht um den Altar herum aufgestellt. Zudem hatte er darum gebeten, ihm Kommentare zu schicken, die er dann in die Bänke ritzte.

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Schon 2010 jedoch hatte Bielfeld in der Bochumer Christ-König-Kirche, also gleich in der Nachbarschaft, mit ihrer Installation "Aufrichten" dasselbe getan. In Kettwig, einem Stadtteil von Essen, hatte sie 2021 eine weitere Variante dieser Idee gestaltet. Eine größere zeitliche und räumliche Nähe zur jetzigen Manifesta ist kaum möglich. Das gibt Bielfelds Vorwurf des Plagiats seine Dringlichkeit. Pikant wird die Sache dadurch, dass sie sich bei der Manifesta 16 beworben hatte, aber nicht eingeladen worden war.

Ob Bielfeld mit ihrer Klage und ihrer Forderung Erfolg haben wird, erscheint sehr unwahrscheinlich. Denn solche Installationen mit Kirchenbänken (sowie mit öffentlichen Parkbänken) hat es schon wiederholt gegeben. Auch in nicht-künstlerischer Absicht wurde schon viel mit ihnen gespielt, zum Beispiel wenn eine Kirchengemeinde über die Veränderung ihres Gottesdienstraums nachdenken wollte.

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Kirchenbänke sind ein zentraler Einrichtungsgegenstand. Häufig stehen sie unter Denkmalschutz, häufig stehen sie der Kirchengemeinde im Wege. Sie fortzuräumen, erscheint nicht wenigen als der erste Schritt zu einem dringend nötigen Aufbruch. Andererseits hängt auch viel an ihnen. Deshalb lohnt die kreative Auseinandersetzung mit ihnen.

Lange, feste Bänke sind eine Besonderheit der Kirchen des Westens – seit Beginn der Neuzeit. Vorher stand und ging das Kirchenvolk während des Gottesdienstes. Doch vor allem in evangelischen Kirchen sollten alle sitzen, um der Predigt aufmerksam zu lauschen. Es ging aber nicht nur darum, die reformatorische Wort-Gottes-Frömmigkeit durchzusetzen, es sollte auch Ordnung geschaffen werden. Deshalb unterband man – auch in katholischen Kirchen – die Unsitte, dass die Reichen große und prächtige Stühle für sich aufstellen ließen, so dass die hinter ihnen Sitzenden und Stehenden nichts mehr sehen konnten. In Reih und Glied sowie gerade auf Altar und Kanzel ausgerichtet sollte die Gemeinde Platz nehmen.

Es sollte eben zivil zugehen während des Gottesdienstes. Lange Zeit noch mit klaren Unterscheidungen: rechts die Frauen, links die Männer, vorn die Oberschicht, hinter ihnen die Mittelschicht, ganz hinten und am Rand stehend die Unterschicht. So kann man die Geschichte des Gottesdienstes auch anhand seiner Sitzmöglichkeiten erzählen (nur die orthodoxen Kirchen würden außen vor bleiben – hier gibt es bis heute keine Bänke).

Heute möchten viele Gemeinden die festen Bänke durch freie Stühle ersetzen. Oft hat dies dazu geführt, dass Kirchräume vielfältiger genutzt werden: für innovative Gottesdienste, die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, Theater und Tanz, neue Musik. Doch kann dabei auch etwas Wichtiges verloren gehen: Bänke erlauben es, dass man als Gottesbesucher eine gewisse Distanz wahrt, was im Stuhlkreis nicht möglich ist.

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Man sieht, über die Bänke wird in deutschen Kirchen seit langem intensiv nachgedacht, vieles wird ausprobiert und durchgespielt. Höchstwahrscheinlich wusste der Künstler nichts davon, hat sich wohl auch nicht sonderlich dafür interessiert, weshalb seine Installation einigermaßen hohl und abgestanden wirkt. Justiziabel ist das nicht, nur unoriginell und wenig nachdenklich. Man sollte davon ausgehen, dass er auch von seiner unfreiwilligen Vorgängerin Dorothee Bielfeld nichts wusste. Nur, warum hielt er seine Idee überhaupt für zeigenswert?

Die eigentliche Kritik sollte jedoch die Verantwortlichen der Manifesta 16 treffen. Hier wird offenkundig schlampig kuratiert. Eine aufmerksame Kuratorin hätte recherchiert, nachgelesen oder vor Ort mal nachgefragt, um am Ende den Künstler von seiner Idee abzubringen oder zu einer interessanteren Gestaltung anzuregen. Diese Mühe wollte sich anscheinend niemand machen. Oder hat sich das Kuratoren-Team einfach nicht für den Kontext dieser Manifesta interessiert? So bleiben zurück: eine verletzte Künstlerin und ein beschädigter Künstler. Das scheint auf eine grundsätzliche Schwäche der Manifesta 16 hinzuweisen.

Die epochale Aufgabe der "Kirchraumtransformation" ist auch ein Geschäft. Architektinnen, Projektentwickler, Organisationsberatungen verdienen damit ihren Lebensunterhalt. Dagegen ist nichts zu sagen, wenn sie gute Arbeit leisten. Auch die bildende Kunst kann einen Beitrag leisten, um Kirchengemeinden auf neue Ideen für ihre Räume zu bringen. Im aktuellen Heft der ökumenischen Zeitschrift "Kunst und Kirche" gibt es dazu einen anregenden Schwerpunkt.

In Deutschland gibt es eine lange und reiche kirchliche Kunstarbeit. Darüber hätten sich die Verantwortlichen der Manifesta 16 informieren sollen. Doch auch unter Ausstellungsmachern und Künstlern gibt es Trittbrettfahrer, die mit unausgereiften Konzepten und müden Ideen öffentliche Aufmerksamkeit erringen möchten. Versucht die Manifesta 16 sich also als Kirchenkrisengewinnlerin? Das wäre schade.

Infobox

Manifesta ist eine europäische Wanderbiennale für zeitgenössische Kunst, die alle zwei Jahre an wechselnden Orten stattfindet und lokale sowie internationale Kunst im Dialog mit urbanen und sozialen Kontexten präsentiert.

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Kolumne

Johann Hinrich Claussen

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur