Kleine Freiheit vor der Tür
Kleine Freiheit vor der Tür
Gordon Welters
Kleine Freiheit vor der Tür
Corona, was macht man jetzt im Urlaub? Freizeitkapitäne können da nicht mitreden. Die sind nämlich längst unterwegs, und zwar ganz ohne zu verreisen.
Alessandra Schellnegger
24.06.2020

Zum Beispiel Matthias Drobinski. Er und seine "­Helga" sind auf der Nidda ­unterwegs, einem ­Nebenflüsschen des Mains, das sich ­westlich um Frankfurt windet.

Weiter geht es nicht mehr. Die Strömung drückt mit Macht gegen den Bug, die Wellen werfen das Boot aus der Spur, das Wasser ist zum heim­tückischen Feind geworden. Es versucht, Schiffer und Kahn ans Ufer zu drücken, wo die spitzen Steine lauern. Die ­Paddel durchs Wasser gezogen. Schneller! Fester! Die Hände verkrampfen, die Schultern schmerzen, Schweiß rinnt unterm Trapperhut hervor und über die Brille, das Wasser aber ist stärker als der Mensch. Bad Vilbel, das ­wäre das ­Tagesziel gewesen. Es bleibt unerreicht. Zurück geht es, jetzt mit der Strömung. Für einen Moment versteht man die Typen, die dopen.

Werktags liegt "Helga" auf dem Dachboden, und Drobinski, 56, arbeitet als Korrespondent für die "Süddeutsche Zeitung" in Frankfurt

Nach Bad Vilbel paddeln, ins Irgendwo der Wetterau? Auf der Nidda, diesem Nichtfluss? Vor sechs Wochen noch hätte sich der einsame Bootsfahrer an die Stirn getippt, hätte ihm einer gesagt, dass er an diesem Frühsommermorgen auf den Dachboden im heimischen Frankfurt-Rödelheim steigen würde. Dass er dort die rote Rucksacktasche samt Paddel holen würde, die den Winter über gewartet hatte. Und dann, die Tasche auf dem Rücken, aufs Rad steigen, zum Hausener Wehr strampeln und auf einer sonnenbeschienenen Wiese sein Faltboot aufbauen würde: einen orangen Zwerg, 3,20 Meter kurz und zehn Kilo leicht. Die Nidda im Einpersonenboot hinaufpaddeln, so weit es geht – geht’s noch? Der Mensch hat das Flüsschen auf den letzten Kilometern seines Weges durch Hessen vom Vogelsberg in den Main zwischen hohe Deiche gezwängt und mit Stauwehren zerschnitten. Immer wieder muss man an zerbröselnden Betonstegen anlanden, das Boot über vom Löwenzahn gesprengte Treppen tragen und sich auf der anderen Seite des Wehrs wieder ins Kajak fädeln. Wo das Wasser herunterrauscht, treibt grünlicher Schaum. Es riecht muffig. Die einschlägigen Paddelforen im Internet raten von Touren auf der Nidda ab.

"Hinaus aufs Glitzernde"

Doch es ist Pandemiezeit. Und der Mensch ist auf den Nahbereich des Lebens zurückgeworfen, auf die Welt in Lauf- und Radelweite. Das macht selbst den träge gemachten Fluss durch Frankfurts Grüngürtel verlockend. Denn da ist ­diese Sehnsucht, die zieht und keine Ruhe lässt. Raus aufs Wasser! Hinaus aufs Glitzernde! Und eigentlich ist es doch egal, ob es das Mittelmeer ist, die Mecklenburgische Seenplatte oder die Nidda hinterm Hausener Wehr.
Diese Sehnsucht lebt seit den Kindertagen in Ober­hessen, seit eines Tages der Onkel vorbeikam, mit einem Haufen Holz und einer Bootshaut aus ausgebleichter Baumwolle und brüchig gewordenem PVC; er paddle nicht mehr, aber wenn die Jungs Verwendung hätten, bitte sehr. Irgendwann schwamm tatsächlich ein Faltboot auf der Lahn, und die Bootsfahrer sahen die Welt mit neuen Augen, auf Enten- und Schilfniveau, geheimnisvoll und wild, wie in Kanada, kurz hinter Gießen. Doch Faltboote sind sensibel, Zwölfjährige sind es nicht. Spanten brachen, nicht einmal mehr Vaters Panzertape konnte die Haut zusammenhalten. Und eines traurigen Tages war das Wrack entsorgt von den besorgten Eltern.

Es blieb die Erinnerung ans flirrende Licht über dem Wasser, ans Schilfrauschen, an Samstagnachmittage, an denen sich Himmel und Zeit unendlich dehnten. Und dann war da, Jahrzehnte ­später, diese Kleinanzeige: Faltboot günstig abzugeben, ein Boot aus der DDR, ein ­Poucher ­Reisezweier mit herrlich blauem Oberverdeck, Holzgerüst, Lehnen mit hoffnungslos spießigem Karo­muster. Die Ge­legenheit! Der nostalgische Käufer lernte, das Oberverdeck neu zu imprägnieren, die Schrammen in der PVC-Haut zu pflegen wie ein wundes Kinderknie, das Gerüst neu zu lackieren. Gemeinsam mit der Frau und Paddelgefährtin suchte und fand er einen angemessenen Namen: Helga – aus der Mode, aber freundlich, die gute Tante, die man gern zu Besuch hat. Und dann ging es hinaus, an die Mecklenburgische Seenplatte. Helga war in zwei Säcke gepackt und auf eine faltbare Karre geschnallt; im ICE nach Berlin stand sie zwischen den schicken Koffern wie ein Schrat.

Die kleine Freiheit

Helga erwies sich als Gefährtin mit traumhaften Fahr­eigenschaften, die bei den Passanten am Ufer ostalgische Freude hervorrief, allerdings auch als komplizierte Persön­lichkeit. Im Internet gibt es Filmchen von An­gebern, die ­ihren RZ 85 in 30 Minuten fertig aufgebaut haben; vielleicht war ja auch auf dem Dachboden die Haut ­geschrumpft oder das Gestänge gewachsen: Nichts passte jedenfalls zusammen, immer wieder mussten Bug und Heck neu in die Haut geschoben werden, die zum Zerreißen gespannt war, der Ton gegenüber freundlich fragenden Menschen, wann man denn fertig sei, wurde schärfer.

Eineinhalb Stunden, ein Dutzend Flüche und zwei Dutzend Mückenstiche später hatte sich Helga dann doch dem Willen ihrer Besitzer gebeugt, aber auch gezeigt: Für spontane Abenteuer ist die Dame nicht zu haben.
So zog bald eine orange Schwester in der Dachbodenkammer ein, eine zehn Kilo leichte Mischung aus Falt- und Aufblasboot, in einer Tasche auf dem Rücken zu trans­portieren – die kleine Helga. Man kann sich vorstellen, wie sie sich da oben beäugen: die große Helga, die um ihren Rang fürchtet; die kleine Helga, die weiß, dass sie nie so groß werden wird wie jene, die schon da war, als sie kam. Wie eifersüchtige Geschwister, die doch wissen, dass sie der gleichen Liebe entspringen, der Liebe zur ­kleinen Freiheit auf dem Wasser.

Die kleine Freiheit! Schnell auf der Wiese das Boot aufgebaut, schweißgebadet, weil die Sonne schon um zehn Uhr herunterbrennt und man doch vor den Augen der ­irritierten Radler ins Innere des Bootes kriechen und das Gestänge richten muss. Hinterm Wehr die Betonrampe ­hinunter, tippelnd die Entenkacke vermeidend, statt elegant auf den Sitz zu gleiten, plumpst man hinein, es ist das erste Mal im Jahr. Und dann öffnet sie sich, die andere Welt. Der Deich scheint zurückzuweichen, der Radweg da oben verschwindet hinter Baum und Gestrüpp, weit und still liegt das Wasser da, wie eine nie berührte Fläche. Trauerweiden spiegeln sich, man meint zu schweben. Die Natur kommt einem nah, der Reiher, der nach Fischen äugt, die Gänseküken, bewacht von misstrauisch schnatternden Eltern; die pelzigen Nutrias, die hier im Wettlauf mit den Ratten die Deiche untergraben und mit großem Erfolg gelernt ­haben, Spaziergänger um Möhren anzubetteln. Und wie das Hausener Wehr entschwindet, so wird alles kleiner, was gerade Verstand und Gemüt durcheinanderbringt.

"Was ist da unter der stillen Oberfläche?"

Denn jetzt wird es existenziell. Wer sich aufs Wasser wagt, verlässt den festen Boden und betritt eine schwankende Welt ohne Balken, in der Hoffnung, getragen zu ­werden, ohne unterzugehen. Aufs Boot zu gehen ist eine Vertrauensübung. Das verbindet den Paddler mit dem Rude­rer, den Segler mit dem Motorbootfahrer, sogar den Frachtmatrosen mit dem Kreuzfahrttouristen, die an­sonsten so ziemlich alles trennt. Und wie bei jeder Vertrauensübung gehört die Angst dazu, eine letzte Spur ­jedenfalls, selbst auf der Nidda. Was, wenn da ein Loch in der Bootshaut ­wäre und man sänke? Wenn die ­Strömung einen nach hinten zöge, das Wehr und hinunter, in die Wasserwalze? Was ist da unter der stillen Oberfläche?

Unterm Wasser liegt der rätselhafteste Teil dieser Welt, mit unerforschtem Leben. Wer einmal über eine Abbruchkante im Meer gepaddelt oder geschwommen ist, wo man auf einmal den Boden nicht mehr sieht, sondern nur die blau­schwarze Tiefe, der kennt das: Es zieht einen nach unten mit magischer Macht. Auch jetzt. Was ist da unterm Wasser­kraut? Ein Skelett oder ein von Halbstarkenhand entsorgter Einkaufswagen? Das Unheimliche, sagte Sigmund Freud, ist die Wiederkehr des Verdrängten. Wer sich aufs Wasser wagt, begegnet ­unweigerlich dem Verdrängten.

Doch nur wer den festen Grund verlässt, findet neue Ufer. Nur wer sich dem schwankenden Boden anvertraut, entdeckt neue Welten. Das hat seit der Erfindung des Einbaums die Menschen aufs Wasser getrieben: Entdecker und Abenteurer, Händler und Piraten, Fischer, Auswan­derer, Touristen. Jeder Freizeitkapitän hält einen Faden ­dieser großen Geschichte in der Hand. Wer heute paddelt, segelt, den Außenbordmotor anwirft, trägt ein kleines Stück vom großen Wagnis in sich, der Sehnsucht nach der neuen Welt, vom Kribbeln des Ungewissen. "Fahre hinaus, wo es tief ist", befiehlt Jesus dem Simon Petrus. "Auf die Schiffe, ihr Philosophen!", ruft Nietzsche: "Es gibt noch eine andere Welt zu entdecken – und mehr als eine!" Das Neuland des Denkens findet man per Boot, bei Jesus wie bei Nietzsche.

"Man ist der Langsamste von allen"

Und selbst der kleinste aller Seefahrer, im Zwergenboot auf der trüben Nidda, wird an diesem Frühsommertag zum Teil der großen Erzählung von Aufbruch und Fernweh, von Unsicherheit und Wagnis. Man ist der Langsamste von allen, jeder Jogger eilt dem eifrig Paddelnden davon, die Radler sausen sowieso vorbei; es ist eine Demuts­übung. Aber man ist da, wohin die anderen nicht kommen können. Und man hebt die Laune aller, denen man be­gegnet – die der Angler ausgenommen. Guck mal, ein Boot! Kinderhände winken. Frauen und Männer ­lächeln. Man wird zum Missionar der kleinen Freiheit. Es weiß ja keiner, dass einen gerade eben noch dieser Drecksfluss fast auf die Ufersteine geworfen hätte, was wohl ein böses Loch in der empfindlichen Faltboothaut bedeutet hätte und einen traurigen Fußmarsch am Ufer zurück, den ­nassen Packsack auf dem Rücken.

So aber kommt das Hausener Wehr wieder in Sicht, langsam treibt das Boot, ganz still ist es, die Zeit bleibt stehen wie ein verhoffendes Reh. Noch einmal die Betonrampe mit der Entenkackekruste, noch einmal wacklig aussteigen, platsch, ein Fuß rutscht samt Wasserschuh in die Brühe. Es wird länger dauern als geplant, bis Boot und Schuh wieder trocken sind. Egal, das Wetter ist schön. Und auf der Wiese kann man sich fühlen wie Huckleberry Finn, der am ­Mississippi das Wasser und die Tage an sich vorbeifließen ließ. Bis man halt die Mails checken muss.

 

Zum Beispiel Manuela und Niklas. Zum Beispiel Anne und Korinna. Und und und...

 

Segeln auf der Ostsee: Manuela und Niklas

"Raevehul"

So heißt das Segelboot von Manuela, 32, und Niklas, 24. Sie haben es im letzten Jahr gemeinsam gekauft und ­restauriert. "Gefühlt jeden Tag", sagt Manuela, waren sie im Herbst, Winter und Frühjahr auf ihrem Schiff, zum Ausbessern, Schleifen, Lackieren. Auf dem Foto kommen sie gerade von ­ihrem ersten Törn auf der Ostsee. "Jetzt ist es erst richtig unseres!" Folke ­Junior heißt der Bootstyp, ein echter Däne, 44 Jahre alt. Und hier ist die ­Geschichte des Namens: ­Manuela und Niklas lernten sich vor zwei Jahren auf einem alten Frachtsegler kennen. Da gab es, wie ­traditionell auf Großseglern, im Vorschiff einen Raum, in dem der größte Teil der Besatzung schlief: das "Forecastle", was aber viele so aus­sprachen wie "Foxhole", Fuchsloch. Auf Dänisch: "Raevehul".
Manuela und Niklas leben jetzt beide in Flensburg und haben ihr ganzes Leben auf die Seefahrt ­ausgerichtet. Niklas will Schiffs­ingenieur werden, Manuela arbeitet als Elektro­technikerin auf einer Werft. Und ihre Wohnung liegt 300 Meter vom Hafen entfernt. Da können sie im Sommer jeden Spätnachmittag schnell mal an Bord hüpfen und über die Flensburger Förde kreuzen. Und im Winter weiter ­Lackschichten auftragen. Denn so ein altes Holzboot braucht ganz viel Pflege.

 

Dimitri Schischkin paddelt auf dem Main - "direkt vor der Haustür"

"Ocean Race"

Das klingt ziemlich pompös für ein – Brett. Zumal ­dieses Ocean-Race-­Exemplar eher auf dem Main vor der Frankfurter Skyline unterwegs ist. ­Dimitri Schischkin, 53, hat ­eine innige Beziehung zum Stand-up-Paddling, kurz: SUP, entwickelt – die ­Beziehung zum Brett ist dagegen eher pragmatisch. Da guckt er im Schuppen des Vereins, was angesichts von ­Wetter, Wind und Wellen gerade passt. Und wenn Dimitri Lust hat, nach Mainz zu paddeln (34 Fluss­kilometer, drei Schleusen, vier Stehstunden), dann greift er zur aufblasbaren Variante, die kann er ­später als Päckchen mit in die S-Bahn nehmen. Das Paddling ist ein "ziemlich ausgewachsenes Hobby" für den IT-Consultant, er unterrichtet Anfänger und Fortgeschrittene, er liebt das ruhige Dahingleiten, aber schwingt sich auch gern für ein paar Kilometer auf die Heckwellen eines Motorboots. "Und das ­alles geht direkt vor der Haustür!"

 

Michael und seine Freunde renovieren ein altes Boot

"My Bonnie?"

Vielleicht ist das ein Boot, das ins Wasser will. ­Vielleicht aber auch ein Spaß, ein Projekt, ein Freundschaftsding. ­Michael, Fotograf in ­Hannover, hat es von ­ seinen Kollegen zum 30. Geburtstag bekommen, sie haben es aus einem Fischteich geholt, und statt "Happy Birthday" haben sie "My Bonnie is over the ocean" gesungen. Mario, einer der Kollegen, sagt: "Michael freute sich über das Boot, wie sich jemand freut, der gerade etwas sehr Cooles geschenkt bekommen hat, von dem er nie wusste, dass er es haben wollte." Einen Sommer lang war das Boot auf der Leine unterwegs, dann lag es herum, es regnete, der Herbst kam, Blätter fielen von den Bäumen, das Boot sank immer tiefer. Eines Tages war es weg. Dann tauchte es wieder auf – ­jemand hatte es gefunden. Michael und seine Freunde konnten es beim städti­schen Bauhof abholen. Nun liegt es im Hof, und die Freunde renovieren. Cool!

 

Ankommen - Urlaub!

Das Kanu auf dem Staffelsee

Sind wir hier in Kanada? Na ja, fast. Besser als Kanada, weil näher dran. Romy und Selma, die kleinen Töchter von Sebastian Arlt, haben sowieso noch keine aus­gebauten Urlaubsträume, sie genießen die Freiheit auf dem See und die Freiheit auf dem Campingplatz. "Der ist für sie wie ein großer Garten mit vielen Freunden." Das Kanu hat keinen Namen, ­keinen eindeutigen Besitzer, man teilt sich den Genuss und die Kosten: die Familie des Münchner Fotografen und zwei andere Familien. Was für ein Geschenk, so ein Platz, nicht direkt verwunschen, dafür aber auch nur eine Autostunde von München entfernt. Die Fahrt lohnt sich sogar, wenn man nur einen Tag dort sein kann. Denn: Ankommen – Urlaub! Mit dem Kanu ­paddelt man zum Einkaufen, zum Angeln oder ­einfach in den Sonnen­untergang. Oder zum Baden. Schon mal ­jemand über Bord gegangen? Das nicht, sagt Sebastian, aber wer mit kleinen Kindern unterwegs ist, muss öfter mal T-Shirts oder Mützchen fischen . . . Als es das Kanu noch nicht gab (und auch Selma noch nicht), glitt die Familie auf anderen geliehenen Booten über den See. Oder zu zweit auf einem Paddelbrett.

 

Vom Opa übernommen: ein altes Boot

Das Brandenburger "Bootel"

Oder auch "Bootelchen". Der Opa von Anne Schwalbe und Korinna Fink hat früher "Nussschale" gesagt, wenn er das kleine Ding – mit wenig Tiefgang – über die Seen schaukelte. Das waren Traumurlaube für die beiden Schwestern. Und Traumwochenenden. Die Großeltern haben das Boot Anfang der 70er gekauft, und seitdem liegt es auf einem Bootsbauerhof in Alt Ruppin, nördlich von ­Berlin. "Wo es viele schöne Seen gibt und wenig Menschen", sagt Anne Schwalbe, 45. Früher noch weniger Menschen. "Tags­über waren wir mit unserem Opa auf Dschungelpfaden im Hinter­land unterwegs, mit Enterhaken und Stöcken. Oma hat Essen gekocht und auf das Boot aufgepasst. Wenn es heiß war, waren wir den ganzen Tag im Wasser." Zum Schlafen legte sich der Opa diagonal in die Plicht, Oma und Enkelinnen übernachteten in der Kajüte. Inzwischen haben Anne Schwalbe und ihre Schwester selbst den Bootsführerschein, die Urlaube sind jetzt vielleicht etwas kürzer, aber immer noch "unglaublich ­erholsam". Immer mit an Bord: das ­Holzbrettchen, auf dem seit Opas Zeiten alle ­Sachen, alle Leute aufgelistet werden, die ins Wasser gefallen sind.

 

"So eine krasse Ruhe!"

Das Kajak im Ruppiner Seengebiet

Gordon Welters, 45, ist von Haus aus mehr der Segler. Mit fünf (und mit dem Vater) die erste Regatta, 15 Jahre Wettkampfsegeln, Bezirks- und DDR-Meisterschaften, internationale Ostsee­regatten. Dann kam die ­Wende, und der Junge ­musste erst mal raus. "­Afrika, Indonesien, ich hab viel ­gesehen von der Welt." ­Inzwischen ist Welters ­Fotograf, neuerdings ­ver­heiratet mit Ines, 42, und Besitzer eines Bullis für ­Reisen nach Schottland und Skandinavien. Zum Bulli ­gehört das aufblasbare Reise­kajak, und an schönen Sommerwochenenden ­verlassen ­Gordon, Ines, Bulli und Kajak ihr branden­burgisches Dorf, um sich an einem der vielen Seen ein ruhiges Plätzchen zu ­suchen. "Paddeln ist was Stilles", sagt Gordon Welters. Die Geschwindigkeit ist ohnehin egal, man ist ja schon da, in der anderen Welt. "Ich bin nah an den Fischreihern, den Bibern, an der Wasser­oberfläche, manchmal ­mitten in den Sümpfen. So eine krasse Ruhe!"

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Wir sind gerade mal 87 und lassen uns seit mehr als 60 Jahren zusammen treiben. Es gibt kaum eine schönere Art Gottes schöne Natur zu geniessen, dabei innere Einkehr zu halten und still zu werden. Wie das Schicksal es so wollte, hat uns der Beruf an ferne Gestade geführt, vier Jahre Japan, zehn Jahre USA Osten und wegen einer dort lebenden Tochter, die übrigens auch paddelt, zwanzig Jahre Westen. Nach und nach wurden viele Boote erworben und auf Namen wie "Odysseus", "Sindbad", "Aeneas","Voyageur","Panta Rei"und "Marco Polo"getauft. Die Zahl der befahrenen Gewässer ist nahezu unüberschaubar, von der Moldau und dem Spreewald über die französischen Flüsse nach Westen zur atlantischen Welt der USA, wie dem Okefenokee-Sumpf in Georgia, zwischen Alligatoren und Schlangen, zu den Boundary Waters an der kanadischen Grenze zwischen Bibern und Bären. Dann weiter nach Westen zum Missouri/Mississippi, zum Snake River, den Flüssen in Wyoming und Montana und dem Colorado von den Rocky Mountains zur mexikanischen Grenze. In Japan war unser Hausfluss der Tenryu-gawa, der Himmelsdrachen-Fluss. Wie schon erwähnt, wir sind 87 und noch "guat beianand", wie man in Bayern sagt. Wir wünschen das auch vielen anderen und finden es gut, dass Sie das Thema aufgegriffen haben. Mögen doch viele inspiriert werden!

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Liebe Redaktion,
da wollen wir die Umwelt schützen, der Artikel schreibt auch noch so schön vom Endschleunigen und dann liegt der Staffelsee „eine Autostunde“ von München entfernt. Der Staffelsee liegt aber auch „eine Bahnstunde“ von München entfernt! Ökologisch gesehen wesentlich besser. Natürlich muss man sich dann sein Gepäckvolumen etwas besser überlegen. Es geht aber, das man dann „Entschlacken“. An alle Zweifler: Die Werdenfelsbahn fährt stündlich, ab und zu sogar noch öfter. Am Bahnhof in Murnau kann man bequem in Bahnbusse in viele Richtungen umsteigen. Die Umwelt dankt es und wir erfüllen unseren christlichen und menschlichen Auftrag, nämlich die Schöpfung zu bewahren.
Barbara Breuer

Antwort auf von Barbara Breuer (nicht registriert)

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Wer von München nach Murnau die Bahn nimmt, kommt in den Himmel. Wer mit dem Auto fährt, wird in der Hölle schmoren. Diese feste Überzeugung moderner, freiheitlicher Menschen und Menschinnen möchte ich jetzt nicht kommentieren. Ich wundere mich bloß, wie schnell doch sowohl die Sünder wie auch die Gott Wohlgefälligen sind.

Eine Autostunde? Klar, vom Autobahnbeginn in München-Sendling bis zur Ausfahrt Murnau/Kochel und dann etwas kurvenreich nach Murnau hinein kann in einer Stunde heruntergebrettert werden. Die jahrelange, 8 Kilometer lange Baustelle bei Schäftlarn ist für freie Bürger in freier Fahrt auch kein echtes Hindernis. Bloß, wie komme ich von einer Münchner Wohnung mit dem Auto zum Autobahnbeginn? Alles in einer Stunde erledigt? Respekt!

Eine Bahnstunde? Klar, die reine Fahrzeit vom Münchner Hauptbahnhof bis zum Bahnhof Murnau beträgt 48 bis 55 Minuten. Verbleiben also 5 bis 12 Minuten, um mit dem Münchner Verkehrsverbund von zu Hause zum Bahnhof zu kommen und dann umzusteigen. Hochachtung, wer das schafft! Der Weg vom Bahnhof Murnau zum Staffelsee ist sowieso geschenkt.

Also, liebe Nordlichter und Nordlichterinnen! Bevor Sie auf dem Staffelsee mit dem Kanu schippern können, sollten Sie von München aus deutlich mehr als eine Stunde einplanen. Das gilt sowohl für autofahrende moralische Totalversager wie auch für Bahnfahrer, die sich in christlichem und menschlichem Auftrag ins überfüllte Abteil quetschen.

Die Alpen liegen vor den Toren Münchens. Wie schön und ergreifend!

Max Zirom

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