Heiliger Moment
Mein Vater wird dement – und wir zur Familie
Jahrelang hatten die Kinder kaum Kontakt zu ihren Eltern. Dann wird der Vater mit nur 63 Jahren dement. Zwischen Pflege, Bürokratie und alten Verletzungen entsteht etwas, womit niemand mehr gerechnet hat
Illustration: Der Vater liegt dement im Bett, an seiner Seite bleiben seine Frau und die beiden Kinder
Der Vater liegt dement im Bett, an seiner Seite bleiben seine Frau und die beiden Kinder
Arianna Vairo für chrismon
Stephan AnpalaganBenjamin Jenak
20.09.2026
3Min

Mein Vater fährt seit knapp 40 Jahren mit dem Auto zur Arbeit. Neuerdings tut er sich schwer. Mir fällt auf, dass er häufiger Kratzer in sein Auto fährt. Vor einigen Monaten musste er die Wand an der Einfahrt zur Garage neu machen lassen, weil er mit dem Auto dagegengefahren ist. Ich frage mich, was los ist, und mache mir Sorgen.

Es dauert einige Monate, bis ich Bescheid weiß: Mein Vater hat Demenz. Der Hausarzt hatte einen Verdacht, die Neurologin hat es bestätigt.

Stephan AnpalaganBenjamin Jenak

Stephan Anpalagan

Stephan Anpalagan ist Diplom-Theologe und Kolumnist. Außerdem war er Mitglied der Band microClocks und Unternehmensberater. Seit vielen Jahren setzt er sich in unterschiedlichen Initiativen gegen Rassismus und Rechtsextremismus ein. Sein Buch neuestes Buch heißt "Für den Frieden. Widerruf meiner Kriegsdienstverweigerung" (2026, Verlag S. Fischer). Er ist Vorsitzender der Jury des Grimme Online Awards und Mitglied der Jury des Grimme-Preises.

Ich spreche mit meinen Eltern, und wir entscheiden, dass mein Vater nicht weiter Auto fährt. Auch seine Arbeit kann er nicht weiter ausüben. Der Mann, der Zeit seines Lebens immer mehrere Tätigkeiten verfolgt und von morgens bis abends gearbeitet hat, ist von einem Tag auf den anderen erwerbsunfähig.

Ich verbringe nun eine erhebliche Zeit damit, meine Eltern zu Arztterminen zu begleiten. Als mein Vater in die geriatrische Abteilung des Krankenhauses eingewiesen wird, komme ich erst zehn Stunden später wieder nach Hause. Ich übernehme die Finanzen meiner Eltern, kümmere mich um das Haus und dessen Bewirtschaftung und erledige den gesamten anfallenden Papierkram.

Wir beschäftigen uns fortan mit Anträgen, Formularen und medizinischen Gutachten. Über den Wahnsinn der deutschen Bürokratie könnte man mehrere dicke Bücher schreiben. Manchmal komme ich mir vor wie Asterix auf der Jagd nach Passierschein A38 im "Haus, das Verrückte macht".

Heute ist mein Vater bettlägerig, Pflegegrad fünf. Meine Mutter kümmert sich um ihn. Rund um die Uhr. Von der letzten Autofahrt zur Arbeit bis zu seiner vollständigen Immobilität sind anderthalb Jahre vergangen. Die Krankheit und ihre Begleiterscheinungen schreiten in seinem Fall besonders schnell voran. Mein Vater ist mit 63 Jahren auch noch ein bedauerlich junger Mann für eine Erkrankung, die man üblicherweise mit deutlich älteren Menschen in Verbindung bringt.

"Die Krankheit meines Vaters fordert uns alle heraus"

Stephan Anpalagan

Die Krankheit, die Bürokratie, das wegbrechende Haushaltseinkommen: Es sind gleich mehrere existenzielle Fragen, die mit einer Demenz und der darauffolgenden Pflegebedürftigkeit einhergehen. Was ich aber nicht auf dem Schirm hatte, war die Dynamik, die sich innerhalb unserer Familie entwickeln würde. Das Aufbrechen alter Wunden, die emotionale Erschöpfung, die unverhoffte Annäherung, der Wille zum Gespräch und die Sprachlosigkeit angesichts eines sterbenden Vaters.

Lesetipp: Wie es ist, die demente Mutter zu pflegen

Wir waren nie das, was man eine mustergültige Familie nennen würde. Meine Eltern sind aus einem Bürgerkriegsgebiet geflohen. Auf die Wunden und Traumata, die dieser horrende Krieg und der Verlust von Familienangehörigen bei meinen Eltern hinterlassen hat, konnten sie keine Rücksicht nehmen. Sie mussten arbeiten, Geld verdienen, Kinder versorgen und ein neues Leben aufbauen. In einem Land, das ihnen durchgehend das Gefühl vermittelte, nicht erwünscht zu sein.

Der Krieg hat seine Spuren auch in unserer kleinen Familie hinterlassen. Meine Schwester und ich spürten von Kindheit an, dass in unserem familiären Umgang etwas nicht stimmte. Wie ein Rad, das nicht rundläuft, oder ein Getriebe, das stottert. Unser Familienleben war derart gestört, dass sowohl meine Schwester als auch ich nach unserem Auszug über viele Jahre den Kontakt zu unseren Eltern abbrachen.

Die Krankheit meines Vaters fordert uns alle heraus. Mich, der all seine Vorbehalte und Erlebnisse über Bord wirft und sich nun um seine Eltern kümmert. Meine Schwester, die ihre Sprachlosigkeit überwindet und sich wieder an meine Eltern annähert. Meine Mutter, die um die Zerbrechlichkeit von Familie und Beziehung weiß und dieses unverhoffte Geschenk annimmt.

Wie wir alle zusammensitzen, essen und trinken, mein Vater in seinem Krankenbett mittendrin. Es ist nun so, wie es nie war. So, wie wir es nie für möglich gehalten hätten. Fast ein wenig wie ein heiliger Moment.

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