Heiliger Moment
Der Kreis schließt sich
Lebt mein Vater noch? Als sich die Lyrikerin Nora Gomringer diese Frage stellt und Hilfe sucht, erlebt sie einen unerwarteten Moment der besonderen Fürsprache
Der heilige Moment
Arianna Vairo
Nora GomringerPrivat
15.02.2026
3Min

Im Filmmusical "Yentl" singt die gleichnamige Protagonistin herzergreifend: "Papa, kannst du mich hören? Papa, kannst du mich sehen? Papa, kannst du mir helfen, mich nicht zu fürchten?" Yentls Vater ist gestorben, war ihr Unterstützer und Förderer, hat sie lesen lassen, was sie lesen wollte – selbst in der strengen Schtetl-Kultur, in der Frauen einen zugewiesenen Platz einnehmen und nur den. Er war ein nachsichtiger, weiser Mann, den seine eigenwillige Tochter amüsierte. Ihr Lied ist ein Gebet und ein Ruf. Und wie bei allen Musicals führt das Lied eine kommende Entscheidungsszene ein: Yentl bricht auf in die Welt, hat sich als Mann verkleidet und hofft, ihr Vater belächelt auch diese Entscheidung seines "wilden Mädchens".

Nora GomringerPrivat

Nora Gomringer

Nora-Eugenie Gomringer, Jahrgang 1980, ist Lyrikerin und leitet seit 2010 das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia in Bamberg. 2015 wurde sie mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet.

Die Beziehung zu meinem Vater schien mir in ihren besten Tagen genauso: Ich konnte meinen Vater amüsieren, ihm manchmal sogar imponieren mit meinem Wagemut. Die meiste Zeit aber war da viel Distanz. Am Ende seines Lebens rückte er mir näher, weil ich mit einem Bruder in den Dienst bei ihm trat: Wir wurden pflegend, angehörig. Seit die Eltern tot sind, möchte ich sie so kontaktieren, möchte den beiden Vermissten so zurufen, wie Yentl es tat: Seht ihr mich? Wie ich mich anstrenge, euch gerecht zu werden, euer Gedächtnis hier wachzuhalten?

Nach einer kurzen, heftigen Phase des Leidens starb mein Vater im späten August 2025. Ich war wie in den Tagen davor auf ein Harren an seiner Bettseite vorbereitet, wollte meine Mittagspause bei ihm und mit ihm verbringen und fand ihn tot. Ich trat in sein Schlafzimmer, öffnete die Vorhänge, drehte mich zu ihm, begrüßte ihn und wusste es bereits. Irgendwie.

Wie weiß man diese Dinge? Es ist nicht zu sagen. Es ist eine Ahnung, die von einer Gewissheit gejagt und überwältigt wird. Im Tod waren seine Gesichtszüge beruhigter als in den letzten Tagen. Wie von oben sah ich auf diese Szene: Langsam, fast tiergleich, näherte ich mich ihm. Beinahe so nah heran, dass ich ihn hätte anschnuppern können. Ich wollte sehen, ob seine Atmung die Brust noch hob. Doch alles ruhig, alles leer, mein Vater nach über 100 Jahren auf der Erde präsent, stark, fordernd: fort. Noch nie hatte ich den Gedanken der "leeren Hülle" so intensiv nachvollziehen können und doch blitzte kurze Unsicherheit in mir auf …

Ich ging auf den Gang, griff den Arm eines Pflegers draußen vor der Tür und zog ihn wortlos in das Zimmer hinein. Der junge Mann war nur kurz verwirrt, er verstand intuitiv und beugte sich hinunter zu meinem Vater. Er verharrte kurz und prüfte Puls und Atmung. Er griff an die Hände und sah mich schließlich an und sagte: "Tu padre está muerto. Ahora paciencia y fuerza." Er umarmte mich und ging still aus dem Zimmer. Im Zimmer, neben meinem Vater und mir, über und zwischen uns waren Raum und Zeit aufgehoben, es herrschte Stille. Ich hatte ein paar Momente allein mit meinem gegangenen Vater, dem soeben ein junger Spanischsprecher – im Heim sprechen die Pfleger und Assistenten gefühlt alle Sprachen der weiten Welt – das letzte Geleit gegeben hatte.

Ich schüttelte den Kopf darüber, wie die Geschicke der Welt diesen Mann an die Seite meines Vaters gebracht hatten just in der Stunde seines Todes und sich damit der Kreis schloss zu seiner Geburtsstunde, die am 20. Januar 1925 in einer kleinen Urwaldstation am Beni, einem Zufluss des Amazonas in Bolivien, einst geschlagen hatte. Mir wurde bewusst, dass seine allererste Ansprache wie auch seine letzte in der Sprache seiner Mutter erfolgten, und das in Bamberg! Wie dort, in Cachuela Esperanza, damals vor mehr als 100 Jahren, keiner hätte ahnen können, dass er weltberühmt werden würde für eine Erfindung in der Literatur, dass ihm eine lange, erfolgreiche Lebensbahn vorgezeichnet sein würde; eine, die mindestens zwei Welten – über ein Meer getrennt – umspannen würde.

Wie niemand ahnte, dass das Spanische dem früh zur Erziehung nach Europa gesandten Kind mitgegeben war als Gut, als Muttersprache im wahrsten Sinne und diese mir nun Geduld und Kraft zusprach. Ich dankte meinem Vater für das Recht auf den ersten Blick auf ihn – ohne ihn. Diesen Moment bewahre ich mir als Geschenk. Er ist mir heilig. Spätestens danach hat sich mein Vater aber aufgemacht, ist wahrscheinlich in einen dunkelgrünen Jaguar gestiegen und ins Tessin gebraust. Frei, endlich so frei und ich: aus meinem Dienst für immer entlassen.

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