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Wir waren gerade in den USA. An zwei Sonntagen bin ich meiner eigenen Empfehlung gefolgt: In einem fremden Land nicht nur ein Kirchgebäude zu besichtigen - so wie es viele Urlaubende schon immer gemacht haben -, sondern einen Schritt weiterzugehen und einen Gottesdienst zu besuchen. Das ist eine schöne Gelegenheit, aus der Rolle des Touristen auszusteigen und – völlig kostenfrei – mit Einheimischen gemeinsam eine Feier zu begehen.
Ich habe das jetzt in den USA gleich zweimal gemacht. Beide Male habe ich den Zufall spielen lassen und bin morgens einfach in die Kirche gegangen, die von unserem Hotel aus die nächste war. Am ersten Sonntag um 9 Uhr war das die First Presbyterian Church an der Nassau Street in Princeton. Zur Erklärung: Die Presbyterianische Kirche leitet sich von der Schweizer Reformation von Johannes Calvin ab; gegründet wurde sie von John Knox in Schottland. Sie hat sich über die ganze Welt ausgebreitet und ist besonders stark in den USA vertreten. "Presbyterianisch" heißt sie, weil sie keine Bischöfe hat und keine Staatskirche war, sondern von Gemeindeältesten geleitet wurde.
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Die First Presbyterian Church in Princeton gibt es seit über 250 Jahren. Es ist eine mittelgroße, helle und schöne Kirche – reformiert, also ohne Bilder und Altar, dafür mit erstaunlich bequemen Kirchenbänken, wie man sie in Deutschland nicht kennt (so streng sind die "Calvinisten" also gar nicht).
Ich fühlte mich auf eine Weise willkommen, von der wir uns in Deutschland anregen lassen sollten. Die Begrüßung war freundlich. Eine sorgfältig gestaltete Gottesdienstordnung half mir beim Mitfeiern. Obwohl: So viel Liturgie gab es nicht, die bei uns üblichen Wechselgesänge fehlten. Dafür gab es einen Friedensgruß der Anwesenden untereinander, der herzlich ausfiel. Ebenso herzlich war auch die Verabschiedung, obwohl ich doch nur ein Fremder war. Ich hätte übrigens ein Namensschild beschriften und mir anstecken können, wie die anderen Gemeindeglieder es taten.
Nach einigen Fremdheitserlebnissen in dieser so tief zerstrittenen Gesellschaft der USA schenkte mir der Gottesdienst ein Gefühl der Vertrautheit. Die Liturgie wurde formbewusst und zugleich ansprechend gestaltet. Wie in meiner Predigtstätte wurden die Kinder nach einem gemeinsamen Anfang zu einem eigenen Gottesdienst verabschiedet.
Die Predigt war so, wie man es sich wünscht: ernsthaft und heiter, theologisch durchdacht und lebensklug. Die Lieder kannte ich entweder oder konnte sie leicht mitsingen. Auch die Kirchenmusik kam zu ihrem Recht: Sowohl ein Jugendchor als auch eine Erwachsenenkantorei sangen. "Fast so wie zu Hause", dachte ich mir, "so groß sind die Unterschiede zwischen deutschen Lutheranern und US-amerikanischen Presbyterianern also gar nicht."
Eine Woche später waren wir in Downtown New York. Gleich neben unserem Hotel lag die episkopale, also anglikanische Trinity Church – eine freundlich-neugotische Mini-Kathedrale, eingeschlossen von Wolkenkratzern, wie sie für Manhattan typisch sind. Auch hier war die Kirche um 9 Uhr gut gefüllt.
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Ich hätte nicht gedacht, dass in dieser Nachbarschaft so viele Menschen, vor allem Familien, wohnen. Die Gemeinde war diverser als in Princeton (um gar nicht erst einen Vergleich mit Deutschland anzustellen). Auch hier wurde ich freundlich willkommen geheißen. Manches hätte katholisch wirken können, wäre der Gottesdienst nicht von Frauen geleitet worden. Damit ich der mir fremden Liturgie folgen konnte, wurde mir eine kleine Broschüre in die Hand gedrückt.
Doch das Hochkirchliche war gemildert, weil sich die Gemeinde sehr viel beteiligte: Ein Kind las einen Psalm, ein Jugendlicher das Evangelium, ein Erwachsener die Fürbitten. Sie taten das so sicher und selbstverständlich, dass sie darauf anscheinend gut vorbereitet worden sind. Hier wurde Abendmahl gefeiert; da habe ich gern mitgefeiert. Überrascht war ich nur, weil die "Intinctio" nicht gestattet war, ich also die Oblate nicht in den Kelch eintauchen durfte (wie es hier zulande seit Corona üblich ist). Deshalb habe ich wie die anderen die Oblate gegessen und danach den Wein aus dem Gemeinschaftskelch getrunken (was mir lieber ist).
In beiden Gemeinden hätte ich noch lange bleiben und an allerlei Aktivitäten teilnehmen können. Aber die Familie hatte anderes vor.
Warum erzähle ich so ausführlich von diesen beiden ganz normalen Gottesdienstbesuchen? Sie haben mir gezeigt, wie einseitig und verzerrt unser Blick von Deutschland aus auf die USA und das dortige Christentum ist. Natürlich, Princeton ist nicht Mississippi und New York nicht Texas. Aber wir sollten uns bewusst bleiben, dass es auch in den USA allen politischen Katastrophen zum Trotz immer noch viele menschenfreundliche Menschen und Kirchengemeinden gibt (in Deutschland zum Glück auch).
Und sie haben mir gezeigt, wie weit, vielfältig und in sich verbunden die Kirchen sind, die aus den Reformationen des 16. Jahrhunderts hervorgegangen sind. Daran will ich morgen, am deutschen Reformationstag, besonders denken.
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