Alle sollen sehen, dass es grausam ist
Auf solchen Liegen werden Menschen in manchen US-Bundesstaaten fixiert und durch eine Infusion zu Tode gebracht.
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Todesstrafe in den USA
Alle sollen sehen, dass es grausam ist
Eine Hinrichtung scheitert, eine andere soll live gestreamt werden: Die Debatte um die Todesstrafe wirft ein Licht darauf, wie die Vereinigten Staaten unter Donald Trump ins Autoritäre abdriften. Doch es gibt Widerstand
Tim Wegner
13.10.2026
4Min

Die Menschen in den USA diskutieren über die Todesstrafe. Zwei Nachrichten wühlen das Land auf: Zum einen misslang die Hinrichtung von Christa Pike auf verstörende Weise. Sie erhielt zwei Spritzen mit einem überdosierten Schlafmittel. Pike hatte zuvor angegeben, dass Blutentnahmen ihr immer wieder Probleme bereitet hätten. Es zeigte sich: Pike hatte die Wahrheit gesagt. Nach Angaben ihrer Anwälte brauchte das Hinrichtungsteam mindestens sieben Nadeln, um einen Zugang zu legen. Später brachte man Christa Pike in ein Krankenhaus. Ihre Anwälte gingen bereits davon aus, dass sie hirntot sei und die Beatmungsmaschine abgeschaltet werde, als sie wieder zu sprechen begann. Mittlerweile ist sie wieder inhaftiert.

Christa Pike ist heute 50 Jahre alt. Als 18-Jährige war sie an einem grauenvollen Mord beteiligt. Ein Gericht sah als erwiesen an, dass Pike mit ihrem damaligen Freund und einer weiteren Person eine Mitschülerin grausam mit einem Teppichmesser gefoltert und später umgebracht habe. Pike wuchs in schwierigen Verhältnissen auf, sie wurde jahrelang sexuell missbraucht und ist psychisch krank. Doch ihre Pflichtverteidiger brachten das im Prozess kaum zur Sprache; nach Angaben ihres heutigen Anwalts erfuhren die Geschworenen nichts von dem Missbrauch.

Wie unter einem Brennglas zeigt der Fall Christa Pike zentrale Kritikpunkte auf, die Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International seit Jahrzehnten an der Todesstrafe üben: Sie verletzt die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, nach der jeder Mensch ein Recht auf Leben hat. Sie ist unmenschlich. Es gibt schlicht keine humane Art, einen Menschen zu töten. Zeugen der geplanten Hinrichtung von Christa Pike dürften ebenso traumatisiert zurückbleiben wie diejenigen Menschen, die an ihr mitwirkten. Und: Die Todesstrafe verhindert eben keine weiteren Taten.

Die USA werden immer wieder durch schwere Straftaten erschüttert. Das Land hat ein notorisches Problem mit Schusswaffengewalt. Die Zahl der Hinrichtungen in den USA hat sich zuletzt fast verdoppelt: von 25 im Jahr 2024 auf 47 im vergangenen Jahr, vor allem weil Florida so viele Menschen hinrichten ließ wie nie zuvor. Und das, obwohl Geschworene immer seltener neue Todesurteile fällen.

Beobachter vermuten, er wolle mit seiner Hinrichtung den Märtyrertod sterben

Geht es nach dem Willen von US-Präsident Donald Trump und Verteidigungsminister Pete Hegseth, folgt am 3. Dezember eine weitere Hinrichtung. Hegseth, der sich seit einem Erlass Trumps "Kriegsminister" nennt, hat noch während der Debatte um den Fall Christa Pike angekündigt, die Erschießung von Nidal Hasan live streamen zu lassen. Der Militärpsychiater erschoss 2009 auf dem Militärstützpunkt Fort Hood 13 Menschen in einer medizinischen Einrichtung der Basis; seine Opfer waren unbewaffnet.

Ein Militärgericht verurteilte ihn 2013 zum Tode. Offenbar hatte sich Nidal Hasan, Sohn palästinensischer Einwanderer, islamistisch radikalisiert. Seit dem Anschlag ist er querschnittsgelähmt und sitzt im Rollstuhl. Vor Gericht verteidigte er sich selbst und räumte ein, der Schütze gewesen zu sein. Beobachter vermuten, er wolle mit seiner Hinrichtung den sogenannten Märtyrertod sterben.

Allein die Art der Hinrichtung wirft Fragen auf. Ein Erschießungskommando des US-Militärs ist seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr angetreten, hingerichtet hat das Militär zuletzt 1961. Es ist fraglich, ob die Exekution wirklich gestreamt wird oder ob Gerichte den Plan stoppen. Aber allein die Ankündigung spricht Bände. Hasans Tod wäre die erste öffentliche Hinrichtung in den Vereinigten Staaten seit 1936.

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Hegseth begründet seinen Entschluss mit der vermeintlich abschreckenden Wirkung. Die Menschen müssten sehen, dass solche Taten ernste Konsequenzen haben. Aber für eine abschreckende Wirkung der Todesstrafe gibt es keinen Beleg. Auch in Zukunft wird es islamistische Fanatiker geben, die morden wollen.

Mehr noch: Die Aufnahmen würden sich sicher sofort in sozialen Netzwerken und im Internet verbreiten. Man muss unterstellen, dass Pete Hegseth das weiß – und will: Alle sollen sehen, dass es grausam ist. Damit begeben sich die USA auf das Niveau des "Islamischen Staates", der Hinrichtungen öffentlich und im Internet zelebriert hat. Eine bessere Rekrutierungswerbung können sich die Islamisten kaum wünschen, zumal Pete Hegseth immer wieder die Nähe zu christlichen Nationalisten sucht. Den radikalen Prediger Doug Wilson lud er gar ins Pentagon ein. Tätowierungen auf Hegseths gedrilltem Körper, den er gern zur Schau stellt, zeigen Kreuzzugssymbole.

Es ist bitter, dass jenes Land, dem zunächst die Bundesrepublik und nach 1990 das wiedervereinigte Deutschland die Freiheit ganz wesentlich verdankt, vor aller Augen ins Autoritäre kippt. Man kann die derzeitige Debatte um die Todesstrafe als Indiz lesen, wie weit der moralische Verfall der USA unter Donald Trump vorangeschritten ist. Dabei ist es wichtig, zu erkennen, dass die Kritik an der Todesstrafe dort lauter wird. Sie kommt auch aus den christlichen Kirchen. Paul Stagg Coakley, Erzbischof von Oklahoma City, Vorsitzender der US-Bischofskonferenz und konservativer katholischer Geistlicher, sagt: "Unser Gott ist der Gott des Lebens. Vergeltet nicht Böses mit Bösem."

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Und Shane Claiborne, einer der Gründer der Gruppe Red Letter Christians, sagt: "Ich halte es für unmöglich, Christus nachzufolgen – dem Friedensfürsten, der die Barmherzigen segnete und eine Hinrichtung mit den Worten unterbrach: ‚Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein‘ – und sich gleichzeitig für Hinrichtungen einzusetzen." Claiborne ist evangelikaler Christ, und Trumps MAGA-Bewegung hängt bei Wahlen erheblich von den Stimmen evangelikaler Gruppen ab.

Die nächste Wahl in den USA sind die Midterms Anfang November. Für die USA sind sie auch mit Blick auf die Todesstrafe eine Chance, sich wieder stärker zu den humanistischen Werten zu bekennen.

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