Der Zusammenhalt in der Gesellschaft wächst. Glauben Sie nicht? Die gute Nachricht stammt aus dem Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung, der Anfang Oktober veröffentlicht wurde. Den Angaben zufolge liegt der Wert für den Zusammenhalt in Deutschland auf einer Skala von 0 bis 100 Punkten momentan bei 51 Punkten. Das ist noch nicht überragend viel – aber es sind immerhin fünf Punkte mehr als in der vorigen Untersuchung von 2023. Vor der Corona-Pandemie und dem Ukraine-Krieg waren es 55 Punkte. Auch das Vertrauen in die Mitmenschen ist seit 2023 gestiegen, die Leute treffen sich wieder mehr, auch die Hilfsbereitschaft hat zugenommen.
Für die Studie wurden in einer repräsentativen Umfrage im Mai diesen Jahres 5.231 Personen ab 18 Jahren befragt. Die Ergebnisse decken sich mit anderen Untersuchungen. So weist etwa auch der Soziologe Steffen Mau immer wieder darauf hin, dass die Gesellschaft viel weniger gespalten ist, als man durch die politischen Debatten denken könnte.
Das solidarische Fundament der Gesellschaft sei "nach wie vor intakt", heißt es im Religionsmonitor. Was für eine wichtige Nachricht! Wenn ein gemeinsames Fundament da ist, müssten wir die Krisen doch gemeinsam stemmen können! Solange eine gemeinsame Basis da ist, sind Kompromisse möglich – allen zum Trotz, die uns von rechts und links außen einreden wollen, dass das Land kurz vor dem Kollaps stehe.
Laut Religionsmonitor erleben die Menschen vor allem im unmittelbaren Umfeld Zusammenhalt. Auf der nachbarschaftlichen Ebene hilft man sich und guckt nach den anderen. Im direkten Umfeld fühlen sich viele sicher, da gibt es Verlässlichkeit und Vertrauen.
Doch sobald nach den größeren Zusammenhängen gefragt wird, bröckelt es. Auch das hat der Religionsmonitor herausgefunden. Das Vertrauen in die gesellschaftlichen und politischen Institutionen ist niedrig. Das Vertrauen in die Bundesregierung etwa liegt auf einer Skala von 0 bis 100 lediglich bei 37 Punkten. Viele Menschen haben außerdem das Gefühl, dass es nicht gerecht zugeht, dass etwa die wirtschaftlichen Gewinne ungleich verteilt sind. Dieses Gefühl sollte die politische Mitte nicht der AfD und den Linken überlassen, die darauf mit zerstörerischen Revolutionsfantasien und Enteignungsplänen antworten.
Religion tut einer Gesellschaft nicht per se gut
Die Kirchen können zwar keine wirtschaftlichen Gewinne umverteilen, sie stehen selbst unter großem Spardruck. Aber sie können weiter am solidarischen Fundament der Gesellschaft mitarbeiten, indem sie Gemeinschaft stiften und Zuversicht vermitteln, wo andere schwarzmalen. Laut Religionsmonitor haben am ehesten die Christen und Christinnen im Land, besonders die evangelischen, den Eindruck, dass die Gesellschaft zusammenhält. Sie tun auch jetzt schon viel dafür – durchschnittlich mehr als die konfessionslosen Nachbarn und Nachbarinnen.
Man denke an die vielen, die sich unverdrossen in den Kirchengemeinden engagieren, die Debatten- und Gesprächskreise ins Leben rufen, Jugendgruppen und Erntedankfeste organisieren, in Suppenküchen und Lebensmittelausgaben helfen, in die Seniorenheime ausströmen. Die Christen und Christinnen im Land identifizieren sich auch überdurchschnittlich stark mit dem Gemeinwesen und vertrauen den staatlichen Institutionen mehr. Religiosität sei eine "relevante soziale Ressource" für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, so die Studie.
Aber Religion tut einer vielfältigen Gesellschaft nicht per se gut. Religiosität führt nicht automatisch zu mehr Zusammenhalt oder zu mehr Verbundenheit mit dem Gemeinwesen. Das zeigte sich im Rahmen des Religionsmonitors an den Einstellungen der befragten Muslime. Je religiöser sie sind, umso geringer ist ihre Verbundenheit mit dem Gemeinwesen, umso geringer ist auch das Vertrauen in die gesellschaftliche und politischen Institutionen. Anders als Christen ziehen die Muslime die sozialen Netze enger, je religiöser sie sind. Die Studie erklärt das mit der "Minderheitenposition, Diskriminierung und mangelnder gesellschaftlicher Anerkennung" sowie der "stärkeren Orientierung an der eigenen religiösen Gemeinschaft".
Religion kann also gut für den gesellschaftlichen Zusammenhalt sein, kann ihm aber auch schaden. Entscheidend ist, ob die Kirchen- oder die Moscheegemeinde im eigenen Saft schmort oder Brücken in die Nachbarschaft baut und aktiv den Austausch auch mit Andersgläubigen und Andersdenkenden sucht. Das ist nicht selbstverständlich und mühsam. Und es lohnt sich. Glaubt man den Ergebnissen des Religionsmonitors ist die Bereitschaft nach wie vor hoch, gerade im nahen Umfeld aufeinander zuzugehen. Diese Chance sollten wir nutzen.




