Umkehr
Wie sich Jesus von einer anderen Meinung überzeugen ließ
Viele meinen ja heute, sie hätten die Wahrheit gepachtet. Das führt zu Spaltung und Lagerdenken. In dieser Bibelgeschichte lehrt uns Jesus, dass wir alle umdenken können. Am besten geht das, indem man Menschen trifft
Bildnis von Jesus in Notre-Dame; gespiegelt und auf dem Kopf
Einfach mal die Perspektive wechseln. Jesus hat's vorgemacht.
Philippe Lissac / Getty Images ; [M] chrismon
(Berlin) 11.02.16; Dr. Johann Hinrich Claussen, Portraet, Portrait; Kulturbeauftragter des Rates der EKD, Leiter des EKD-Kulturbueros, evangelischer Theologe Foto: Andreas Schoelzel/EKD-Kultur. Nutzung durch und fuer EKD honorarfreiAndreas Schoelzel
02.10.2026
4Min

Nicht nur, wenn man auf neuere Wahlergebnisse schaut, kann man zu dem Eindruck gelangen, es stünden sich zwei große Lager gegenüber: hier die Nationalisten, die scharfe Grenzen ziehen und nur das eigene Volk anerkennen, und dort die Universalisten, die Grenzen überhaupt ablehnen und für alle Welt da sein wollen. Wie nicht selten, könnte auch hier die Wahrheit irgendwo dazwischen liegen. Um ihr auf die Spur zu kommen, lohnt es sich, eine der provokativsten, aber kaum noch bekannten Jesus-Geschichten zu bedenken. Sie geht so:

Jesus von Nazareth wollte allein sein. Immer wenn er intensiv mit vielen Menschen zusammen gewesen war, hatte er das Bedürfnis, für sich zu sein. So verließ er seine Heimat Galiläa, ging nach Norden, wich aus ins Ausland, in die Gegend von Tyrus und Sidon – im heutigen Libanon –, wo ihn keiner kannte. So hoffte er.

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Aber eine kanaanäische Frau sah und erkannte den Wunderlehrer aus Israel. Sie stürzte auf ihn zu und schrie: "Ach, Herr, du Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir! Meine Tochter wird von einem bösen Dämon beherrscht!" Eine Mutter, die Angst um ihr Kind hat, nimmt keine Rücksicht. Sie klopft nicht höflich an, sondern stürmt auf den los, der Heilung bringen könnte, und lässt sich nicht abwimmeln.

Doch Jesus von Nazareth antwortet ihr mit keinem Wort und würdigt sie keines Blickes. Er tut genau das nicht, was man von einem Christus erwarten würde. Er empfindet kein Mitleid, wendet sich nicht liebevoll zu, nimmt nicht Anteil, schenkt nicht sofort Heilung und Heil.

Seinen Jüngern, die er mitgenommen hat, wird die Situation peinlich. Diese Frau ist wie ein Bettler, den man nicht mit einem kurzen Kopfschütteln los wird. Also bitten sie ihn: "Merkst du nicht, wie sie uns belästigt? Schick sie weg."

Jesus antwortet: "Ich bin nur zum Volk Israel gesandt." Das klingt wie die Antwort eines Beamten: "Entschuldigung, ich bin nicht zuständig. Mein Verantwortungsbereich umfasst nur die Mitglieder meines Volks."

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Die kanaanäische Frau scheint das nicht gehört zu haben. Sie kommt näher, ruft und fleht weiter, wirft sich vor ihm nieder: "Herr, hilf meiner kranken Tochter!"

Jetzt kann Jesus nicht mehr so tun, als wäre sie Luft. Er wendet sich zu ihr um und gibt ihr schroff Bescheid: "Ich kann dir von meiner Heilkraft nichts abgeben. Denn es ist nicht richtig, den eigenen Kindern das Brot wegzunehmen und es den Hunden vorzuwerfen." Um die Härte dieser Abfuhr zu begreifen, muss man verstehen, was ein Hund im antiken Nahen Osten galt: nichts.

Aber die fremde Frau lässt sich auch mit dieser Beleidigung nicht fortjagen. Sie nimmt sie auf und kehrt sie um: "Ja, aber die Hunde fressen die Krümel, die vom Tisch ihrer Herrn herunterfallen." Sie nimmt also die Position des Hundes ein, erniedrigt sich für ihre Tochter und überwindet so den engstirnigen Herrn. Sie dreht sein Wort um und gibt ihm eine neue Bedeutung.

Jesus versteht. Vielleicht lacht er sogar auf. Er gibt sich geschlagen, ändert seinen Sinn, sieht diese Frau an und erkennt ihren Glauben. Der Rest der Geschichte erzählt sich wie von selbst: Die Tochter wird gesund.

Aus dieser Geschichte kann man mindestens vier Lehren ziehen.

1. Es ist nicht selbstverständlich, dass Menschen über die Grenzen ihres Volkes, ihrer Religion oder Kultur hinausdenken. Der Normalfall ist, dass sie sich auf das Eigene konzentrieren. Solange sich damit keine Arroganz oder Aggression verbindet, muss das kein Problem darstellen.

2. Jesus von Nazareth war ebenso wie der Gott, den er verkündete, nicht ewig unbeweglich, sondern bereit und in der Lage, sein Wissen zu erweitern, seinen Willen zu ändern, sein Herz umzukehren, einen neuen Weg einzuschlagen. Dazu bedurfte es einer existenziellen Begegnung mit einem anderen Menschen.

3. Eine "Heidin" hat Jesus gelehrt, dass die Nächstenliebe nicht wortwörtlich zu verstehen ist, nicht so, als wäre sie nur für die Allernächsten, die Mitglieder des eigenen Stamms und der eigenen Nation da. Sie gilt auch den Fremden – ja, sogar den Feinden.

4. Die Wahrheit liegt nie im Extremen, aber auch selten in der Mitte. Denn sie ist immer in Bewegung. Häufig kommt sie durch einen Streit ans Licht. Deshalb haben polarisierte Zeiten ihr Gutes. Man hat eine feste Auffassung, andere Menschen stören einen auf, man muss sich prüfen und neue Einsichten suchen, ohne die guten, alten Wahrheiten aufzugeben. Jesus blieb bis zum Lebensende mit seinem Volk Israel verbunden. Aber er hatte erfahren, wie es ist, wenn man Gott größer denkt und den Kreis der Liebe weiterzieht.

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Kolumne

Johann Hinrich Claussen

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur