AfD in Mecklenburg-Vorpommern
"Ich versuche immer, bei den Menschen zu sein"
In Mecklenburg-Vorpommern ist die AfD stärker geworden. In einem kleinen Dorf namens Kieve aber holte die SPD mehr als die Hälfte der Stimmen. So geht die Bürgermeisterin Christine Jantzen mit dem Rechtsruck um
Christine Jantzen steht am Steg vor einem See
Christine Jantzen (parteilos) ist seit 2014 Bürgermeisterin von Kieve. Sie setzt sich für die Dorfgemeinschaft ein
Gordon Welters/laif
Anke LübbertPR
24.09.2026
6Min

Frau Jantzen, wie haben Sie den Wahlabend erlebt?

Christine Jantzen: Es war ein echter Krimi. Ich war an diesem Tag in Westdeutschland, in Duisburg, und habe einen deutlichen Unterschied wahrgenommen. Die Menschen, mit denen ich zusammen vor dem Fernseher saß, waren auch schockiert. Aber mit einem anderen Abstand. Für sie blieb es abstrakt. Für mich war es existenziell. Ich habe schon vorher schlecht geschlafen.

Was hat Sie wachgehalten?

Ich kenne ja die Stimmung im Land. Ich fühle mich umzingelt von blauen Dörfern. Die AfD-Übermacht ist groß.

Es gab diesen Moment, in dem zwischen zwei Hochrechnungen eine stabile demokratische Mehrheit langsam drohte, außer Reichweite zu rutschen. Was sagen Sie zum Wahlergebnis?

Ich schaue natürlich zuerst auf meine Gemeinde. Wir sind immer noch die Gemeinde mit den wenigsten Stimmen für die AfD. Das ist erleichternd. Andererseits habe ich auch einen Zuwachs. Bei der Bundestagswahl waren es noch 16 Prozent AfD, jetzt sind es 23,8 Prozent. Ich hatte befürchtet, dass es viel mehr sein würden.

Warum?

In den letzten Wochen sind Windkraft-Gegner durchs Dorf gezogen und haben versucht, Stimmung zu machen und die AfD als Verhinderer anzupreisen. Sie haben auch Märchen erzählt, zum Beispiel dass die Windräder an der zunehmenden Dürre schuld sind. Ich hatte die Sorge, dass sich das im Wahlergebnis widerspiegelt. Es waren dann nur fünf AfD-Wähler mehr.

Das ist nicht viel.

Für mich ist es trotzdem schwer. Ich kenne ja jeden. Ich bin mit fast allen im Gespräch.

Was denken Sie, warum wählen in Kieve sogar noch weniger Menschen AfD als in den großen Städten?

Das weiß ich nicht.

Was machen Sie anders?

Ich bin keine Politikerin. Ich agiere nicht politisch. Ich versuche immer, bei den Menschen zu sein. Egal, ob die rechts, links, klug oder nicht so klug sind. Ich habe auch Menschen in meiner Gemeinde, die ich persönlich eher unsympathisch finde. Aber als Bürgermeisterin muss mir das egal sein. Die Person ist auch ein Bürger, mit ihr muss ich mich auch beschäftigen.

Fällt es Ihnen leicht, mit den Leuten im Gespräch zu sein?

Ich habe ein christliches Weltbild, Nächstenliebe ist für mich ein hoher Wert. Das hilft. Aber ohne Interesse ginge das nicht. Ich finde es wirklich interessant, was die Leute reden, frage mich, was sie beschäftigt. Ich will das wirklich wissen. Und ich habe kein Problem mit Smalltalk.

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Wie gehen Sie mit Gegenwind um?

Alle wissen, wenn jemand rechte Parolen oder Verschwörungserzählungen teilt, dass die Bürgermeisterin dann sofort mit Argumenten kommt. Ich kann das machen, weil ich mich auf der anderen Seite stark für die Gemeinde einsetzen. Und das wissen auch alle.

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Haben Sie ein paar Beispiele?

Wir haben ein Gemeindezentrum mit einem schönen Saal. Das hat zur Zufriedenheit wahnsinnig beigetragen. Die Leute lieben es. Erntedank und Weihnachten sehe ich da fast alle, zwischendurch organisiere ich kulturelle Veranstaltungen. Zu den Tanzcafés kommen eher die Älteren. Mit den Jüngeren machen wir Subbotniks, Arbeitseinsätze, um die Gemeinde zu verschönern. Gerade habe ich über Fördermittel ein Sonnensegel und neue Möbel für das Gemeindezentrum finanziert, weil manche der älteren Leute, mich eingeschlossen, auf den Bierbänken nicht mehr so gut sitzen können. Vorher musste ich mich um ein neues Gebäude für die Feuerwehr kümmern. Das ist übrigens alles mit einer unfassbaren Bürokratie verbunden. Und da sehe ich auch, dass viele ehrenamtliche Bürgermeister, die anders als ich vielleicht nicht Teilzeit arbeiten, das gar nicht leisten können. Ich habe einen Hochschulabschluss, aber manche von den Antragsformularen sind auch für mich zu komplex.

Wünschen Sie sich mehr Unterstützung?

Ich wünsche mir vor allem weniger Bürokratie. Unterstützung kann natürlich auch nicht schaden. Als wir auf der Suche nach einer Finanzierung für unser Gemeindezentrum waren, weil wir keinen Ort hatten, an dem wir feiern konnten, haben wir uns an Johannes Arlt (SPD) gewendet, der damals unser Bundestagsabgeordneter war. Er ist vorbeigekommen und hatte ein paar Ideen. Die haben zwar nicht geklappt. Aber bei den Bürgern ist das Gefühl hängen geblieben: Da ist mal einer da, der hat sich interessiert.

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23,8 Prozent von 85 Wählern sind 22. So viele Menschen in ihrem Dorf haben die AfD gewählt. Wissen Sie, warum?

Ich habe von Anfang an versucht zu verstehen, warum die so erfolgreich sind. Ich habe das aufgegeben. Es ist einfach nicht zu verstehen. Es gibt tausend Gründe. Und es gibt keinen Grund. Es ist eine diffuse Unzufriedenheit.

Wieso diffus?

Weil das oft nicht die Armen betrifft und auch nicht die Dummen. Die Leute können vom Glück gesegnet sein: zwei Autos, ein Boot, ein schickes Haus, gesunde Kinder. Und wählen die trotzdem. Ich denke, viele haben wir in der Corona-Pandemie verloren. Da ist richtig viel Schaden entstanden und Menschen haben das Vertrauen in den Staat verloren.

Was war das größte Versäumnis?

Dass die Politik nicht oder nur schlecht erklärt wurde und Leute, die sich nicht impfen wollten, abgestempelt und ausgegrenzt wurden. Und dass es hinterher keine Entschuldigung gegeben hat. Das vermisse ich bei unseren Bundespolitikern generell. Es gibt keine Entschuldigungen, niemand gibt zu, auch mal Fehler zu machen.

Wie geht es jetzt weiter?

Das wüsste ich auch gerne. Zusammen mit anderen Bürgermeistern und engagierten Menschen aus der Region habe ich das Bündnis Weitblick gegründet. Wir werden jetzt erstmal diskutieren müssen.

Was macht das Bündnis?

Wir wollten die Zufriedenheit in der Region erhöhen, um sichtbar zu machen, wie schön es in Mecklenburg zwischen den Seen ist. Was alles gut läuft und funktioniert. Wir haben Infoveranstaltungen zur Grundsteuer gemacht, die hier ein Reizthema war. Wahlomat-Partys. In der Lokalzeitung darüber geschrieben, warum wir gerne Bürgermeister sind. Hat alles nichts gebracht.

Oder doch, vielleicht würde das Wahlergebnis sonst ganz anders aussehen.

Das stimmt vielleicht. Wir waren ja auch nicht die einzigen. Seit Monaten haben sich in Mecklenburg-Vorpommern Menschen engagiert. Zum Beispiel im Netzwerk "Zusammen bewegen". Sie haben sich getroffen, um mit Leuten, die sie vorher nicht kannten, Kaffee zu trinken, Lieder zu singen, die Dörfer aufzuräumen. Das ist ja auch alles richtig und gut.

Ich glaube, es führt kein Weg daran vorbei weiterzumachen. Aber mir ist wichtig zu betonen, dass wir nicht alles reißen können. Man darf nicht vergessen, dass ein großer Teil der Frustration der Leute in Entscheidungen wurzelt, die nicht bei uns im Dorf und auch nicht in Schwerin getroffen wurden. Das ist die Bundespolitik, und die muss sich jetzt ändern.

Was muss sich ändern?

Die Politiker auf Bundesebene müssen mehr zuhören, sich für die Leute und ihre Lebenswirklichkeit interessieren, Fehler zugeben, wenn sie passieren. Und versuchen, wirklich etwas für die Menschen zu verbessern. Wenn einer wie Merz sich hinstellt und meint, alle, die nicht Vollzeit arbeiten, sind faul, dann fühlen sich die Menschen nicht wertgeschätzt, sondern verachtet. Auch seine Aussagen zur Rente als Basissicherung zum Beispiel haben viele hier empört.

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Kolumne

Christian Kurzke

Anke Lübbert wurde in Hamburg geboren und lebt seit vielen Jahren mit ihrer Familie in Greifswald. Dort schreibt und recherchiert sie über ostdeutsche Lebensläufe ebenso wie über die Gefahren, die der Gesellschaft durch Extremismus drohen. Und immer wieder gerne über die wunderbare Natur an der Ostseeküste.