Ein Fahrrad als mobile Praxis
Der Arzt der Verlorenen
Wenn Indrajit Ghosh in London aufs E-Bike steigt, macht er keine gewöhnlichen Hausbesuche: Der Arzt versorgt Menschen, die vom Gesundheitssystem übersehen werden
Oliver Wolff
Privat
16.08.2026 Deutschland. München. Oliver Wolff. © Oliver WolffOliver Wolff
19.09.2026
6Min

Donnerstagmorgen, kurz nach neun Uhr. Dr. Indrajit Ghosh schiebt sein Klinikmobil, ein E-Bike mit großen Frachtbehältern und einem Anhänger, auf die Straße und tritt in die Pedale. Hinter ihm liegen drei Tage Klinikdienst, vor ihm eine neue Tour durch London.

Ghosh, der 1968 in Neuss am Rhein geboren wurde, lebt seit 2008 mit seiner Partnerin in England. Sie hatten sich um die Jahrtausendwende in Tel Aviv kennengelernt, wo er als medizinischer Helfer an einer Klinik arbeitete. England wurde dann für das Paar der "Middle Ground" zum Leben und Arbeiten.

Heute arbeitet Ghosh dort seit fast 18 Jahren bei einem großen Krankenhausverbund und ist auf sogenannte blood borne diseases spezialisiert – Krankheiten wie HIV und Hepatitis, die über den Austausch von Körperflüssigkeiten übertragen werden. Vor allem aber kümmert er sich um Menschen, die vom Gesundheitssystem oft nicht erreicht werden.

Von der Klinik auf die Straße

Die Idee für das mobile Klinikprojekt kam ihm während der Pandemie, als das britische Gesundheitssystem an seine Belastungsgrenzen stieß. Was passiert mit den Menschen, die auf der Straße, mit einer Suchterkrankung, HIV oder Hepatitis leben und es gar nicht erst in die Klinik schaffen, fragte er sich.

Ein Glücksfall war die "Everyone's In"-Kampagne der britischen Regierung: Sie brachte viele obdachlose Menschen vorübergehend in Hotels unter. Dort konnte Ghosh sie erreichen und medizinisch versorgen. Das war ein Schlüsselmoment: "Ich habe gedacht: Das ist es! Wir müssen einfach zu den Menschen gehen!"

Nach der Pandemie fuhr Ghosh zunächst mit einem Auto seiner Klinik oder mit dem Bus zu seinen Klienten. Doch viele öffentliche Parks und Plätze, wo sich Menschen ohne Wohnung häufig aufhalten, waren damit schwer zu erreichen. So entwarf er für seine Touren ein Spezialfahrrad. Ein Freund aus Berlin setzte 2023 seinen Bauplan um und verschiffte das Fahrrad nach London. Ghoshs Klinikmobil war geboren.

Unterwegs zu Menschen, die sonst kaum erreicht werden

Inzwischen ist aus Ghoshs Idee ein offizielles Projekt seiner Klinik geworden. Drei weitere Kolleginnen und Kollegen sind für die Touren ausgebildet und unterstützen ihn. Er selbst fährt weiterhin zweimal pro Woche los, meistens donnerstags und freitags.

Viele der Klientinnen und Klienten auf seinen Touren kennt er seit Jahren. Er besucht sie zu Hause, bringt Medikamente vorbei und hilft auch bei Dingen, die über eine medizinische Behandlung hinausgehen. Für einige ist er nicht mehr nur ihr Arzt, sondern ein vertrauter Wegbegleiter und Unterstützer in diversen Lebenslagen geworden. Viele haben auch seine Privatnummer und melden sich, wenn er mit seiner mobilen E-Bike-Klinik mal wieder bei ihnen halten soll.

Dr. Indrajit Ghosh mit seinem Lastenfahrrad vor dem Euston Tower. In den Boxen transportiert er Medikamente, Schnelltests, eine Notfalltasche und eine Liege. Innerhalb weniger Minuten kann sein E-Bike so zu einer kleinen Praxis werden. Wohin er genau fährt, entscheidet sich häufig erst unterwegs – je nachdem, wer ihn anruft. Meistens ist er aber in zentralen Londoner Bezirken wie Camden oder in der City unterwegs oder nördlicher, etwa in Barnet, Haringey oder Enfield.

Aus Ghoshs Patient Andrew Stack ist über die Jahre ein guter Freund geworden. Stack lebt seit vielen Jahren mit einer Suchterkrankung und wusste lange nicht, dass er auch Hepatitis C hatte. Seine Partnerin starb an den Folgen ihrer Hepatitiserkrankung. Mutmaßlich hatte er sie angesteckt - was Stack sich bis heute nur schwer selbst verzeihen kann. Trotz seiner eigenen Schwierigkeiten kümmert sich Stack oft um andere. "Wenn er ein paar Tage nichts von jemandem hört, ruft er mich an und sagt: ,Schau doch mal nach ihm oder ihr‘", erzählt Ghosh.

Ghosh nimmt Andrew Stack Blut ab. Dafür nutzt er eine Vene am Hals, weil die Venen an Armen und Beinen durch den jahrelangen Konsum von Heroin und Crack kaum noch geeignet sind. Ausnahmsweise ist Stack dabei ganz still. "Normalerweise redet er ohne Pause", sagt Ghosh und lacht. "Manchmal muss ich ihm dann einfach sagen: Andrew, stopp. Aber das nimmt er mir zum Glück nie übel."

Stacks Drogenbesteck. Immer wieder sagt er Ghosh, dass er weniger konsumieren wolle, es aber nicht schaffe, ganz aufzuhören. Als der Arzt ihn fragt, ob er damit einverstanden sei, dieses Bild und die anderen zu veröffentlichen, sagt er: "Ja bitte, unbedingt. Ich hoffe, dass Kinder und Jugendliche, wenn sie diese Bilder von mir sehen, nie anfangen, Drogen zu nehmen."

Auf seinen Touren gehören verschlossene Türen für Ghosh zum Alltag. Viele seiner Patientinnen und Patienten schaffen es wegen ihrer Sucht oder anderer psychischer Erkrankungen nicht immer, Termine einzuhalten oder Besuch zu empfangen. Ghosh nimmt ihnen das nicht übel. "Ich habe einfach früh gelernt, dass eine Suchterkrankung kein geradliniger Weg zur Abstinenz ist. Da gibt es nun mal Tage, die sind ganz okay, aber eben auch verdammt beschissene Zeiten."

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Ghosh unterwegs mit seiner mobilen Klinik. "Was mich immer wieder antreibt, sind die Menschen, denen ich auf meinen Touren begegne. Sie sind wirklich das allergrößte Geschenk bei dieser Arbeit", sagt er.

Zu Hause bei Ghoshs Patient Michael Morris. Er lebt mit Autismus und ADHS sowie mit HIV und Diabetes. Besonders belastend für ihn war, als er nach einer Operation im März 2024 seine Wohnung lange nicht verlassen konnte, weil es dort keinen Aufzug gibt. Seine Suche nach einer barrierefreien Wohnung blieb bislang erfolglos.

Zu Ghoshs regelmäßigen Besuchen bei Morris gehört auch, Medikamente aus der Apotheke abzuholen und zu ihm zu bringen. Anfangs stellte er sie oft vor die Tür, weil Morris nicht wollte, dass Ghosh seine Wohnung betritt. Morris hatte Angst, dass sein Mitbewohner von seiner HIV-Diagnose erfahren könnte – HIV ist im Vereinigten Königreich bis heute mit Stigma verbunden. Inzwischen haben Morris und Ghosh ein enges Vertrauensverhältnis.

Ghosh behandelt Morris nach einem erneuten starken Ausbruch seiner Gürtelrose. Heute geht es ihm körperlich deutlich besser, als die Bilder vermuten lassen. Gleichzeitig belastet ihn der Tod seiner Großmutter, die vor zwei Monaten starb. Ghosh ist trotzdem erleichtert: "Er geht immer noch ran, wenn ich ihn anrufe, und ruft selbst ab und zu an. Das ist immer ein gutes Zeichen."

Bei einem Hausbesuch nimmt Ghosh seiner Patientin Elizabeth Hamilton Blut ab. Als sie sich kennenlernten, lebte sie noch auf der Straße. Ein befreundeter Peer Worker von Ghosh fand sie damals in einer U-Bahn-Station. Der Arzt half ihr, einen Platz in einer betreuten Wohnanlage zu finden. Nach einem Schlaganfall fiel ihr das Sprechen lange schwer. Fehlende Worte ersetzte sie oft durch "boum boum" oder sie griff auf Songs aus einer Playlist zurück, um ihre Gefühle auszudrücken.

Elizabeth Hamilton starb vor einigen Monaten an den Folgen eines zweiten Schlaganfalls. Ihr Leben war geprägt von Brüchen: Nachdem sie in Kanada straffällig geworden war – worum es genau ging, weiß Ghosh nicht –, wurde sie ausgewiesen und durfte aufgrund eines lebenslangen Einreiseverbots nie wieder zu ihrer Familie und ihrer Tochter zurückkehren. In England rutschte sie in eine Alkoholabhängigkeit. "In den letzten Jahren ging es ihr körperlich zum Glück wieder einigermaßen okay", so Ghosh. "Ich werde sie sehr liebevoll in Erinnerung behalten."

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