Ehrenamtliche Männerberatung
Kampf um die Kinder - hier bekommen Väter Hilfe
Weil Anwälte und Gerichte zu wenig Zeit haben, berät der ehemalige Familienrichter Hartmut Dihm Männer in Krisen. Er sieht, wie sich die Bemühungen der Väter um ihre Kinder verändert haben
"Die Wahrheit liegt oft in der Mitte"
Der ehemalige Familienrichter Hartmut Dihm berät Männer ehrenamtlich
Sima Deghani
01.05.2026
4Min

chrismon: Was machen Sie?

Hartmut Dihm: Ich berate Männer, die vor einer Trennung oder Scheidung stehen, zu Rechtsfragen, Unterhalt und Sorgerecht. Und ich höre auch einfach mal zu. Mit der Zeit wurde deutlich, dass viele eher eine Lebensberatung nötig haben.

Inwiefern?

Die Männer müssen einfach mal ihr Herz ausschütten. Bei ihren Anwälten und im Gericht ist dafür kaum Raum und Zeit. In unseren Gesprächen geht es viel um menschliche Fragen. Darum, wie man jetzt mit diesen Konflikten umgeht.

Was mir auch immer ein Anliegen ist: das Wohlergehen der Kinder. Wenn es um die Frage geht, wer in der ehemaligen Wohnung bleiben darf, leite ich die Aufmerksamkeit auch auf diese Fragen: Wie sehr werden Kinder durch einen Umzug aus ihrem sozialen Umfeld gerissen, was bedeutet das erfahrungsgemäß für sie? Das übersehen Erwachsene oft, wenn sie Konflikte miteinander haben.

Wie viel Zeit investieren Sie?

Ich hatte 15 bis 25 Beratungen pro Jahr, seit Corona weniger. Die Klienten melden sich mit Terminanfragen bei der Diakonie. Ein Gespräch dauert meistens etwa eine Stunde.

Warum machen Sie das?

In den letzten zehn Jahren meines Berufslebens war ich Richter am Familiengericht. Als es auf die Pension zuging, erzählte mir eine Anwältin von ihrem Engagement in der Frauenberatung und dass es so ein Angebot für Männer nicht gebe. Sie fragte mich, ob ich mir das vorstellen könnte. Vor circa 20 Jahren war das, und sehr lange war ich in Bayern ziemlich der Einzige.

Welche Eigenschaften sollte Ihr Nachfolger mitbringen?

In dem Fall sollte es tatsächlich ein Mann sein. Die Betroffenen sitzen im gerichtlichen Verfahren meist mehrheitlich oder ausschließlich zwischen Frauen. Vielen fällt es leichter, sich einem Mann anzuvertrauen. Außerdem: Geduld, Kenntnis im Familienrecht, und zuhören sollte man können.

Was berührt Sie?

Wie machtlos manche Väter gegenüber den Müttern sind, die beim Sorgerecht ihre Macht ausspielen – genau wie natürlich umgekehrt viele Männer beim Unterhalt. Aber mich erschüttert immer wieder, wenn Männer berichten, dass sie von ihren Frauen auch körperliche Gewalt erfahren, sich aber nicht wehren, aus Angst, dann ins falsche Licht zu geraten und als Aggressor dazustehen.

"Es gibt keine absolute Wahrheit, sondern sie liegt oft in der Mitte"

Hartmut Dihm

Sind Sie mal gescheitert?

Ein Fall war sehr frustrierend. Ich begleitete den Mann sieben Jahre lang, er kämpfte sehr um ein Umgangsrecht mit seinem Sohn. Sein Los war nicht leicht: Um den Sohn zu sehen, musste er in ein anderes Bundesland fahren, und seine Ex-Frau und ihre Familie erschwerten den Umgang auf vielerlei Weise.

Leider führte das immer wieder dazu, dass er im Gespräch mit ihr und in Briefen verbal über die Grenzen ging. Das war jeweils schwer auszubügeln und seinem Anliegen alles andere als zuträglich. Einerseits war es verständlich, er litt sehr. Aber nach sieben Jahren wusste ich auch nicht mehr, wie ihm noch helfen.

Gab es auch ein schönes Erlebnis?

Da kommt immer wieder dieser Satz: "Sie haben mir sehr geholfen." Er zeigt mir, dass ein Bedarf besteht. Eigentlich denke ich schon seit zehn Jahren ans Aufhören, aber der Satz lässt mich bisher weitermachen. Einmal kam mehrere Wochen nach der Beratung ein Klient mit einem Geschenkkorb daher, das hat mich doch sehr berührt.

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Was war für Sie anfangs überraschend?

Als ich anfing, veröffentlichte die Diakonie natürlich mein Angebot. Ein früherer Mitschüler aus meiner Abiturklasse entdeckte es. Wir hatten seit vielen Jahren keinen Kontakt mehr. Er brauchte eine Beratung – vergewisserte sich aber zuerst, ob ich sein ehemaliger Klassenkamerad war. Ich konnte ihm helfen, und wir blieben in Kontakt.

Und was war neu für Sie?

Als Richter hatte ich immer beide Seiten vor mir sitzen, in der Beratung erfahre ich nur eine Version der Geschichte. Aber es gibt keine absolute Wahrheit, sondern sie liegt oft in der Mitte, denn jeder Mensch hat seine eigene Wahrheit. Meine Standardeinleitung zu Ratschlägen ist: "Wenn es sich wirklich so verhält, wie Sie es mir schildern, dann …"

Hat sich in der Zeit etwas verändert?

Das Engagement der Väter und ihre Bemühungen um die Kinder haben stark zugenommen. Früher hatten viele Männer kaum Bindung an ihre Kinder, und der Streit ums Sorgerecht war Teil eines Machtkampfes und ein Mittel einiger Männer, den Frauen eins reinzuwürgen. Mittlerweile ist es den Männern ein starkes Anliegen, Teil des Lebens ihrer Kinder zu sein.

Hat das System in Deutschland an einigen Stellen Verbesserungsbedarf?

Ein besserer Personalschlüssel an den Gerichten wäre sicherlich hilfreich für mehr Gerechtigkeit. Die Richterinnen und Richter könnten sich mehr Zeit nehmen, das wäre für die Betroffenen förderlich, vor allem für die Kinder! Im Moment passiert am Familiengericht ja "Massenabfertigung".

Was haben Sie aus den Jahren der Beratung für sich mitgenommen?

Wie wichtig es ist, die eigene Beziehung und Ehe pfleglich zu behandeln.

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