ASMR-Videos
Entspannen zu Knistern und Schmatzen
Ein Kribbeln im Nacken und dann folgt die Entspannung. In ASMR-Videos wird geflüstert, geschmatzt oder geknistert. Gerade Traumapatienten könnten davon profitieren, aber auch viele andere
Das Geräusch von knisternder Folie ist ein möglicher ASMR-Trigger
Lyubov Smirnova / Getty Images
Astrid van Kimmenade
02.06.2026
7Min

chrismon: Der Trend von ASMR, also Autonomous Sensory Meridian Response, und Videos dazu – was ist das?

Tobias Lohaus: Im Kern ist ASMR eine sensorische Reaktion, eine kribbelnde Empfindung an bestimmten Körperteilen wie dem Hinterkopf und dem Nacken. Bei manchen Menschen wandert es Schultern, Arme und Beine herunter. Es tritt häufig in Wellen auf und kann sich wie sanfte elektrostatische Entladungen anfühlen.

Viele empfinden das als angenehm und beruhigend, manche schlafen leichter damit ein. Dafür sind bestimmte Reize wie Flüstern, Klopfgeräusche oder fürsorgliche Handlungen anderer Menschen nötig, die ich in der realen Welt sehe und höre oder in einem Video.

privat

Tobias Lohaus

Tobias Lohaus ist Psychologe, Psychotherapeut in Ausbildung sowie Wissenschaftler am Neuropsychologischen Therapie Centrum an der Ruhr-Universität Bochum. Neben ASMR forscht er zu weiteren digitalen Interventionsmöglichkeiten, um bei Menschen mit erworbener Hirnschädigung die Einschränkungen sozialer Fähigkeiten zu behandeln.

Wie sind Sie auf ASMR gestoßen?

Als Student fühlte ich mich während einer Klausurenphase stark gestresst und habe im Internet nach Videos mit Entspannungstechniken und geführter Meditation gesucht. Dabei habe ich ASMR-Videos gefunden und mir neugierig eines angeschaut, ohne mehr darüber zu wissen.

Ich war überrascht von der Wirkung: Ich spürte ein Kribbeln im Nacken und am Hinterkopf und war freudig erregt. Das ging in eine zweite Phase über, bei der ich das Gefühl hatte, dass alles gut ist, und ich angenehm beruhigt war.

War das eine typische Erfahrung?

Ja, diese körperlichen Empfindungen und die Entspannung erleben viele ähnlich. Erste Studien haben gezeigt, dass die meisten der sogenannten Responder auf Flüstern und knisternde Geräusche reagieren. Daneben sind leises Tippen, Klopfen oder Kratzen typische Trigger. Aber auch sanfte Bewegungen oder Essensgeräusche. Flüstern ist nicht zwingend nötig, aber eine gesenkte Stimme vermittelt mehr Ruhe.

Viele genießen es, die ungeteilte Aufmerksamkeit einer Person zu haben, wenn sie zum Beispiel bei Rollenspielen von einer Youtuberin, die eine Ärztin imitiert, gefühlt persönlich angesprochen werden. Sie haben den Eindruck, diese wendet sich ihnen zu und ist für sie da, das ist für viele ebenfalls ein Trigger für Beruhigung.

Wie funktioniert ASMR genau? Was haben Ihre Forschungen dazu ergeben?

Unsere Auswertung zeigt, dass rund ein Drittel der Menschen die Autonomous Sensory Meridian Response erleben. Es gibt erste Hinweise, dass sie eher psychisch labil sind. Jüngere scheint das Phänomen gegenwärtig mehr zu begeistern, vielleicht weil sie offener sind oder sich häufiger im digitalen Raum bewegen. Bei den meisten ruft ASMR kurzzeitig positive Effekte hervor: Die Stimmung hebt sich, der Herzschlag verlangsamt sich, und der Blutdruck sinkt. Manche können leichter einschlafen.

Die Forschung zu ASMR steht allerdings noch am Anfang. Bei unserer thematischen Übersichtsarbeit haben wir aus 1000 Fachartikeln gut 50 herausgefiltert, die wissenschaftlichen Standards entsprechen. Die bisherigen Studien zeigen, dass beim Anschauen und Anhören der Videos vor allem zwei Areale im Gehirn stimuliert werden.

Man misst die elektrische Aktivität per EEG (Elektroenzephalografie) und die Sauerstoffveränderungen im Blutfluss per fMRT (funktionelle Magnetresonanztomografie). Auf den so erzeugten Bildern kann man sehen, dass die sogenannte vordere Cingulat-Rinde aktiviert wird. Sie gehört zu einem speziellen Netzwerk im Gehirn, das auf Triggerreize wie die ASMR-Videos mit Aufmerksamkeit reagiert.

Die Forschung vermutet, dass ASMR das parasympathische Nervensystem aktiviert und so den Körper in einen Ruhemodus versetzt. Als Botenstoffe werden mutmaßlich Dopamin, Serotonin und auch Oxytocin freigesetzt, das als Bindungs- und Kuschelhormon gilt. Außerdem reagiert das sensomotorisch-motorische Gehirnareal. Die sinnlichen Reize, die man im Video sieht, führen zu dem Gefühl, selbst berührt zu werden. Langzeiteffekte von ASMR konnten allerdings bisher wissenschaftlich nicht nachgewiesen werden.

Warum reagieren manche Menschen nicht auf ASMR, und wie kann ich ausprobieren, ob ich dazugehöre oder nicht?

Warum jemand keine Reaktion zeigt, wissen wir leider noch nicht. Manche empfinden die Geräusche der Videos als unangenehm und stressig. Einige Menschen reagieren auch erst zu einem späteren Zeitpunkt. Erst finden sie einen Darsteller unsympathisch oder können mit einem bestimmten Inhalt nichts anfangen, und bei einem anderen Protagonisten oder einer anderen Tätigkeit funktioniert es dann.

"Wenn man empfänglich für ASMR ist, hat es den großen Vorteil, dass man dafür nicht extra üben muss"

Tobias Lohaus

Manche reagieren vielleicht auf leise Wassergeräusche nicht, können aber gut entspannen, wenn sie zuschauen, wie eine Massage umgesetzt wird. Die Hauptkategorien sind Geräusche wie Knistern, Zerreißen oder Klopfen (das sogenannte Tapping Objects), Massage, leise Laute beim Essen und Rollenspiele wie etwa ein Besuch beim Friseur, der Kosmetikerin oder der Ärztin.

Das alles und weitere Kategorien sind im Internet kostenlos verfügbar, wenn man das Suchwort "ASMR" eingibt. Eine Auswahl von ASMR-Videos zum Selbstcheck findet sich auch auf der Website des Neuropsychologischen Therapie Centrums.

Ist ASMR effektiver als Entspannungsmethoden wie autogenes Training oder Meditation? Oder zieht es nur mehr Menschen an, weil es leichter konsumierbar ist?

Es ist einfacher zugänglich. Wenn man empfänglich für ASMR ist, hat es den großen Vorteil, dass man dafür nicht extra üben muss. Emotionsregulation durch bestimmte Methoden wie autogenes Training zu lernen und selbstwirksam einsetzen zu können, ist trotzdem immer sinnvoll. Ich sehe ASMR als gute Ergänzung dazu.

Was ist der Unterschied zu Videos mit Meditationsmusik oder Naturgeräuschen?

Das ist kein großer Unterschied, ASMR kann auch durch Meditationsmusik oder Naturgeräusche ausgelöst werden. Dies scheint jedoch nur bei einer kleineren Gruppe zu funktionieren. Speziell produzierte ASMR-Videos lösen ASMR deutlich zuverlässiger aus.

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Gibt es eine Überschneidung von ASMR- und pornografischen Videos?

Manche Darsteller haben sowohl einen Porno- als auch einen ASMR-Kanal, wobei auf dem Pornokanal dann zum Beispiel Sextoys präsentiert werden. Dies ist jedoch eher selten. Dazu passt, dass laut einer Studie nur fünf Prozent der Nutzer ASMR-Inhalte für sexuelle Stimulation nutzen. Es geht weniger darum, auf einen sexuellen Höhepunkt zuzusteuern, als sich zu entspannen.

Wie lässt sich ASMR therapeutisch einsetzen?

Wir müssen noch erforschen, für welche Patientengruppen ASMR gut geeignet ist. Bei Menschen, die Ängste erleben, können ASMR-Videos kurzfristig beruhigen. Bei Menschen mit Depressionen kann es möglicherweise auch kurzfristig die Stimmung verbessern, wird aber auch kritisch gesehen, weil dadurch ein passiver Lebensstil gefördert werden könnte.

Traumapatienten sollten unter Umständen zuerst die Beschreibung der Videos lesen, um keine Verschlechterung ihres Zustands zu riskieren. Wir gehen davon aus, dass stärker beeinträchtigte Menschen stark profitieren, etwa Patienten mit einem Schädel-Hirn-Trauma. Sie sind nicht in der Lage, eine Entspannungsmethode zu lernen und auszuführen, aber sie können ein Video ansehen.

"ASMR stellt die Illusion persönlicher Aufmerksamkeit her, obwohl man allein in der Wohnung ist"

Tobias Lohaus

Auch Unternehmen haben ASMR entdeckt und nutzen es gezielt, um etwa Schuhe und Autos in Videoclips damit zu bewerben. Diese Triggerreize treffen auf viele, die gar nicht wissen, was ASMR ist. Ist das nicht manipulativ?

Es sind nicht nur Unternehmen, die diese Trigger nutzen, um gezielt ein Produkt zu bewerben, das machen inzwischen auch bekannte ASMR-Influencer. Auf jeden Fall sprechen Marken damit verstärkt eine jüngere Zielgruppe an. Unternehmen versuchen immer, mit ihrer Werbung Konsumenten zu beeinflussen und bei ihnen bestimmte Emotionen auszulösen.

Manipulation würde ich das bei ASMR eher nicht nennen, dazu müsste das unbemerkt geschehen. Das ist aber nicht der Fall, da ich das Kribbeln als Reaktion auf den ASMR-Reiz und die dann folgende Entspannung deutlich spüre. Ob dieser kurzfristige Effekt später meine Kaufentscheidung beeinflusst und ob das in stärkerer Form als bei anderen Werbespots passiert, müssten Wirtschaftspsychologen noch genauer erforschen.

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Warum kam der Boom gerade mit Corona auf? Was bedeutet das gesellschaftlich?

Während der Corona-Pandemie waren viele allein zu Hause, und für sie waren ASMR-Videos nicht nur ein Mittel für körperliche und seelische Entspannung, sondern sie fühlten sich auch von der positiv gestimmten, überaus freundlichen ASMR-Community unterstützt. Das war in diesen schwierigen Zeiten eine Art sicherer Rückzugsort im digitalen Raum. Einsamkeit ist weiter ein großes gesellschaftliches Thema, und der ASMR-Boom hat in den letzten Jahren noch zugenommen.

Ein ASMR-Video, bei dem eine Influencerin, die sich als "Freundin" bezeichnet, das Mikro streichelt und damit gefühlt einen selbst, damit man besser einschläft, stellt die Illusion persönlicher Aufmerksamkeit her, obwohl man allein in der Wohnung ist. Dazu kommt, dass der Corona-Digitalisierungsschub inzwischen nicht nur die berufliche Sphäre erfasst hat, sondern das komplette Leben. Kein Wunder, dass sich auch immer mehr Menschen online entspannen.

Womit beschäftigt sich Ihre nächste Studie zum Thema ASMR?

Für Stressbewältigung durch Achtsamkeit, bei der es darum geht, den Augenblick wahrzunehmen, ist bereits wissenschaftlich nachgewiesen, dass regelmäßiges Praktizieren hilft, auf Dauer besser zu entspannen. Wie das Prinzip der Achtsamkeit richtet auch ASMR den Fokus auf den aktuellen Moment. Wir wollen erforschen, ob es beim regelmäßigen Konsum von ASMR-Videos langfristige Effekte gibt.

Außerdem wollen wir überprüfen, ob es für das ASMR-Erleben zwingend nötig ist, dass man sich ein Video anschaut, oder ob auch eine Live-Situation als Trigger wirken kann. Dabei würden sich die Testpersonen und die ASMR-Protagonisten im selben Raum aufhalten. Der Inhalt der Situation wäre wie in den Videos, dass zum Beispiel eine Testperson einer ASMR-Protagonistin beim Erzeugen bestimmter knisternder oder raschelnder Töne zuschaut und zuhört oder von ihr ohne Körperkontakt in Rollenspiel-Manier vermeintlich geschminkt wird.

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