Dieses Bild zeigt Georgia Meloni in der Natur, beim G7 Gipfel im Juni 2025
Giorgia Meloni gibt sich gern friedensliebend wie die literarische "Möwe Jonathan"
Filippo Attili / IMAGO
Giorgia Meloni und der Faschismus
Giorgia Meloni, die "Möwe"?
Eine Dokumentation auf Arte fächert auf, was die italienische Ministerpräsidentin geprägt hat: eine Kindheit als Außenseiterin, ein schwieriges Verhältnis zum Vater - und zwei Bücher, die überraschen
(Berlin) 11.02.16; Dr. Johann Hinrich Claussen, Portraet, Portrait; Kulturbeauftragter des Rates der EKD, Leiter des EKD-Kulturbueros, evangelischer Theologe Foto: Andreas Schoelzel/EKD-Kultur. Nutzung durch und fuer EKD honorarfreiAndreas Schoelzel
20.03.2026
3Min

Immer noch machen es sich viele Freunde der offenen Gesellschaft zu einfach. Was da von rechts her droht, schauen sie sich nicht genau an, sondern begnügen sich damit, es mit einem schlichten Etikett zu belegen. So verstehen sie wichtige Akteure nicht, verpassen überraschende Dynamiken und können sich kein richtiges Urteil bilden.

Deshalb möchte ich die zweiteilige Dokumentation "Giorgia Meloni: Die Macht des Clans" empfehlen, die leider nur noch bis zum 26. März in der Arte-Mediathek zu sehen ist. Hier kann man beispielhaft erfahren, wie irritierend-interessant die Nahaufnahme einer "rechten" Politikerin sein kann.

Meloni wurde 1977 Jahren in Rom geboren und wuchs in einem der ärmeren Stadtteile als Tochter einer alleinerziehenden Mutter auf. Die Mutter war Faschistin. Der Vater war Kommunist und zog auf die Kanaren, als Giorgia ein Jahr alt war. Erst besuchte sie ihn noch regelmäßig, doch dann brach sie mit ihm im Alter von zwölf Jahren. Früh schloss sie sich einer rechtsextremen Jugendgruppe an. Das Gefühl, eine Außenseiterin zu sein, muss sie seit Kindheit und Jugend begleitet und geprägt haben. Im sozialen und politischen Abseits bildete sie mit Gleichgesinnten eine enge Verbindung, die sie gemeinsam bis in höchste Staatsämter führen sollte.

Zwei Faktoren waren – neben dem Ressentiment gegen die arrivierten Liberalen und Linken – besonders wirksam. Zum einen pflegt Meloni mit ihren Freunden einen befremdlichen Opferkult: In ihrer Jugendzeit waren zwei der ihren bei einer Schlägerei mit der linksextremen Konkurrenz getötet worden. Ihr Andenken als Märtyrer wird seither mit nicht nachlassender Intensität und faschistischer Symbolik begangen. Wieder einmal zeigt sich, welch fatale Macht ein "Opfer" ausüben kann.

Der andere Faktor war die Literatur, genauer gesagt zwei Bücher, die Meloni mit ihren Freunden wieder und wieder gelesen hat. Denn sie halfen ihnen, ihr faschistisches Erbe in die Gegenwart zu holen. Sie hatten bemerkt, dass sie mit den alten Sprüchen und Texten der Mussolini-Tradition in der Vergangenheit feststeckten. Deshalb suchten sie Inspirationen, um das "Rechte" moderner und attraktiver zu formulieren.

Dabei half ihnen – nicht sonderlich überraschend – der "Herr der Ringe" von J.R.R. Tolkien. Natürlich, diesen Fantasy-Klassiker kann man sehr unterschiedlich lesen: als Unterhaltung, als christlichen Mythos, aber auch als Blaupause für einen post-faschistischen Rechtsextremismus. Gut und Böse stehen sich in einem Endkampf gegenüber – wobei die Guten weiß und die Bösen dunkelhäutig sind. Die kleine, aber ethnisch homogene Gruppe der Hobbits soll gewinnen.

Das zweite Buch, das Meloni und ihre Freunde als Jugendliche verschlangen und bis heute zitieren, ist der 1970er Jahre-Bestseller "Die Möwe Jonathan" von Richard Bach. Das hat mich überrascht. Ich habe das Buch nie gelesen, weil ich dachte, dass es ein Erbauungsbuch für Hippies sei. Dass man es auch rechtsextremistisch lesen kann, war mir neu.

Die Möwe Jonathan ist anders als ihre Artgenossen. Ihr geht es nicht nur um Fressen und Ausruhen. Sie will eine vollkommene Flugkünstlerin werden. Deshalb wird sie von den anderen gemobbt. Sie stirbt und findet im Jenseits Gleichgesinnte, mit denen sie nach fliegerischer Vollkommenheit strebt – aber nicht nur dies, sie entdeckt auch den Wert von Barmherzigkeit und Nächstenliebe. Damit kehrt sie zur Erde zurück, um ihre Einsichten an junge Möwen weiterzugeben.

Was hat Meloni und ihre Freunde so an diesem Buch fasziniert, dass sie sich selbst "Die Möwen" nannten? Vielleicht war es die nicht näher bestimmte, irgendwie buddhistisch angehauchte Spiritualität. Die christlichen Tugenden der Nächsten-, Fernsten- und Feindesliebe waren es wohl eher nicht. Bestimmt aber hat sie dieses eigentümliche Elitenbewusstsein derer angesprochen, die sich von der Mehrheitsgesellschaft verachtet fühlen.

Was folgt daraus für die Beurteilung der Politik von Meloni? Eine Faschistin alter Prägung ist sie nicht mehr – dank den Hobbits und der Möwe Jonathan. Ihr Rechtsextremismus hat eine neue Gestalt gefunden. Zudem ist aus der Außenseiterin die Staatschefin geworden. Das muss aber nicht bedeuten, dass die alten Ressentiments sie verlassen haben.

Meloni gibt sich in der Öffentlichkeit gemäßigt, kann aber immer noch Hetzreden halten, wenn es passt. Auch das zeigt die Dokumentation eindrucksvoll. Nach außen hin betreibt Meloni mit ihren Weggenossen eine nationalkonservative Realpolitik, aber gerade in der Kulturpolitik zeigt sich ein schärferer Elan. Was dies langfristig für Italien und Europa bedeutet, ist schwer einzuschätzen. Auch lässt sich nicht sagen, wie lange noch die Möwe Giorgia kunstvoll am politischen Himmel fliegen wird.

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Kolumne

Johann Hinrich Claussen

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur