Viele Menschen fühlen sich im Berufsalltag schuldig – etwa wenn sie krank waren, Aufgaben ablehnen oder Erwartungen anderer nicht erfüllen können
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Schlechtes Gewissen
Schuldgefühle im Job loswerden
Krankheit, Familienstreit oder falsche Glaubenssätze: Das schlechte Gewissen im Job kann unterschiedliche Gründe haben. Diplom-Psychologe Joachim Hipp weiß, wie man die Ursache entdeckt und was hilft
Astrid van Kimmenade
17.03.2026
5Min

chrismon: Wann fühlen sich Menschen im Job schuldig?

Joachim Hipp: Jemand hat ein schlechtes Gewissen, weil er oder sie über mehrere Wochen oder Monate krank war und die anderen die Aufgaben notgedrungen mit übernommen haben. Zurück am Schreibtisch versucht er mehr zu arbeiten, als für ihn gut ist. Er fühlt sich stark verantwortlich gegenüber dem Team und der Aufgabe und will so sein schlechtes Gewissen kompensieren.

Oft überlastet er oder sie sich so und wird gleich wieder krank. Wenn ich frage, ob er seine Arbeit "dosiert" wieder aufnehmen könnte, sagt er, dass er sich dann noch schuldiger fühlen würden. Im nächsten Schritt überlegen wir gemeinsam, wie er sich verantwortlich verhält - sowohl den Teammitgliedern als auch der eigenen Gesundheit gegenüber.

Business PortraitMarkus Püttmann

Joachim Hipp

Joachim Hipp, Diplom-Psychologe, arbeitet als systemischer Coach. Gemeinsam mit seiner Frau führt er das Institut für systemische Organisations- und Karriereberatung Wengel & Hipp mit Sitz in Frankfurt. Er ist seit 1998 Lehrtrainer am isb Wiesloch für die Themen Coaching und Teamentwicklung. Seine Schwerpunkte sind Businesscoaching, Karrierecoaching, Coaching bei Führungswechsel, in Change-Prozessen und Stresssituationen.

Wie funktioniert das praktisch?

Erfahrungen, die Menschen in ihrer Kindheit geprägt haben, stehen einer guten Lösung oft im Weg. Sie haben gelernt, nach Maximen zu handeln wie "Ich muss es allen recht machen" oder "Ich muss perfekt sein". Diese sogenannten Glaubenssätze funktionieren wie automatische Antreiber, die man als Erwachsener üblicherweise nicht hinterfragt. Sie tragen einen meist eine ganze Zeit gut und erfolgreich durch den Job. Allerdings entpuppen sie sich in manchen Lebenssituationen als dysfunktional.

Wenn man die Schuldgefühle, die mit ihnen verbunden sind, loslassen will, hilft es, neue erweiterte Glaubenssätze zu entwickeln, wie: "Auch, wenn ich mich noch etwas schuldig gegenüber den Kollegen fühle, die meine Arbeit übernehmen mussten, achte und akzeptiere ich mich so, wie ich bin und mit dem, was ich im Moment leisten kann." Oder: "Ich darf ein für mich stimmiges Maß an Leistung entwickeln und so meine Kollegen nach und nach nachhaltig unterstützen."

Wie oft begegnet es Ihnen, dass jemand "Ja" sagt, um ein schlechtes Gewissen zu vermeiden?

Häufig! Das passiert zum Beispiel, wenn eine Psychotherapeutin in einer Region mit zu wenigen Praxen weitere Klientinnen annimmt, obwohl ihre Praxis bereits voll ist. Sie würde sich dann schuldig fühlen, wenn sie diese Menschen ihrem Schicksal überlässt. Dabei müsste sie sich schützen, indem sie Klienten ablehnt, damit sie auf Dauer ihre Leistung erbringen kann.

Oft gerät aus dem Blick, was der Preis für das Jasagen ist. Ich arbeite mit den Klienten heraus, wozu sie "Ja" sagen, wenn sie "Nein" sagen. Zum Beispiel sagen sie "Ja" dazu, die eigene Gesundheit zu schützen, angemessen viel Zeit für die eigene Familie zu haben oder auch nachhaltig seine Arbeit tun zu können.

Warum schauen Sie beim Thema "schlechtes Gewissen" auch auf die Organisation?

Die Psychotherapeutin im Beispiel gleicht strukturelle Mängel aus - dass von staatlicher Seite nicht mehr Kassensitze für Therapeuten geschaffen werden. Das lässt sich auf Unternehmen übertragen, die keine neue Abteilung schaffen, keine weiteren Mitarbeitenden einstellen oder keine Hilfe von Zeitarbeitsfirmen in Anspruch nehmen.

Wenn man ständig Überstunden macht, weil es im Team einfach an Leuten fehlt, wird sich nie etwas ändern. Erst, wenn man das lässt, können Vorgesetzte und Organisationen erkennen, dass andere Strukturen nötig sind. In diesem Sinn bedeutet "Neinsagen" eine Mitverantwortung zu übernehmen, dass diese Lernprozesse stattfinden.

Weshalb kann ein Blick auf die Herkunftsfamilie wichtig sein?

Manchmal sieht man erst keinen Grund, warum jemand ein schlechtes Gewissen haben sollte. Ich erinnere mich an einen Geschäftsführer, der sehr gut in seinem Job war, aber seinen Erfolg überhaupt nicht genießen konnte. Immer hatte er das Gefühl, nicht gut genug zu sein.

Als ich fragte, wie seine Familie mit Anerkennung umging, erzählte er, dass seine Schwester ihn seit Jahren schlechtmachte und als schlimmen Kapitalisten bezeichnete: "Du bist ja nur so erfolgreich, weil du so raffiniert bist." Wie kam es dazu? Der Bruder hatte in der Familie bessere Chancen gehabt als seine Schwester, bei der das Geld für eine gute Ausbildung nicht mehr reichte.

"Arbeiterkinder fühlen sich häufig wie eine Lok, abgekoppelt vom Zug der Herkunftsfamilie"

Joachim Hipp

Durch das Coaching spürte er, dass es ihm leidtat, dass seine Schwester schlechtere Möglichkeiten hatte als er. Er sagte ihr das und fragte, ob sie seinen Weg würdigen und sich für ihn freuen könne, was sie bejahte. Es stellte sich heraus, dass sie den Bruder abgewertet hatte, weil sie selbst fand, nicht genügend aus ihrem Leben gemacht zu haben. Deshalb sollte seine Leistung auch weniger gelten.

Durch den Dialog gelang es beiden, die Situation neu zu betrachten, die Vollwertigkeit und Eigenart des anderen anzuerkennen und gemeinsam zu überlegen, wie sie jeweils das ihnen entsprechende "Beste" entwickeln können.

Wieso haben sogenannte Arbeiterkinder häufig ein schlechtes Gewissen?

Bei "Arbeiterkindern", die studieren und Karriere machen, gibt es manchmal ungute Familiendynamiken. Ihre Eltern können häufig wenig mit dem Erfolg, den Tätigkeiten im Job oder dem Interesse, sich persönlich zu entfalten, anfangen. Das führt leicht zu einem Dilemma: "Wenn ich meinem beruflichen Weg folge, gehöre ich nicht mehr dazu. Wenn ich ihm nicht folge, bleibe ich mir etwas schuldig."

Arbeiterkinder fühlen sich häufig wie eine Lok, abgekoppelt vom Zug der Herkunftsfamilie, vor allem dann, wenn ihre Eltern nicht dieselben Möglichkeiten hatten oder mit Unverständnis oder Abwertung auf ihre Entwicklung schauen. Dieses schlechte Gewissen kann sich auflösen, wenn sie den beruflichen Erfolg in den Dienst eines größeren Ganzen einordnen können und ihm so eine neue Bedeutung geben: "Ich bin nicht nur erfolgreich für mich, sondern als Beitrag für meine Gruppe, Familie, Sippe."

Ein neuer möglicher innerer Leitsatz wäre: "Auch wenn ich erfolgreich bin, bleibe ich mit euch verbunden." Es geht dabei um meine eigene Haltung und meine Treue zu mir selbst, damit ich mich unabhängig und innerlich frei fühlen kann, auch wenn mir die Eltern keinen Schritt entgegenkommen.

Wir haben über Beispiele gesprochen, bei denen Schuldgefühle aus einem zu großen Verantwortungsgefühl entstanden sind. Kann das auch umgekehrt der Fall sein?

Schuldgefühle können auch darauf hinweisen, dass ich zu wenig Verantwortung für mein eigenes Verhalten übernehme. Zum Beispiel, wenn ich als Angestellter eine teure Weiterbildung zum MBA oder eine Coach-Weiterbildung bezahlt bekommen habe und kurz nach Abschluss der Maßnahme den Arbeitgeber wechsle. Um hier kein schlechtes Gewissen auszubilden, kann ich mich selbst fragen, was ein fairer Ausgleich oder verantwortliches Verhalten im Umgang mit dieser Situation wäre.

Sich das eigene schlechte Gewissen anzuschauen, ist unangenehm. Warum ist es trotzdem sinnvoll?

Wenn man sich mit den Ursachen seiner Schuldgefühle auseinandersetzt und es schafft, sie ein Stück weit aufzulösen, fühlt man sich freier und leichter. In Beziehungen zu anderen ist man dann weniger abhängig, sondern kann sich verbunden und in guter Weise zugehörig fühlen. Das sehe ich als schönen Lohn für diese Arbeit mit sich selbst.

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