Filmtipp der Woche
Tödliche Bewerbungsgespräche
Was bleibt vom Menschen, wenn der Job verschwindet? Die Kapitalismussatire "No Other Choice" nimmt mit schwarzem Humor und Groteske den Leistungswahn der Mittelschicht auseinander
Filmszene aus No Other Choice
Lee Byung-hun (bekannt aus "Squid Game") zieht als Man-soo tödliche Konsequenzen
MOHO Film
05.02.2026
3Min

Hat er wirklich keine andere Wahl? Man-soo sagt dieses "Keine andere Wahl" wie ein brutales Mantra immer und immer wieder vor sich her, um sich für seine Taten anzufeuern. Und doch bleibt es seine eigene Entscheidung: Aus der Überlegung, dass nicht die wenigen Jobs, sondern die vielen qualifizierten Anwärter das Problem seien, zieht der arbeitslos gewordene Familienvater mörderische Konsequenzen.

Zugegeben, die Fallhöhe in Park Chan-wooks Kapitalismussatire "No Other Choice" ist schmerzhaft: In einer Exposition, die an wunderbarem Kitsch schwer zu überbieten ist, zelebriert Man-soo eine Existenz, in der sich Leistung wahrhaft gelohnt hat. Der leitende Job in der Papierindustrie bietet die Grundlage für das perfekte Glück mit Ehefrau Mi-ri, zwei Kindern und zwei Golden Retrievern, einem Haus mit Garten und Gewächshaus, in dem er seiner Pflanzenliebe und dem Bonsai-Hobby frönen kann. Nur die tragische Schlagseite des Adagios aus Mozarts Klavierkonzert Nr. 23 kündigt an, dass diese Idylle nicht von Dauer ist.

© Plaion Pictures

Die Entlassung bei "Solar Paper" nach der amerikanischen Übernahme der Firma ist dann der Schock. Nicht nur wegen des bedrohten Wohlstands, sondern auch wegen der sozialen Degradierung, denn während Amerikaner einfach "gefeuert" werden, ist für Koreaner die Entlassung wie eine Hinrichtung: "Kopf ab!". Die Verzweiflung nimmt man Hauptdarsteller Lee Byung-hun ("Squid Game"), mit dem Park Chan-wook bereits bei seinem Erstling "Joint Security Area" 2000 zusammengearbeitet hat, ab. So kann man zwar nicht sagen, dass sein Man-soo sympathisch wäre – aber menschlich wirkt er auch in seinen monströsen Momenten.

13 Monate nach der Entlassung: Man-soo hat immer noch keinen adäquaten Job gefunden und jobbt als Aushilfe in einem Supermarkt. Auch Mi-ri (Son Ye-jin) hat wieder zu arbeiten begonnen, und viele Annehmlichkeiten des Familienlebens sind gestrichen. Schlimmer noch als die Aufgabe des Zweitautos, die Übergabe der Hunde in die Hände der Großeltern und sogar die Kündigung des Netflix-Abos wiegt der anstehende Verkauf des Hauses. Man-soos Schmerzgrenze ist erreicht – er zieht in den Krieg, und die Feinde sind seine direkten Konkurrenten um die guten Jobs in der Papierbranche.

Park Chan-wooks Adaption verlegt Westlakes Story nicht nur in den kulturellen Kontext Koreas, sondern legt im Vergleich zur Erstverfilmung ein paar Schippen an Groteske und Grausamkeit drauf. In virtuoser Inszenierung mit lustvoll-boshaftem, doch nicht herzlosem Drive zieht er uns in die Spirale von Man-soos "Bewerbungsstrategie" hinein. So findet er einen raffinierten Weg, die gefährlichsten Mitbewerber zu identifizieren: Er gibt selbst ein Inserat der erfundenen Fabrik "Moon Paper" auf, mit der Bitte um aussagekräftige Bewerbungen, selbstverständlich nur in Papierform.

Man-soos weiteres Vorgehen stellt sich allerdings als pannenanfällig heraus und führt stellenweise in pures Chaos. "No Other Choice" erzählt das mit viel schwarzem Humor, der sich sowohl aus Situations- und Dialogkomik, als auch aus schwungvollem, bisweilen rustikalem Slapstick speist. Auch drastische Grausamkeiten spielen dabei eine Rolle, erscheinen allerdings nie als Selbstzweck, sondern treiben das Zusammenspiel von Tragik und Absurdität auf die Spitze – im Dienst der schmerzhaften Satire.

Thematisch mögen Vergleiche zu Bong Joon-hos Oscargewinner "Parasite" naheliegen, doch während dieser den Fokus auf Klassenunterschiede legt, lotet Park Chan-wook in "No Other Choice" den Geist der Mittelschicht im Kapitalismus aus. Zentral bleibt die Frage nach der Identität in der Leistungsgesellschaft: Sind wir unser Job? Was sind wir ohne ihn? Wie flexibel ist unsere Moral, wenn es um Statuserhalt geht? Und warum sehen wir den Feind nicht im unmenschlichen System, sondern in Menschen, die demselben Druck wie wir ausgesetzt sind?

Das Ende schließlich setzt meisterhaft die tiefe Melancholie hinter der Groteske von "No Other Choice" ins Bild – und führt den erbitterten Kampf von Man-soo um seine Würde gänzlich ad absurdum.

Südkorea 2025. Regie: Park Chan-wook. Buch: Park Chan-wook, Lee Kyoung-mi, Jahye Lee, Don McKellar. Mit: Lee Byung-hun, Son Ye-jin, Park Hee-soon, Lee Sung-min. Länge: 139 Min. FSK: ab 12.

Infobox

Weitere aktuelle Filmkritiken, Trailer und TV-Tipps finden Sie auf epd-film.de.

Die Kommentarfunktion ist nur noch für registrierte Nutzer verfügbar. Um einen Leserkommentar schreiben zu können, schließen Sie bitte ein Abo ab, schreiben Sie uns eine Mail an leserpost@chrismon.de oder diskutieren Sie auf Instagram, Facebook und LinkedIn mit.