25 Jahre Wandel im Gallus in Frankfurt am Main
Dichtmachen oder bleiben?
Die Mieten steigen, Läden stehen leer und Investoren bauen Luxusapartments. Was macht das mit einem Stadtviertel und seinen Menschen? Fotograf Bernd Roselieb dokumentiert seit 25 Jahren den Wandel im Gallus in Frankfurt am Main
Snjezana Zarko in ihrem Friseursalon im Gallusviertel
1999 war Snjezana Zarko (links) angestellt, heute ist sie die Chefin (rechtes Bild)
Bernd Roselieb
22.12.2023
10Min

Da ist zum Beispiel Doris Mayer, eine schlanke Zweiundsiebzigjährige mit blondem Haar. Seit über 40 Jahren lebt und arbeitet sie im Gallus, Frankfurts Bezirk mit den meisten Einwohnern. Sie ist Bestatterin, ihr Laden liegt an der Mainzer Landstraße, der Hauptverkehrsader ihres Viertels. Straßenbahnen rattern zum nahen Hauptbahnhof, Autos kriechen von Ampel zu Ampel. Im Erdgeschoss eines alten Hauses mit hohen ­Decken öffnet Doris Mayer die Tür, sie grüßt freundlich, aber mit einer andachtsvollen Reserviertheit, die der jahrzehnte- lange Umgang mit Trauernden wohl mit sich bringt.

Doris Mayer bittet in einen hellen Raum mit Urnen. Hier, an einem weißen Tisch, plant sie mit den Hinterbliebenen die Beerdigungen. "Ich hätte früher nie gedacht,

Doris Mayer in ihrem Bestattungsinstitut, aufgenommen 1999 (oben) und 2023

dass ich mal Bestatterin werde", sagt sie. Schuld sei die ­Liebe gewesen. Damals, in den Siebzigern, führte sie zwei gut laufende Kneipen in Nürnberg, reiste viel und traf beim Keniaurlaub auf ihren heutigen Mann. Ihm gehörte das Bestattungsinstitut. "Er wollte was von mir, aber ich habe das nicht ernst genommen. Wir schrieben uns. Es war Liebe auf den zweiten Blick", erzählt sie. 1979 verkaufte sie die Kneipen, zog nach Frankfurt. Und wurde Bestatterin.
Frankfurt war damals eine andere Stadt, sagt sie. Es gab Industrie und Handwerksbetriebe, das Gallus war ein Arbeiterbezirk. Und heute? In den ehemaligen Fabriken haben sich Kitas eingemietet und Investoren bauen Hochhäuser wie den 172 Meter hohen Grand Tower. Wer ein Apartment kaufen möchte, muss bis zu 30 000 Euro pro Quadratmeter bezahlen. Ein Haus für Reiche – statt für Arbeiter.

Im Gallus leben 44 000 Menschen zwischen Büro­türmen, Shoppingmall und Hauptbahnhof. Gerade hat Frankfurt am Main etwa 770 000 Einwohner – 240 000 von ihnen sind Ausländerinnen und Ausländer, die der Stadt manchmal den Charme einer echten Metropole verleihen, wenn an U-Bahn-Stationen und Imbissen die unterschiedlichsten Sprachen dieser Welt zu hören sind.
Von Doris Mayer gibt es ein Foto aus dem Jahr 1999, aufgenommen in ihrem Bestattungsinstitut. Es zeigt eine ernste blonde Frau um die fünfzig vor einer Reihe Särge, an der Korkwand hängen ein goldgerahmtes Jesusbild und zwei Kruzifixe. Auf einem anderen Foto – 24 Jahre später im selben Raum aufgenommen – hat sich Doris Mayer scheinbar wenig verändert. Der Blick, die Haltung: wie damals. Dafür sieht der Raum vollkommen anders aus. Weiß gestrichene Wände – ohne Jesus, die Särge sind einem Regal mit Urnen gewichen.

Der Frankfurter Fotograf, der die beiden Bilder schoss, heißt Bernd Roselieb, ein großer Mann mit scharf geschnittenen Gesichtszügen. Roselieb porträtiert Finanzvorstände, CEOs oder Schriftsteller wie T. C. Boyle. Er ist in seinen Fünfzigern, hat drei Kinder und wohnt am Rande der Stadt, in einem Haus mit großen Fenstern und einem wilden Garten. In seinem kleinen Arbeitszimmer zeigt er Porträts von Ladenbesitzern aus dem Gallus, Frankfurts bevölkerungsreichstem Bezirk. Aufgenommen in den Jahren 1999 und 2000, kurz bevor Roselieb mit seiner Frau die Mietwohnung im Gallus verließ, um in das Haus am Stadtrand zu

Klaus Müller vor seinem Imbiss. Das Bild oben zeigt ihn im Jahr 2000, das unten im Jahr 2023

ziehen. "Für die Porträtserie gab es keinen Auftrag. Ich hab sie für mich gemacht", erzählt er mit tiefer Stimme. Die Bilder waren ein Abschied von seinem Viertel, in dem er jahrelang gelebt hatte. Und ein Abschied von der Zeit, als er noch nicht vom Fotografieren leben konnte und Taxi fuhr, noch keine Kinder hatte und mit dem Rucksack monatelang durch Nepal reiste. Nun ist Roselieb erneut mit seiner Kamera durch das Gallus gezogen, auf der Suche nach den Menschen und Orten von damals. "Ich bin neugierig, was sich verändert hat", sagt er.

Wer könnte es besser erzählen als Doris Mayer. Sie schenkt Kaffee ein. "Fast alle alten Läden an der ­Mainzer Landstraße sind weg. Der Bäcker, der Metzger, die Goldschmiedin, das Miederwarengeschäft." Manche der Geschäfte stehen leer. In einem bietet jetzt ein Imbiss bis spät in die Nacht Tandoori an, ein Shop verkauft bunte Klebefolien für Autos. "Nur zwei Geschäfte von früher sind noch da: der Schlüssel-Friedrich und der Fahrrad-Ganzert." Lange Zeit sei ihre Ladenmiete kaum gestiegen, sagt Doris Mayer. Als ihre Vermieterin mit fast hundert starb, zwei Jahre ist das her, wurde das Haus verkauft. Der neue Besitzer verdoppelte die Miete. Sie verkleinerte den Laden um die Hälfte, so blieben die Kosten wie bisher.

Um ihren Hals hängt eine zarte goldene Kette. Sie nimmt sie ab, zeigt die Anhänger. Die Milchzähne ­ihrer Kinder, heute längst erwachsen. Marlies Braun, die Schmiedin aus dem geschlossenen Laden von nebenan, hatte die winzigen Zähne in Gold gefasst. "Eine ­burschikose Frau, eine Künstlerin", sagt Mayer. Das Geschäft blieb aber in den letzten Jahren immer häufiger geschlossen. Ein grünes Schild mit gelber Schrift hängt noch über dem verrammelten Laden: "Die Goldschmiede – seit 1924 im Gallus". Bernd Roselieb hat 1999 auch die Goldschmiedin fotografiert. Eine zierliche alte Dame mit kurzem grauen Haar. Sie lehnt auf der gläsernen Auslage voller Schmuck, schaut stolz in die Kamera. Sein Foto aus dem Jahr 2023 zeigt nur die Fassade mit heruntergelassenem Rollo. Er kam zu spät. Sie starb kurz zuvor. Seitdem steht der Laden leer.

Mayer schaut sich die Porträts der Menschen aus dem Viertel an. "Ah, die Podubrin und ihr Miederwarengeschäft!" Es liegt nur ein paar Häuser weiter. Aufgegeben, schon seit ein paar Jahren, sagt Mayer. Das Ladenschild hängt dort noch immer. Der rote Schriftzug ist verblasst, die Rollos unten – wie bei so vielen Geschäften, die Roselieb fotografiert hat.

1999: Hyung-Ho Park in seinem Asiamarkt. Hier hat Behailu Tafere Abreha (rechts) nun sein Restaurant eröffnet

Mayer deutet auf einen Mann in blauer Arbeitsmontur. Jose Ruiz in seiner Autowerkstatt. "Er hat die Werkstatt verkauft, jetzt steht dort ein großes Wohnhaus", erzählt sie. Mayer betrachtet ein Foto. Ein älterer Mann, der traurig in die Kamera blickt. "Ihn haben wir bestattet", sagt sie. Dann blättert sie weiter. Und lacht. Das Foto von Klaus ­Müllers Imbiss. Ein Mann mit Schnauzer vor einer winzigen ­gelb-roten Wurstbude, die Hände in die Hüften gestemmt. Auf dem Foto aus dem Jahr 2000 ist der Schnauzer braun und der Lack der Bude glänzt. Dreiundzwanzig Jahre ­später ist der Schnauzer grau, Müllers Gesicht faltig, der Lack bröckelt. "Beim ihm haben wir oft gegessen", sagt sie. "Am liebsten Currywurst und Hotdogs, das Fleisch hatte er von einem Metzger aus Bad Vilbel, der noch selbst schlachtet. Das schmeckte man." Müllers ­Imbiss sei immer häufiger geschlossen geblieben. Jetzt habe er aufgehört. Mayer hat noch eine Speisekarte vom Imbiss. Die Bratwurst mit Brötchen: 2,30 Euro, der Hotdog 2,60 Euro, Pommes 1,60 Euro. Die Preise aus dem Jahr 2023. ­Ein paar Meter weiter muss man für einen Döner 8,50 Euro bezahlen. Ein anderer Frankfurter Dönerladen knackte die 10-Euro-Marke und brachte es damit auf die Titelseite der Bildzeitung. Ein Rätsel, wie Müller so lange mit seinen niedrigen Preisen über die Runden kam.

All die Jahre habe sie dort regelmäßig gegessen, sie kannten sich, er machte Witze, sie lachten, erzählt Doris Mayer.
"Haben Sie noch Kontakt zu ihm?" "Nein", sagt sie. "Wissen Sie, wo er wohnt?" "In Bad Vilbel." Warum hörte Müller auf? Lohnte es sich nicht mehr? Im Telefonbuch von Bad Vilbel stehen zwei Klaus Müller, aber keiner von ihnen ist der Richtige.

Marlies Braun 1999 in ihrer Goldschmiede. Jetzt steht der Laden leer

"Wir sind eine der kleinsten Pietäten der Stadt", sagt Doris Mayer. "200 bis 250 Bestattungen pro Jahr – je nach Wetter. Wenn das Wetter stark schwankt, sterben mehr. Auch vor Weihnachten häufen sich die ­Todesfälle." Sie berät Hinterbliebene, macht den Papierkram. Um die Leichen kümmerten sich andere, etwa ihre Tochter. Doris Mayers Mann hat sich längst aus dem Geschäft zurückgezogen. Sie selbst will noch nicht aufhören. Als ­Bestatterin muss sie zuhören können, Traurigen Mut ­machen, ­Einsamen ein Anker sein. Wie eine gute Kneipenwirtin – die sie mal war.

Wie ihre eigene Beerdigung ablaufen soll, hat sie längst geplant: lila Sarg mit Glitzer, pinke Gerbera und Songs von Tina Turner. "Dazu habe ich früher immer getanzt." Danach die Einäscherung. Eine schlichte Steinplatte genüge, die Familie solle mit dem Urnengrab keine Arbeit haben.
Auch die meisten ihrer Kunden bevorzugen die ­Urne. 1979 hätten noch 90 Prozent eine Erdbestattung gewünscht. Auch war damals fast jeder der Verstorbenen Mitglied bei einer Kirche. Heute wollten meist nur noch die Hochbetagten einen Geistlichen bei ihrer Beerdigung, immer mehr wünschen sich lieber einen Trauerredner. Bei den Jüngeren sei es üblich, dass Freunde eine Rede halten.

Doris Mayer blättert durch die Fotos aus dem Jahr 2023. Neue Gesichter. Sie erkennt kaum einen der Menschen. Aber das Bild eines Friseursalons sagt ihr was. Es ist der Laden von Snjezana Zarko. "Den gibt es schon ewig", sagt Mayer.

Snjezana Zarko, eine große blonde Frau, arbeitet ­allein in ihrem Salon. Ein schmaler Raum, drei Stühle, ein Haarwaschbecken. Zarko ist 53, führt den Laden seit 18 Jahren. Vorher war sie dort angestellt. Als ihr Chef in den ­Ruhestand ging, übernahm sie. Gegründet wurde das ­Friseurgeschäft in den Siebzigern. An der Einrichtung hat Zarko kaum etwas verändert. "Was solls sein?", fragt sie. "Bitte glatt rasieren." Zarko erzählt, wie sich ihr Viertel verändert hat. 1989 kam sie mit ihrer Familie von ­Jugoslawien nach Deutschland, wurde Friseurin, machte ihre Meisterprüfung. In den Neunzigern wurden in den Adlerwerken noch Büromaschinen produziert und bei Holz-­Fiedler Stämme zersägt. Nach Schichtende ließen sich viele Arbeiter im Friseursalon die Haare ­schneiden, erinnert sie sich, und manchmal, bei gutem Wetter, ­spielten die Wartenden vor dem Geschäft Skat, um sich die Zeit zu vertreiben. Die Betriebe haben längst dichtgemacht. "Statt Arbeiter kommen jetzt Senioren. Viele seit zwanzig Jahren", sagt sie.

Wo Tosun Yilmaz 1999 Obst und Gemüse verkaufte, steht heute ein neues Wohnhaus

Allein zu arbeiten hat auch Nachteile, sagt sie. Vor ein paar Jahren bedrohte sie ein vermummter Mann mit einer Pistole, forderte das Geld aus der Kasse, schlug mit dem Knauf der Waffe in ihr Gesicht. Sie griff nach einem Aschenbecher, holte aus – und der Mann floh. Sie rannte ihm hinterher, schrie um Hilfe, Leute kamen dazu. Aber der Mann wurde nie gefasst. Die Geschichte brachte es in die Zeitung, "Friseur-Chefin schlägt Räuber mutig in die Flucht", schrieb ein Lokalblatt. Das Foto im Artikel zeigt ihr grün geschwollenes Gesicht. Die Flecke verschwanden rasch, sagt sie, aber ein mulmiges Gefühl beschleicht sie ab und an, wenn sie abends allein im Laden steht.

Ein Trockenhaarschnitt kostet bei ihr 19 Euro, die Kaltmiete für den kleinen Laden liegt bei 800 Euro. Ein Mann habe vor kurzem das Haus gekauft, nun drohe eine Miet­erhöhung. "Irgendwann wird das einfach zu teuer", sagt sie. Den Mietvertrag hat sie gekündigt –­ und sich ein Haus gekauft. Im Erdgeschoss will sie einen kleinen Friseur­laden aufmachen. Sie bleibt im Gallus. Der neue Salon ist einen Kilometer entfernt. "Die alte Einrichtung kommt natürlich mit", sagt Zarko.

Manche von Bernd Roseliebs Fotos erzählen auch vom ­Neubeginn. Etwa von ehemaligen Lagerhallen in der denkmalgeschützten Hellerhofsiedlung, in denen Künstler nun ihre Ateliers bezogen haben. Eine von ihnen ist Maike Häusling, 49 – und gerade ziemlich erfolgreich. Auf 60 Quadratmetern fertigt sie Installationen an, die an bunte Mobiles erinnern. Die kleinsten beginnen bei 2000 Euro. Manche füllen große Räume. Seit vier Jahren arbeitet sie hier. Durch die großen Fenster können Fußgänger ins Atelier schauen. "Viele ältere Leute aus dem Viertel haben erst nur geguckt, dann trauten sie sich rein – und nun kommen viele täglich auf ein Schwätzchen vorbei", erzählt Häusling.

In der Ecke steht ein Baseballschläger. Den schenkte ihr ein Freund aus dem noblen Stadtteil Sachsenhausen zum Einzug. Das Gallus hat bei manchen einen ­schlechten Ruf. "Zu Unrecht. Ich habe den Baseballschläger nie gebraucht", sagt sie.

Die Fotos erzählen auch Geschichten von Menschen, die etwas wagen – wie Behailu Tafere Abreha. Er ist 57, stammt aus Äthiopien und hat sich vom Kioskbetreiber zum Restaurantbesitzer hochgearbeitet. Vor zwei Jahren eröffnete er vom Ersparten das "Tigray". Dort bietet er äthiopische Gerichte an. Ein großer Raum mit 19 Tischen. "3000 Euro Kaltmiete", sagt er leise. Seit 2004 lebt er hier. Nur ­wenige Tische sind besetzt. Es ist früher Abend. Ob sich das ­"Tigray" halten könne, werde die Zeit zeigen. Sein Handy brummt ständig, er geht ran: "Sorry, Termine, Termine – keine Zeit", sagt er.

In der Dämmerung auf der Mainzer Landstraße: Dort, wo einmal Klaus Müllers Wurstbude stand, liegen zer­bors­tene Bretter und verrostete Eisenstangen. Bauarbeiter ­räumen die Baustelle. Der Chef sitzt schon im Transporter und schaut auf sein Handy. Ob er Klaus Müller kennt?

Früher eine Textilreinigung, heute Atelier der Künstlerin Maike Häusling

Ja. "Unsere Männer sind da oft hingegangen, schade, dass er nicht mehr da ist", sagt der Chef. Wenn der Bauschutt weggeräumt ist, wird hier gar nichts mehr an Müllers ­Imbiss erinnern. Als hätte es ihn gar nicht gegeben.

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