Wohnlage - Mietshhäusersyndikat
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Menschenwürdigen Wohnraum schaffen
170 selbst organisierte Haus- und Wohnprojekte haben sich im Mietshäuser Syndikat im Verbund zusammengeschlossen. In wenigen Jahrzehnten ist so ein schlagkräftiger Zusammenschluss von Menschen entstanden, die selbst organisiert in eigenständigen Haus- und Wohnprojekten leben wollen.
11.01.2022

Wer hilft bei der Suche und Organisation von neuen Wohnformen? Hier in diesem Blog bin ich schon öfter auf diese Frage eingegangen und habe verschiedene Einrichtungen vorgestellt oder Infos dazu gegeben: so zur Stiftung Trias,  zur Montag Stiftung, in Hamburg über die Agentur für Baugemeinschaften, in München die  Mitbauzentrale oder ein Gespräch mit Eva Stützel, die das Ökodorf Sieben Linden mit aufgebaut und jetzt einen Ratgeber herausgegeben hat.

Heute geht es um das Mietshäuser Syndikat in Freiburg. 1992 gab es die erste Gründungsversammlung der „Mietshäuser in Selbstorganisation“, ein Jahr später dann hat sich das Syndikat gegründet. Jochen Schmidt, mit dem ich diese Woche telefonierte, ist schon lange dabei und weiß, worum es hauptsächlich geht: „Die Wohnraumspekulation bekämpfen, und zwar nachhaltig.“ 

Von der Hausbesetzung zum Syndikat

Die Kerngruppe bestand aus einer Handvoll engagierter Menschen in Freiburg. Die meisten von ihnen kamen aus der Hausbesetzer-Szene und hatten miterlebt, dass aus ehemals alternativen Hausprojekten mit den Jahren wertvolle Gebäude auf oftmals ebenso wertvollem Grund und Boden wurde. Gemeinschaften lösten sich auf, Häuser und Grundstücke wurden gewinnbringend verkauft.

Dafür waren sie nicht angetreten und das wollten sie verhindern. Sie gründeten das Mietshäuser Syndikat.

Die Grundidee: Interessierte Menschen, die anders und vielleicht zusammen mit einer Gruppe leben möchten, gründen einen Verein und dann eine GmbH, um selbst organisiert gemeinsam unter einem Dach zu leben.

Droht ein Verkauf, hat das Syndikat ein Vetorecht

Diese GmbH hat immer zwei Gesellschafter: den Hausverein und das Syndikat, als Kontroll- oder Wächterfunktion. Sollte tatsächlich mal eine Umwandlung von Mietwohnungen in teures Eigentum oder gar ein Verkauf drohen, dann hat das Syndikat ein Vetorecht.

„Wir nehmen die Häuser so aus dem Markt“, formuliert es Jochen Schmidt, der mittlerweile neben seinem Ehrenamt auch noch eine Teilzeitstelle in Freiburg besetzt, in der Buchhaltung und Verwaltung des Syndikat- Vereins. Denn die Arbeit wird immer mehr und lässt sich rein ehrenamtlich kaum noch schaffen. 170 Projekte und 16 Initiativen haben sich (Stand Anfang 2022) im Verbund zusammengeschlossen. Ein Verbund, dem nicht nur Hausprojekte beitreten können – auch ein Schiff könnte sich Jochen Schmidt als „Wohnprojekt“ im Syndikat vorstellen. Hauptsache, das Ziel ist klar: „Menschenwürdiger Wohnraum, das Dach über dem Kopf, für alle“, so das Motto aus der Vereinssatzung.

"Grund und Boden sind keine Handelsware"

Am wichtigsten für die Mitglieder des Syndikats ist die Vernetzung. Denn während die Projekte zu Anfang vor allem Unterstützung bekommen, z.B. bei der Suche nach Menschen, die sich mit einem Direktkredit beteiligen, dreht sich die Richtung später wieder zurück: Wie in einer Universität der Alumni-Verein zahlen die fertigen Projekte in eine Solidarkasse des Syndikats ein – und das Geld wiederum hilft „Anfänger“-Projekten. Ein ständiges Nehmen und Geben, das sich über die Jahrzehnte etabliert hat und das bis auf wenige Ausnahmen gut funktioniert, berichtet Jochen Schmidt.

Gut 100 Menschen umfasst der „harte“ Kern von Ehrenamtlichen, die mittlerweile auch in Regional-Büros in ganz Deutschland mitarbeiten. Auch in Österreich, in Spanien, Holland und anderen Ländern haben sich Schwesterorganisationen gegründet; der Austausch über die Grenzen hinweg ist spannend und interessant. Wer jemals einen Verein in Deutschland gegründet hat, weiß, wie spezifisch kompliziert schon das deutsche Vereinsrecht ist. In anderen Ländern herrschen völlig andere gesetzlich verankerte Voraussetzungen. Hier kann man voneinander lernen und sich bereichern. 

Was sich Jochen Schmidt für die Zukunft wünscht?

„Wir könnten noch etwas bekannter sein", sagt er. Doch noch viel wichtiger als die eigene Bekanntheit sei die grundsätzliche Erkenntnis: "Grund und Boden sind keine Handelsware."

Wer sich weiter informieren will, auf der Seite des Syndikats gibt es einige schöne Filmbeiträge. Die Info-Broschüre steht kostenlos zum Runterladen auf der Webseite.
 

 

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Kolumne

Dorothea Heintze

Dorothea Heintze lebt in einer Baugemeinschaft in Hamburg und weiß aus eigener Erfahrung: Das eigene Wohnglück finden ist gar nicht so einfach. Dabei gibt es tolle, neue Modelle. Aber viele kennen die nicht. Und die Politik hinkt der Entwicklung sowieso hinterher. Über all das schreibt sie hier.